Berlin, 21. August 2017

Ich habe zwölf Tage in der Schweiz verbracht, wo ich unter anderem Nach Gott von Peter Sloderdijk gelesen habe.

Darin untersucht der Philosoph in Philosophensprache (von der Bedeutung mancher Worte hatte ich nur eine ungenaue Vorstellung; ich musste sie nachschlagen) das Verhältnis der Menschen zu ihren Göttern, und wie es sich im Laufe der Zeit änderte.

In unserer heutigen, wissenschaftlich-rationalen Welt ist alles erfahrbar. Alles ist somit in der Welt, außerhalb derer nichts mehr liegt. Ein Jenseits, also auch jener latente Raum vor und nach dem Tod, in welchen das Leben früher hineinzuragen schien, ist nicht mehr denkbar, denn alles Denkbare ist eben in der Welt. Natürlich wurde vieles noch nicht erforscht; trotzdem aber liegt es nicht jenseits der Welt, sondern einfach nur jenseits des Erforschbaren (welches aber eine sich vorwärtsbewegende Grenze ist, der frontier zu amerikanischen Pionierzeiten gleich). Transparenz ist also nicht mehr möglich, weshalb sowohl Gott als auch die Seele tot sind.

Weil wir aber beides trotzdem nötig haben, fanden wir Äquivalentes in der Welt. Die Seele wurde von Freud gerettet: das Unbewusste oder die Psyche genannt. Da uns aber auch im rationalen Materialismus der transzendente Trost gelegen kommt, wurde auch Gott (obwohl selten noch so genannt) wieder erfunden. Er musst nun aber in der Welt existieren – größtenteils unerforscht zwar, aber grundsätzlich erforschbar. (Es ist bezeichnend, dass hinter der letzten Grenze der Wissenschaft etwas vermutet wird, was allgemein das Gottesteilchen genannt wird.) Kein Pol in der Transzendenz also, sondern eine weltliche Kraft. So ein Gott ist kein Gott der Botschaften mehr, kein Gott der Propheten und Offenbarungen und selbstmächtigen Eingriffe ins Geschehen, sondern er ist eben in der Welt vorhanden, wo es die Aufgabe jedes Einzelnen ist, ihn zu finden. Oder besser gesagt es zu finden, den Gott ist nun keine Person mehr, sondern ein Prinzip.

Ein Prinzip ist ein Naturgesetz. Es ist jedem zugänglich, der es richtig anwendet. Das Karma ist so ein Prinzip oder auch das in Transzendenz-hungrigen, aber einem persönlichen Gott nicht mehr zugetanen Kreisen beliebte law of attraction. Das Prinzip hat für den modernen, mehr oder weniger gebildeten Menschen Vorteile: man fleht es nicht an; man wendet es an. Es hat natürlich auch Nachteile, vor allem für diejenigen, die es (Ihn!) am meisten nötig hätten. Für diejenigen also, die es nicht einmal schaffen, erforschte und viel einfacher verständliche Prinzipien richtig anzuwenden. Sie dürfen keine Fremdhilfe von Außerhalb mehr erwarten. – Vorteile also für die Denker, welche Gott von der Person zum Prinzip gedacht haben, aber auch für die freiberuflich oder angestellt tätigen Menschen mit Lohn und Freizeit und kurzweiligen Vergnügungen. Nachteile für die weniger Glücklichen.

Auf die Idee, dass Gott gleichzeitig Person und Prinzip sein könnte, scheint noch niemand gekommen zu sein, den das Sowohl-als-auch entspricht nicht unserer Erfahrung der Welt (weshalb es auch so schwierig ist, die Quantenrealität zu verstehen).

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