Ortega y Gasset

Wieder einmal ein Zitat, eine Fußnote aus Ortega y Gassets Der Aufstand der Massen (1930). Es hält dazu an, sich bei der öffentlichen Verkündigung der eigenen Meinung zurückzuhalten, sich stattdessen andere Meinungen anzuhören und den eigenen Output mehr beobachtend als kommentierend zu gestalten.

“Wer sich angesichts irgendeines Problems mit den Gedanken zufrieden gibt, die er ohne weiteres in seinem Kopf vorfindet, gehört intellektuell zur Masse. Elite dagegen ist derjenige, der gering schätzt, was ihm mühelos zufällt, und nur seiner würdig erachtet, was über ihm ist und mit einem neuen Ansprung erreicht werden muss.”

Zwei Kaffees

Im August pflegte ich meinen Kaffee am frühen Morgen zu trinken, wie ich es manchmal eine Zeitlang gerne tue, obwohl dieser Habitus früher oder später zwangsläufig Kaffeeprobleme nach sich zieht. Ich beginne während solchen Phasen immer früher zu erwachen und meinen Kaffee noch schlaftrunken und ohne die nötigen Vorbereitungen zu trinken. Nach ein paar Wochen kommt dann jeweils die unvermeidliche Erkenntnis, dass ich meine Kaffeegewohnheiten wieder disziplinieren muss. Damit meine ich nicht weniger Kaffee zu trinken, denn ich trinke nie mehr als zwei Tassen pro Tag, sondern später und zum richtigen Zeitpunkt Kaffee trinken. – Dieses Mal ereilte mich die Einsicht an einem Sonntag. Ich trank in der Cafeteria des Deutschen Historischen Museums eine Tasse guten deutschen Filterkaffees, die mir aber nicht schmeckte. Sie hatte weder einen psychologischen noch einen körperlichen Effekt auf mich. Ich wusste, dass eine weitere Phase frühmorgendlichen Kaffeetrinkens ihr Ende genommen hatte.

Am Montagmorgen stand ich wieder immer früh auf, um zu arbeiten, verzichtete dabei aber auf den Kaffee. Das fiel mir gar nicht schwer, da ich wieder Lust auf die Rückkehr zu den alten Kaffee-Gewohnheiten hatte, wie jemand der sich gegen Ende des Urlaubs wieder auf die alltäglichen Routinen freut. Wir frühstückten zu Hause. Gegen zehn Uhr ging ich mit Pepis los. Der Morgen war schön. Hand in Hand gingen wir zur Haltestelle, fuhren zwei Stationen weit mit dem Tram und spazierten dann zum Café Kraft, wo ich einen Cortado und Pepis einen Croissant bestellte. Wir saßen draußen auf der Bank, beobachteten das Geschehen auf der Straße (Müllmänner waren am Werk) und unterhielten uns darüber. Zehn Minuten später wurde mir ein perfekter Kaffee serviert und er schmeckte so gut, wie schon lange nicht mehr. Neben uns las ein Mann die TAZ und wunderte sich darüber, wie lange er auf seinen Kaffee warten musste. Ich sagte ihm, dass sei hier so üblich, das Warten lohne sich aber.

Am Dienstagmorgen dann hatte ich große Lust, die perfekte Kaffeeerfahrung vom Montag zu wiederholen. Ich arbeitete zwei Stunden lang und ging dann los. Bubi und Pepis schliefen noch. Ich wollte auf die andere Seite der Geleise, wo Biomärkte oder zumindest ein Rewe zu finden sind (im Gegensatz zum Penny auf unserer Seite der Geleise, wo wir bei unserem einzigen Besuch Zeugen eines Streits an der Kasse mitsamt anschließendem Schreiduell wurden). Ich wollte also in einem schöneren Supermarkt einkaufen und danach ins Café Kraft gehen. Als ich aber bereits im Tram saß, taten mir Bubi und Pepis, die unterdessen bestimmt bereits wach wären und auf die Brötchen warteten, plötzlich leid. Ich ging deshalb in den ersten Supermarkt nach den Geleisen, kaufte für den Tag ein und fuhr dann, immer noch koffeinfrei, wieder nach Hause. Dort angekommen, stellte ich fest, dass die beiden noch schliefen. Perfekt: So konnte ich mir selbst in aller Ruhe einen Kaffee machen. Ich stellte einen kuriosen kleinen Espressokocher auf den Herd, bei welchem das schwarze Gebräu aus zwei Aluminiumröhrchen direkt in zwei Espressotassen tröpfelt. Während der Kaffee in Vorbereitung war, wärmte und schäumte ich ein wenig Milch. Dann goss ich kochendes Wasser in eine etwas größere Tasse, um diese vorzuwärmen. Schließlich kippte ich die beiden fertigen Espressos in die größere Tasse und leerte die heiße Milch dazu. Als der hausgemachte Cortado trinkfertig auf dem Tisch stand, vernahm ich aus dem Schlafzimmer, dass Bubi und Pepis sich zu regen begannen. Ich setzte mich mit meiner Tasse Kaffee aufs Küchensofa und wartete darauf, dass der Tag beginne.

Jetzt, am Mittwoch, dies schreibend, trinke ich wieder eine Tasse Kaffee, die dritte in dieser Woche, erneut zu Hause wie gestern zubereitet. Vielleicht gehe ich nach dem Mittagessen sogar noch ins Café Kraft.

Berlin, 28. August 2017

Traum: Ein Wahnsinnssturm zieht über Gossau. Die Regentropfen gleichen Nadeln, welche durch die Luft wirbeln. Ab und zu blitzt Feuer am Himmel auf. Es handelt sich aber nicht um herkömmliche Blitze sondern um Feuerbälle, welche vielleicht durch die extreme Reibung von Wind und Regen entstehen. Ganz unverhofft zieht das Gewitter dann weiter. Auf die Dunkelheit folgt Sonnenschein, aber ich wundere mich darüber, dass die Sonne im Osten steht, obwohl es Abend ist. Ich vermute, dass dieser Sturm etwas Übernatürliches war. Er scheint die ganze Welt umgepolt zu haben. Jetzt, beim Schreiben, denke ich an Lars von Triers Film Melancholia.

Ich öffne das Fenster, aber es windet immer noch sehr stark. Dies bestärkt meinen Eindruck, dass etwas Außergewöhnliches geschehen ist. Ich drehe die Sonnenstore hoch, damit der Wind sie nicht ausreißt. Nachher gehe ich ins Zimmer meiner Eltern. Die Sonnenstore meiner Mutter ist noch unten und ich erkläre ihr, dass sie bei so starkem Wind fortgerissen werden könnte. Meine Mutter sagt, sie hätte sie bei solchem Wetter immer unten um doppelt geschützt zu sein, sieht aber meine Argumentation ein und dreht die bereit bedrohlich flatternde Store hoch. Dann entdecken wir, dass das Fenster offen gewesen war und der Wind viel Dreck und Sand und Ameisen ins Zimmer geblasen hatte. Das Sims und der Boden und die Wand rund ums Fenster sind voll davon. Überall krabbelt es. Meine Mutter ist aufgebraucht, ich bleibe ruhig. Es ist als hätte ich meinen immer wiederkehrender Traum von den unsicheren, durchlässigen eigenen vier Wänden an jemand anderen weitergereicht. Hier bricht das Bild ab.

Beim Schreiben fiel mir noch ein, was dem Sturm vorausgegangen war: In Gossau, oder eigentlich eher in einer Großstadt, in der aber mein Elternhaus samt dazugehörigem Quartier stehen, findet eine Konferenz statt. Ich habe morgen hinzugehen, heute Abend aber noch muss ich ins Zentrum (der unbekannten Großstadt), um mit meinem Geschäftspartner und Kunden zu essen. Ich habe keine Lust bei dem Sturm rauszugehen, halte es aber noch für möglich, denn er hat seinen Höhepunkt mit den Feuerbällen noch nicht erreicht. Merkwürdigerweise liegt unten in meinem Elternhaus ein Restaurant. Auch dieses ist für ein Firmenessen gebucht worden, obwohl es weit vor den Toren der Stadt liegt, denn alle Restaurants sind ausgebucht. Zum ersten Mal überhaupt hat eine Gruppe von Ausländern hier einen Tisch gebucht. Ich will den Essenden von meinem Zimmer aus zusehen, muss aber selber in ein Restaurant, was ich bedauere. Dann aber kommt es zum oben beschriebenen Sturm und die Fahrt in die Stadt fällt ins Wasser.

Die erste Schlagzeile die ich am Morgen lese ist: Ex-hurricane Harvey: Houston flooded as catastrophe unfolds in Texas. Ich frage mich, was ein Ex-Hurrikan sein soll und denke daran, dass ich selbst vor ein paar Monaten in Texas an einer Konferenz war.

Berlin, 27. August 2017

 

Heute Besuch im Deutschen Historischen Museum. Pepis war natürlich auch mit von der Partie, weshalb ich den größten Teil der Zeit damit verbrachte, Waffen, Porträts dicker Generäle und Bilder kriegerischer Auseinandersetzungen einem Vierjährigen zu erklären. Das Bild einer Schlacht zu Pferde aus dem Dreißigjährigen Krieg fasziniert ihn besonders. Ein paar Männer liegen darnieder, auch ein Pferd. Einer der Kämpfer reitet davon. Ein Fahnenflüchtiger? Oder hat er eine dringende Botschaft für die Kriegsherren hinter der Front? Pepis hält ihn für einen gescheiten Mann, im Gegensatz zu den Gefallenen und den Kämpfenden. Auch ich stelle in mir ein besonderes Interesse für die Gegenstände aus dem Dreißigjährigen Krieg fest. Das liegt vielleicht daran, dass dieser zwar aus der kollektiven Erinnerung verschwunden ist, sich aber immer noch als dunkle Ahnung im Unterbewusstsein hält. Er liegt damit zwischen der jüngeren Geschichte und dem längst Vergangenen. Der Holocaust oder die amerikanische Sklavenzeit zum Beispiel sind noch sehr präsent – sie ragen kalt und hart in unsere Zeit hinein; die Pest oder gar die Christenverfolgungen aber sind längst Geschichte. Gegenstände aus dem Dreißigjährigen Krieg: Totenköpfe, ein tanzender Teufel, die nackte Venus, welche einen Kriegsgott verzweifelt zur Räson zu bringen versucht.

Nach einem Sandwich und einem Kaffee ging’s dann in die Ausstellung über die Weimarer Republik und was danach folgte. Bei der Bücherverbrennung wurde es für Pepis zu viel. Er ging mit seiner Mama in den sogenannten Lustgarten, während ich, schneller als mir lieb war, noch bis zum Kriegsausbruch vordrang. Die Weimarer Republik und die ersten Nazijahre faszinieren ebenfalls. Man will sich ins Dorf zurückziehen und alles aus der Distanz beobachten, fühlt sich aber von den Menschenaufläufen doch immer wieder angezogen. Ich sah einen Ausschnitt von Triumph des Willens (ich werde mir den Film auf Youtube anschauen). Darauf folgt ein weiterer Ausschnitt vom Jud Süß. Spätestens hier beginnt klar zu werden, dass der Triumph des Willens übers Ufer läuft und außer Kontrolle zu geraten droht. Das Museum betritt jeder mit dem Vorwissen des Spätergeborenen. Denjenigen die aber damals mitten im Strom der Geschichte steckten, fehlte dieses Wissen. Berauscht und mit drehendem Kopf trieben sie dahin. Nur wenigen vermochten einen kühlen Kopf zu bewahren. Den Plakaten und Pamphleten nach zu urteilen, vor allem voran die Sozialdemokraten. Aber auch sie wurden wie alle anderen in wenigen Jahren zum verstummen gebracht und gleichgeschaltet. Wie das geschehen konnte, bleibt mir trotz aller Bücher ein Rätsel.

Später bei einem ausgezeichneten Inder im Sprengelkiez. Auch hier beginnt das neue Berlin sich einzunisten, aber nur ganz zaghaft. Am U-Bahnhof Leopoldplatz befehenden sich zwei Gruppen von Taugenichtsen. Ein Geschrei und Getue. Nur weg hier, zurück in einen zivilisierten Stadtteil.

 

Berlin, 26. August 2017

Traum: Ein befreundeter Arzt konnte aus unbekannten Gründen seine Sprechstunde nicht verrichten und bat mich, einen Morgen lang für ihn einzuspringen. Im Viertelstundentakt war mit Patienten zu rechnen. Ich sollte sie empfangen und mit einer Diagnose beruhigen. Wie das genau gehen sollte, war nicht klar, aber der Arzt und auch ich selbst waren der Meinung, dass es schon hinhauen würde. Trotzdem war ich nervös. Vor allem fürchtete ich, aufzufliegen, zum Beispiel durch einen mit der Medizin vertrauten Patienten oder durch Pausengespräche mit den anderen Ärzten im Gesundheitszentrum. Man würde meine Inkompetenz als Arzt erkennen. Nachdem ich erwacht und wieder eingeschlafen war, und im kurzen Wachzustand bereits über den Traum reflektiert hatte, kam er nochmals zurück. Dieses Mal wurde ich nach meiner halbtägigen Episode als falscher Arzt selbst krank.