Madrid, 31. Juli 2017

Noch eine Woche in Madrid; die Hitze ist erträglich.

Ich überfliege die am Wochenende geschriebenen Seiten im Notizbuch: Notate zu Goethe und Spinoza, diesem Verfechter der pantheistischen Weltseele. Dem gefährlich Ketzer, wie er geschimpft wurde. Goethes Gedanken zu Gott interessieren mich auf den ersten Blick weniger; er selbst, das Genie, stellt sich selbst auch beim Nachdenken über höhere Mächte in den Mittelpunkt. Aber natürlich darf man Goethe nie einfach so abschreiben – dem Eintauchenden hat er immer mehr zu bieten, als an der Oberfläche ersichtlich ist.

Danach ein paar Abschnitte zu PHotoESPAÑA 2017: Ich hatte an einem heißen Samstag drei Ausstellungen gesehen. Am eindrücklichsten (den Namen der Fotografin habe ich mir trotzdem nicht gemerkt) Bilder aus Äthiopien: religiöse Rituale aus einer zerklüfteten Bergregion. Keine Pflanzen, überall nur Fels und Stein. Das billige Moderne ist bestimmt auch bis dorthin vorgedrungen, aber es bleibt bewusst außerhalb des Bildfelds; nur manchmal blitzt ein T-Shirt unter der langen, weißen Tracht durch – man vermutet ein global erkennbares Logo darauf.

Ein erinnertes Bild aus einem Traum: Ich notiere in ein Notizbuch (dieses selbe Notizbuch, in welches ich alles notiere) eine “Arbeitsthese”. Ein “Arbeiter” (im jüngerschen Sinne) will sich dieser These wegen meines Notizbuches bemächtigen. Ich verhindere es, weil ja auch viel Persönliches und Musisches drinsteht. Im Traum habe ich Angst vor dem Arbeiter, gleichzeitig aber stößt mich dieser auch weg, will sich nur meiner Thesen bemächtigen, interessiert sich nicht für mich. Gleich nach dem Erwachen lese ich dann zufällig bei Safrinski über Tasso und Antonio, dieses Stück, dass die zwei Seelen in Goethes Brust personifiziert, die bürgerliche und die poetische. Es ist mir schon oft aufgefallen, dass Träume manchmal nahtlos in den Wachzustand übergehen, in meinem Falle vor allem durch die Lektüre. Natürlich geht es im Traum um die Ansprüche der bürgerlichen Seele an die poetische, aber die Botschaft (wenn man an Botschaften in Träumen glaubt) ist schwer zu deuten.

Auch noch erwähnenswert sind die Notizen zum Leben in einer sinnentleerten Welt, welche dem Suchenden gleichzeitig so viele Medien und Wege zur Verfügung stellt, wie noch nie zuvor in der menschlichen Geschichte. Die Oberfläche akkzeleriert und der Mensch treibt im Strudel Arbeit und Unterhaltung immer schneller dahin; die mainstream-Meinungen zu allem werden über sämtliche Kanäle verbreitet, darum braucht man sich nicht mehr zu kümmern (und, man täusche sich nicht, natürlich sind auch die Anti-Meinungen mainstream!); lange Weile ist der Feind, kurze Weile das Ziel und der Weg dahin ist die ununterbrochene Stimulation und die Besessenheit danach, sich gut zu fühlen (feel good). Unter der Oberfläche aber wird man schnell fündig; alle Inhalte sind einem zugänglich. So wird man zum Taucher und politisch natürlich zum Waldgänger. – Mit dieser Beobachtung zusammenhängend, habe ich beschlossen, weniger Bücher zu lesen. Ich möchte mich vermehrt den Klassikern widmen und, was die moderne Literatur betrifft, nur noch einige Steckenpferde pflegen: zeitgenössische deutschsprachige Literatur (vor allem Schweizer Autoren); Geschichte und politische Philosophie (bei Desperate Literature, Madrid’s Shakespeare & Company (und tatsächlich hatte der Besitzer bei S&C in Paris gearbeitet) hatte ich vor einer Woche Fools, Frauds und Firebrands von Roger Scruton bestellt. Die Lieferung des Buches dauert drei Wochen. Auch das ein Heilmittel wider die Akkzeleration.)

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