Dreifache Kälte: “Kraft” von Jonas Lüscher

In den letzten Wochen zwei Konferenzen und ein Blitzbesuch in Ovideo. Im Norden viel Regen und viel gegessen.

Ovideo

Die Konferenzen fanden zum Glück in Madrid statt, was heißt, dass ich, wie ein richtiger Pendler täglich zwei Stunden in der Metro verbrachte. Für die Fahrten kaufte ich mir „Kraft“ von Jonas Lüscher. Die Länge der Stadt täglich zwei Mal durchquerend, las ich das ganze Buch in den Tunnels der Linien 10 und 8.

Noch vor dem Konferenzbeginn, auf dem Heimweg von einem Abendessen mit den Kunden in den ersten Kapiteln des Buches lesend, überkam mich ein merkwürdiges Gefühl der Kälte. Dieses hatte sowohl mit dem Abendessen, als auch mit Kraft zu tun …

Ungefähr zwanzig, sich zum Zwecke des Konferenzbesuchs in Madrid befindende Vertreter einer Pharmafirma, hatten sich zum gemeinsamen Abendessen eingefunden und mich, den externen Dienstleister, dazu eingeladen. Gutes Essen, Smalltalk. Ich langweilte mich einigermaßen. Zu einem einzigen interessanten Gespräch kam es: der Chef der Truppe, aus Indien stammend und in Manchester wohnend, ein ungefähr Sechzigjähriger, hemdsärmelig am Tisch sitzend, stellte ein uraltes, auf dem Unterarm vor sich hin blässelndes Tattoo zur Schau. Eine muntere Amerikanerin fragte ihn danach. Ich vermochte sie zunächst ethnisch nicht einzuordnen, aber es stellte sich heraus, dass sie pakistanischer Herkunft war, was ob ihres uramerikanischen Gebarens kaum zu erkennen war. Beim Tattoo, so gab der Gefragte fröhlich Auskunft, handelte es sich um einen hinduistischen Gott. Mit sieben Jahren hatte der heutige Herr Doktor und Chef irgendeiner Abteilung ihn sich an einer indischen Straßenecke tätowieren lassen! Er stellte sich als tiefgläubig heraus, während die Amerikanerin Generisches wie „im Kern geht es in jeder Religion um dasselbe“ zum Besten gab. Es entstand ein interessantes Gespräch zum Thema. Unerwartet, den die mächtigen Stämme unserer Zeit, die multinationalen Unternehmen, vermeiden normalerweise die Erwähnung der alten Stämme (vor allem Religion aber auch Politik) wie der Teufel das Weihwasser.

Aber zurück zum merkwürdigen Gefühl der Kälte. Wodurch wurde dieses verursacht? Zum ersten und zum zweiten durch das Buch, darauf komme ich zurück, zum dritten aber, weil es an solchen Firmenessen, mit oben erwähnter Ausnahme, eben doch sehr leidenschaftslos zugeht. Neben mir eine dünne Britin, welche das Essen kaum anrührte, aber sich trotzdem mondän gab: „Das ist doch kein foie gras, sondern paté. Fois gras nur in Frankreich!“ Oder: „Wird den hier zum Dessert kein süßer Wein serviert? Waiter? Excuse me!“ Das fällt mir immer wieder auf: Spesenfresser geben sich oft weltmännisch, verhalten sich bei Tisch aber kleinkariert und pedantisch. – Nach dem Dessert machte ich mich so bald als möglich aus dem Staub. Ich war froh, nicht für Großunternehmen zu arbeiten und las auf dem Heimweg wieder im Kraft.

Aus dem Buch schlug mir die Kälte gleich doppelt entgegen. Kalt ist die Hauptfigur, Richard Kraft, ein Rechtsintellektueller vom Typus neoliberaler Professor, und kalt ist der Autor in seiner Beschreibung desselben. Trotz dieser doppelten Kälte aber hielt ich ein interessantes Konstrukt in den Händen: Der Autor, ein Linker, schreibt aus dem Blickwinkel seiner Hauptfigur, eines Wirtschaftsrechten, ein Roman-Essay über den  Zustand unseres neoliberalen Wirtschaftssystem. Wo sind wir gelandet und wie geht’s weiter?

[Spoileralarm!] Kraft, der neoliberale Professor, mag die Welt nicht, hat sie noch nie gemocht, und der Autor mag Kraft nicht. Am Schluss lässt er ihn für sein intellektuell verkleidetes, herzloses Gedusel büßen: Kraft erhängt sich irgendwo hoch über dem Silicon Valley. Hoffnungslosigkeit also, sowohl für Kraft, der in Kalifornien dem Teufel, welcher in Form eines Investoren auftritt, der nach dem Ebenbild des Peter Thiel geschaffen ist, Angesicht zu Angesicht gegenübersteht, als auch für den Autoren, welcher verzweifelt auf die immer neuen Wege blickt, welche der Kapitalismus sich zu bahnen vermag. Google, Amazon, Microsoft, Apple, Künstliche Intelligenz, the quantified self, life- and everything else hacking und schlussendlich die Hoffnung auf die Singularität und das ewige Leben sollen also das Resultat und die Zukunft des freien Marktes sein? Akkzelerationismus anstatt Zusammenbruch? Das ist sowohl für den im wirtschaftsliberalen Denken des Europas des letzten Jahrtausends stecken gebliebenen Kraft, als auch für den Autoren zu viel. Sie beide stehen trotz profunder europäischer Bildung alter Schule der heutigen Welt ratlos gegenüberstehen. So ratlos, dass dies im Falle der Hauptfigur im Selbstmord endet, und im Falles Lüscher (ich beginne nun zu spekulieren) im Abbruch einer Doktorarbeit, welche aber schließlich zu diesem großartigen Roman wurde, den ich kaum aus den Händen zu legen vermochte. Es ist die Verzweiflung von Old Europe (das Bild Rumsfelds spielt im Roman eine prominente Rolle!) angesichts der Peter Thiels dieser Welt, welche auf der neusten Technologie reitend und ihr Halbwissen wie ein Lasso schwingend, der Zukunft entgegen rasen.

Es gäbe vieles auf diesen Roman zu antworten, aber man müsste ihn nochmals lesen, langsamer und Notizen machend, um dem fulminanten Essay des Autors gerecht zu werden. Dafür ist hier nicht der Ort und die Zeit. Aber auf eins muss ich doch noch hinweisen: In Tat und Wahrheit ist die Ursache für Krafts Selbstmord natürlich nicht in der Tatsache zu suchen, dass er sich über die Jahrzehnte hinweg mit seinem selbstgefälligen, rechtsliberalen Gedankengut in eine intellektuelle Sackgasse hinein manövriert hat. Peter Thiel, das Silicon Valley und die Akkzeleration unserer Zeit als den Gipfel der Hoffnungslosigkeit darzustellen, ist dem Autor nämlich trotz der Kraft seiner Sprache nicht ganz gelungen. Kraft erhängt sich natürlich nicht aus Verzweiflung an der Welt, sondern weil er mit seinen vier Kindern weder eine äußere noch eine innere Beziehung hat. Die beiden Buben von der ersten Frau haben den Kontakt mit ihm abgebrochen. Für die beiden vierzehnjährigen Zwillinge aus zweiter Ehe kauft er mal schnell was, denkt aber ansonsten kaum an sie. Es geht immer nur um ihn selbst und seine im Grunde bedeutungslosen Gedanken zum Zustand der Welt. In so einer Situation würde ich mich auch in die Tiefe stürzen, oder wohl besser Smith Smith Hayek Hayek Thiel Thiel und Kurzweil Kurzweil sein lassen, um mich um die vier Kinder zu kümmern.

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