Madrid, 10. Juni 2017

Hitzewelle im frühen Juni. Solches kommt nun immer öfters vor. Schlecht eingeschlafen, erst in den frühen Morgenstunden beginnt man gut zu schlafen und greift nach der dünnen Decke.

Um sieben Uhr morgens Kaffee von vorgestern aufgewärmt, dann, während ich den heißen Kaffee schlürfte, und hoffend, die anderen möchten noch ein paar Stunden weiterschlafen, Jünger gelesen. Die letzten Seiten von Siebzig verweht I, welches ich vor einiger Zeit, nachdem ich monatelang jeden Morgen ein paar Seiten darin gelesen hatte, zur Seite gelegt hatte. Was war geschehen? Hatte es sich abgenutzt? War etwas anderes an seiner Stelle gewachsen? Wer weiß …

Merkwürdig aber, wie es gestern zurück zu mir kam. Ein müdes Reflektieren über Tagebuch und Blog, dann der kurze Gang in mein Arbeitszimmer, der Griff in die Bibliothek, ein paar Seiten gelesen, und klar war’s: Siebzig verweht kann mir als Tagebuchschreiber durchaus Vorbild sein. Keine großen Text, keine weisen Essays, einfach tägliches Beobachten und Reflektieren. Erinnerung und Ahnung. Im täglichen Notat oft kleiner, unbedeutender Details entsteht über die Monate und Jahre hinweg das Bild eines Menschen und seiner Welt.

*

Unterdessen acht Uhr. Ich mache mir noch einen Kaffee, nun einen frischen. Das Glück am Morgen Kaffee machen zu können. Durch die marktgesteuerte Zusammenarbeit der Menschen für ganz wenig Geld einfach Zugang zu dieser magischen Bohne zu haben. Denkt der modern-urbane Antikapitalist, der seinen Cappuccino liebt, über dieses Wunder nach, wenn er auf das Ende hofft? Ja, schon, würde er sagen, aber er denke vor allem auch an die Kaffeebauern oder vielmehr noch an die rechtlosen Arbeiter, welche auf den Plantagen großer Firmen für einen kaum zum Leben ausreichenden Lohn ihre Gesundheit lassen.

Sicherlich hätte er damit Recht. Ich habe das sogar selbst einmal beobachtet. Nicht auf der Kaffeeplantage einer großen Firma, sondern der eines reichen Erben, der als sonderbarer Prinz in einer Villa inmitten der Plantage lebte. Es war in Kerala, Südindien. Er war, wie mancher Inder aus der Gegend, Christ und in seinem Garten stand eine große Marienstatue. Provozierend für seine hinduistischen Arbeiter? Vermutlich nicht, die Inder sind da tolerant. Er hieß Luke, war ein großer Trinker, gebar sich den Arbeiterfamilien gegenüber, die auf seinem Land lebten, als König. Kein böser König, sondern einfach ein feudalistischer Gutsherr, sich seiner übergeordneten Stellung sicher. Seine Subjekte schienen gar nicht unzufrieden. Das Prinzip der Gleichheit, uns so heilig, war ihnen und wohl auch König Luke fremd.

*

Den Tag mit C. und P. in der Badi El Soto verbracht. Marta und Andrew aus London, Diego, Cris, Kike, Elena und die Kinder. Natürlich haben wir Brexit und die Wahlen und die verfahrene politische Situation in Großbritannien besprochen. In wenigen Jahren haben es zwei Tory-Regierungen und ein Haufen Wähler, welche die Welt nicht mehr verstehen, oder zumindest ihr Land nicht mehr wiedererkennen, eine ausweglose Situation heraufbeschwört. Wer oder was soll den auf diese Tory-Truppe (bald mit Boris an der Spitze?) noch folgen? Bleibt nur Corbyn? Ganz ähnlich die Lage in den USA. Wer soll 2020 Trump stürzen? Back to business as usual kann man sich nur schwer vorstellen.

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