Zürich/Gossau April 2017: Drei Bücher (II)

Neben Jünger las ich zwei weitere Bücher – beide in der Bahrt-Buchhandlung in der unterirdischen Einkaufspassage des Zürcher HB erstanden.

Lukas Bärfuss’ Hagard – ich erwähnte es bereits – verschlang ich in einem Zug, auf dem Bett eines perfekten Hotelzimmers liegend, in jener Stadt, von der im Buch die Rede ist. Bärfuss, von dem ich vorher noch nie etwas gelesen hatte, wurde mir vor ein paar Monaten als Sprachkünstler empfohlen. Die Themen seiner beiden ersten Bücher, die Schweizerische Entwicklungshilfe und Selbstmord, hatten mich aber nicht genügend  gereizt – schließlich existiert ein Überflussangebot an Büchern, tausend mal mehr als man in einer Lebenszeit lesen kann – so dass mir mein erster Bärfuss erst dank eines gut sortierten Tisches bei Barth in die Hände fiel. Ich kann mich nun dafür verbürgen, dass es sich bei Herrn Bärfuss tatsächlich um einen Meister der deutschen Sprache handelt. Der Textfluss reißt einem mit wie ein Wildbach. Man begleitet die Hauptfigur, dessen Namen ich vergessen habe (war es Philipp?) auf einer verrückten, sechsunddreißigstündigen Mission durch die Stadt Zürich – vom Bellevue bis in einen tristen Vorort (vielleicht sogar nach Dietikon, wohin auch mich das Geschäftliche, welches der Anlass für meine Schweizreise war, führte). Philipp (nennen wir ihn so) heftet sich an die Fersen einer unbekannten Schönen, welcher er zufällig aus einem Kaufhaus treten sieht, und vergisst dabei seine sämtlichen Pflichten. Nicht nur das sinnstiftende Pendeln zwischen Arbeit und Freizeit, sondern auch Elementares wie zu Zeiten zu essen oder sich anständig zu kleiden. Er stolpert mit einer Plüschratte am einen und einem Timberland-Stiefel am anderen Fuß durch die ansonsten wie ein Uhrwerk funktionierende Schweizer Metropole und merkt schon nach kurzer Zeit, dass er sich selbst aus dem anständigen Stadtbetrieb ausgesperrt hat. Die Rückkehr ins sichere Gebäude des Alltags erweist sich als viel schwierig – vielleicht sogar unmöglich. Der ordentliche Alltagsbetrieb, so stellt sich heraus, ist ein schmaler Weg, der gut gekennzeichnet durch das Labyrinth des Lebens führt. Zu unbedachten Abschweifungen in den Irrgarten des Unanständigen wird nicht geraten. Außer natürlich es handelt sich bei diesen Abschweifungen ebenfalls um vorgetretene und gut gekennzeichnete Wege (manchmal Subkulturen oder alternative Lebenswege genannt). – Legt man das kurze Buch nach ein paar Stunden zur Seite, schwirrt einem der Kopf.

Im Zug nach Gossau begann ich Emmanuel Carrère zu lesen. Ein russischer Roman. Es ist nach Das Reich Gottes erst mein zweiter Carrère. Trotzdem würde ich mich als Fan bezeichnen. Weshalb ich nach jenem ersten, im April des letzten Jahren gelesenen Buches, trotz meines Fantums nichts mehr von Carrère in die Hand genommen hatte, liegt, neben dem oben erwähnten Überflussangebot, wohl an den Themen des Franzosen: er schreibt oft über Tod und Schmerz und Wahnsinn. Eigentlich aber geht es in seinen Büchern nur um eins, nämlich über den Autor selbst. Die Erkundung des Wahnsinns in der Welt führt in in diesem Buch aus dem Jahre 2009, das aber erst gerade auf Deutsch erschienen ist, in ein russisches Dorf in dem Nichts funktioniert und aus dessen Nähe sein nach dem Zweiten Weltkrieg verschwundener (vielleicht wegen Kollaboration mit den Nazis umgebrachten) Großvater stammte. Sein Großvater war ein Gescheiterter, vielleicht sogar ein Wahnsinniger, und Carrère versucht durch die Erkundung Russlands (er, auch Regisseur, dreht im Kaff eine Reportage über eine Irrenanstalt, in welcher ein ungarischer Kriegsgefangener Jahrzehntelang festgesteckt hatte) und über die Nachforschungen über seinen Großvater, die dunklen Flecken in der eigenen Psyche auszuleuchten und zu verstehen*. Carrères dunkle Flecken drücken sich am deutlichsten in seinen Liebesbeziehungen aus. Eine davon, welche ihn während des Schreibens des Russischen Romans im Griff hatte, beschreibt er in demselben. Er blickt sich dabei in einem hell erleucheteten Spiegel direkt in die Augen – und beschreibt alles, auch wenn das Spiegelbild alles andere als schön ist. – So schreibt Carrère, zumindest in den zwei Büchern, die ich von ihm gelesen habe: Er bereist die Welt und erkundet ein Thema, dass ihn nicht loslässt – sein russischer Großvater oder das Reich Gottes zum Beispiel – und taucht dabei tief in seine eigenen Untergründe ein. So ist jedes Buch auch Werkstattbericht (die Entstehungsgeschichte des Textes wird in diesen eingeflochten) und Psychoanalyse.

Carrère ist die Gegenthese zur Künstlichen Intelligenz – nicht die Suche nach der Perfektion interessiert ihn, sondern das Ausloten der menschlichen – seiner eigenen – Unzulänglichkeiten. Ein Literat der Sünde. (Den bezeichnet das alte Wort “Sünde” wenn nicht das Biologische, welches unser einwandfreies Funktionieren als Algorithmen immer wieder in Frage stellt?)

* Hat der Großvater seinen Wahnsinn, in welchen ihn die politischen Turbulenzen seiner Zeit getrieben haben, tatsächlich an seine Nachfahren, wie eben auch an Carrère, vererbt? Dies zumindest ist des Autoren Befürchtung. Gestern zufällig gelesen: Es gibt unterdessen tatsächlich Hinweise darauf, dass Reaktionen auf Umwelteinflüsse vererbt werden können.

 

 

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