Geografie und Politik

Tim Marshalls “Prisoners of Geography” (deutsch: Die Macht der Geographie) ist eines der besten geopolitischen Bücher, das ich seit langem gelesen habe. In zehn Kapiteln beschreibt Marshall ebenso viele Regionen und analysiert den Einfluss der Landschaft auf Entwicklung, Geschichte und Politik der betroffenen Länder und Völker.

Warum zum Beispiel wurde die moderne Welt von Europa ausgehend geschaffen? Und weshalb ist das subsharische Afrika, die Wiege aus der all unsere Vorfahren stammen, nach wie vor in weiten Teilen ein chaotisches Armenhaus? Die Ursprünge der unterschiedlichen Entwicklungswege der beiden Kontinente sind in der Geographie zu finden. Europa hatte Zugang zum völkerverbindenden Mittelmeer, zu den Frühkulturen der Menschheit in Mesopotamien, und vor allem fruchtbares Landwirtschaftsland, stabile Wetterverhältnisse und Tiere, die sich zähmen ließen. All diese fehlt den Afrikanern: Zwar durchströmen riesige Flüsse den Schwarzen Kontinent; diese sind aber im Gegensatz zum Rhein oder zur Donau nur schwer schiffbar – die vielen Wasserfälle sind spektakulär, trennen aber Völker. Außerdem war im tropischen Klima die Domestizierung von Pflanzen nur schwer möglich; und auch die Nashörner und Elefanten ließen sich nicht hinter Gatter sperren und zu Nutztieren heranzüchten. Afrika war (und bleibt) vom Rest der Welt durch Wüsten, Urwälder und den atlantischen Ozean getrennt.

Während also die vielen europäischen Völker miteinander regen Handel trieben, Güter und Ideen austauschten, blieben die Völker südlich der Sahara isoliert, selbst von ihren nächsten Nachbarn durch die imposante Geographie und Natur getrennt. Die Sprachen eines Kontinents sind ein Fingerzeig auf seine Geographie: Ein paar Dutzend setzten sich in Europa durch; tausende in Afrika. Die wahre Katastrophe für Afrika aber waren natürlich die europäischen Kolonialnationen, welche sich nicht im Geringsten um die Geographie kümmerten, sondern den schwarzen Kontinent mittels oft per Lineal gezogener Striche auf einer Landkarte, welche noch viele weiße Flecken aufwies, unter sich aufteilten. Erstaunlicherweise bestehen die derart entstandenen “Länder” noch heute, obwohl sie weder geographisch noch kulturell Sinn machen.

Die Geopolitik durch die Linse der Geographie zu betrachten ist keine neue Idee, im Gegenteil: die Landschaft bestimmte die menschlichen Beziehungen von Anbeginn weg. Trotzdem wird die geographisch-politisch Betrachtungsweise bei der Analyse wohl oft außer acht gelassen. Wie in jedem Bereich aber, liefert ein Perspektive- oder Linsenwechsel – welcher oft ohne größere Probleme vorgenommen werden kann – neue Einsichten auf festgefahrene Probleme.

Auch ist die Geographie ein Festpunkt, den sie verändert sich nicht – oder zumindest nicht in der Wahrnehmung der Menschen. So ein Festpunkt kann es uns ermöglichen aus limitierenden Perspektive der eigenen Zeit heraus zu treten. So ist es zum Beispiel heute nicht mehr vorstellbar, dass Deutschland und Frankreich sich bekriegen würden. Die EU ist aber ein menschliches Konstrukt und somit vergänglich; die Geographie Deutschlands aber, eingeklemmt zwischen dem alten Feind Frankreich und dem Bären Russland, bleibt immer dieselbe. Die deutsche Angst vor einem Zweifrontenkrieg mag heute nicht mehr real sein – die Landschaft aber ist geduldig.

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