Film März/April 2017 (2)

Lion. Ein Junge aus einem indischen Slum, der fünfjährige Saroo, versteckt sich in einem Zug und wird gegen seinen Willen ins 1’500 Kilometer entfernte Kalkutta transportiert. Da er weder Bengali spricht, noch den Namen seines Heimatdorfes richtig auszusprechen weiß, steckt er in der unbekannten, chaotisch Großstadt fest. Er schlägt sich auf der Straße lebend durch, bis er in ein Waisenhaus gesteckt wird. Später wird er von einem australischen Ehepaar adoptiert, vergisst auf Tasmanien die ersten fünf Jahres seines Lebens und wächst als Australier auf. Zwanzig Jahre später stößt er auf einer von indischen Studenten in Melbourne organisierten Party wieder auf jenes indische Süßgebäck, das zu kosten er sich als kleiner Junge so sehr gewünscht hatte. Dies erschüttert Saroo und seine Freundin spornt ihn dazu an, nach seinen Wurzeln zu suchen. Da er sich nur noch an ein paar wenige Bilder aus jener Zeit erinnern kann und weiß, dass sein Heimatdorf ein paar Tagesreisen in der Eisenbahn von Kalcutta entfernt liegt, beginnt er sich mit Hilfe von Google Earth auf die Suche nach der Nadel im Heuhaufen zu machen: Er sucht nach dem Wasserturm, den er am Bahnhof gesehen hatte, wo er als kleiner Bub in einen Zug kletterte und damit für immer von seiner Mutter und seinen Geschwistern getrennt wurde.

Lion beruht auf einer wahren Geschichte. Sie lässt kein Auge trocken.

David Lynch – The Art of Life. Meinen ersten Lynch-Film, “Lost Highway”, sah ich 1997 in Bern. Eine unverständliche, verstörende Geschichte. Als plötzlich Rammstein aus den Lautsprechern dröhnte, war ich kurz davor das Kino zu verlassen. Es dauerte zwei Jahre, bis ich zum Lynch-Fan wurde – maßgebend war dabei das passionierte Plädoyer eines Schweden in Paris. – “Lost Highway” gehört zusammen mit “Blue Velvet” und “Mulholland Drive” zu einer (inoffiziellen, nur in meiner Wahrnehmung existierenden) Trilogie, welche den Kern des Lynchen Werkes bildet. “Blue Velvet” sah ich zum ersten Mal in Madrid (danach behauptete ich ein paar Jahre lang, es sei, zusammen mit “Belle de Jour“, mein Lieblingsfilm); “Mulholland Drive” sah ich in Oakland. Danach begegnete ich auf der Straße einem verrückt aussehenden Mann mit einer Machete in der Hand, als sei die Welt des Films organisch mit der realen Welt verwachsen. Eine sehr Lynchiane Idee! – Der Trilogie voraus geht das Meisterwerk “Eraserhead” (1977) in dessen vierjährigem Entstehungsprozess auch der Filmemacher Lynch geschmiedet wurde; ihr nach folgt noch “Inland Empire” (2006) mit welchem der Filmemacher sich auflöste wie ein toter, verwesender Käfer – ein Bild das einem Werk Lynchs entstammen könnte. Lynch ist heute vorwiegend Künstler, Maler, Musiker. Er streift durch sein Haus und seine Werkstatt in den Hollywood Hills, sitzt rauchend in einem von ihm selbst entworfenen Sessel und komponiert merkwürdige Werke. “The Art of Life” entstand als Kickstarter-Projekt. Lynch gewährte den Filmemachern Zugang zu seiner Werkstatt und altem Filmmaterial. Erzählt wird von den Anfängen dieses Künstlers, für den die Mysterien der inneren Welt in der äußeren allgegenwärtig sind.

Last Days in the Desert ist ein Jesus-Film von Rodrigo García (dem Sohn von Gabriel García Marquez). Der Titel setzt den Rahmen: die letzten Tage in der Wüste. Jesus befindet sich bereits auf dem Weg zurück nach Jerusalem, aber er ist sich seiner Mission noch nicht sicher. Der Teufel – richtigerweise ebenfalls von Ewan McGregor gespielt, den wer ist der Teufel, wenn nicht eine innere Stimme? – begleitet ihn nach wie vor. Am Rande der Wüste begegnet Jesus einer kleinen Familie: ein Vater, eine kranke Mutter und ein Sohn, welcher weg will, nach Jerusalem und in die Welt hinaus. Der Vater aber wünscht, dass der Sohn auf dem kargen, einsamen Land der Familie bleibt und dort sein Leben verbringt. Zusammen mit dem Sohn baut er diesem ein Haus. Jesus, vom Teufel herausgefordert, diese schwierige Situation – der Zwiestreit zwischen dem väterlichen Wunsch und den Sehnsüchten des Sohnes – zu lösen, bleibt und hilft beim Hausbau mit. – Der Film bleibt trocken und karg, wie die Landschaft in der er spielt. Jesus löst das Problem, aber erst nach langem, stoischem Ringen und mit viel Geduld. Die Quintessenz des Filmes ist die: Jesus löst das Problem nicht mit einem Wunder, sondern als Mensch. Er hört zu, spricht manchmal, arbeitet jeden Tag. Er konzentriert sich weder auf sich selbst, noch auf die Lösung des Problems, sondern auf die Arbeit und vor allem auf die Menschen, mit denen er lebt und arbeitet. Am Schluss weiß er, dass er als Mensch etwas bewirken kann und entschließt sich zum Messiastum. Der Teufel hält sein Versprechen und schweigt. Vermutlich hat er sich (wie in Scorseses Film) erst am Kreuz wieder gemeldet. Aber davon wissen wir nichts.

Cantábrico ist ein Dokumentarfilm über eine der letzten großen Wildnis-Regionen in Europa, die kantabrische Bergkette im Norden Spaniens, welche die weitläufige Hochebene und Landwirtschaftskammer der Iberischen Meseta von der grünen, vom atlantischen Klima bestimmten Küstenregion im Norden der Halbinsel trennt. In den menschenleeren, kantabrischen Wäldern und Tälern leben noch fast dreihundert Bären und um die zweitausend Wölfe. Über die Entvölkerung des spanischen Hinterlandes mit seinen verlassenen Geisterdörfern wird üblicherweise moniert, wobei man außer acht lässt, dass so wieder Wildnisse entstehen, wie eben jene im Film dokumentierte. Eine Landschaft nach meinem Geschmack. Schon als kleiner Junge habe ich davon geträumt, dass wir alle in riesigen Städten leben und das restliche Land, abgesehen von stadtnahen Landwirtschaftszonen, der Natur zurück gegeben wird. Heutzutage kann ich mir tatsächlich vorstellen, dass die Zukunft der Menschheit in technologisierten Stadtstaaten liegt; Kleinstaaten wie Singapore, mit einer hoch ausgebildeten, heterogenen Bevölkerung, welche sich nicht durch ihren ethischen Stamm, sondern durch Zugehörigkeit zu einer zukunftsgerichteten, und per Definition elitären Weltgesellschaft definiert. Davon ist die spanische Halbinsel, auf welcher zumindest vier Völker den Status einer Nation für sich beanspruchen weit entfernt. Dafür aber leben hier noch Wölfe und Bären.

Manchester by the Sea. Der Titel des Filmes ist mir ein Rätsel. Natürlich spielt diese Geschichte – welche von einem Mann erzählt, der durch betrunkene Fahrlässigkeit sein eigenes Haus abgebrannt und damit sein drei schlafenden Kinder in den Tod geschickt hat – in eben diesem Ort (in Massachusetts, nicht in England), ansonsten aber scheint der Titel nichts über den Film auszusagen. Der Mann, auch Jahre nach dem Unglück verständlicherweise nicht in bester Verfassung, sieht sich gezwungen von Boston, wo er auf Autopilot sein Leben fristet, nach Manchester by the Sea zurückzukehren, um sich um seinen Neffen im Teenageralter zu kümmern, dessen alleinerziehender Vater (des unglücklichen Mannes Bruder) vor kurzem an einer Krankheit verstorben war und dessen Mutter, eine ehemalige Alkoholikerin und nun wiedergeborene evangelische Christin, nicht in der Verfassung ist, den Sohn bei sich aufzunehmen. Zurück im Heimatort, stellt sich bald heraus, dass der unglückliche Onkel mehr der Fürsorge seines Neffen bedarf als umgekehrt. Man hofft, dass dem Onkel durch die Aufgabe vielleicht die Gelegenheit geboten wird, sich langsam wieder zurück in ein normales Leben zu tasten, doch beginnt bald zu ahnen, dass der Weg durch die Zeit immer nach vorne geht, wobei einem die Vergangenheit stets im Rücken hockt, bereit jederzeit zuzuschlagen. Ein Film aus dem weißen, provinziellen Amerika der Arbeiterklasse; aus dem Amerika das Trump ins Weiße Haus gewählt, das sich aber langsam bewusst wird, dass die Dinge nie mehr sein werden, wie sie einmal waren. So gesehen macht der Titel vielleicht Sinn: Ein Film aus einer kleinen Stadt von vielen. Die Geschichte eines Mannes ohne Zukunft.

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