Filme März/April 2017 (1)

In den vergangenen vier Wochen war ich drei Mal im Kino und sah insgesamt fünf Filme (zwei Doppelsessionen). Einen sechsten Film schaute ich mir bei A&K in der guten Stube an, auf einer Leinwand welche mindestens so groß ist wie diejenigen der kleineren Säle meines Kinos an der  Plaza de España.

Beginnen wir mit diesem sechsten Film: Moonlight. Ich sah ihn hoch über der Stadt, im elften Stock eines auf am höchsten Punkt Madrids gelegenen Wohnblocks. Ich saß auf dem Sofa und im Fenster neben mir leuchtete die Stadt bis weit in die Vororte hinaus. Im Fenster vor mir, gegen Norden gehend, wäre am Tag die Sierra zu sehen gewesen, das riesige Kreuz im Tal der Gefallenen (Francos letzte Ruhestätte) und am Horizont an klaren Tagen sogar die hundert Kilometer entfernt gelegene, über zweitausend Jahre alte Stadt Ávila. In der Nacht aber blieb das Fenster schwarz und verschwand, nachdem wir die Reste des indischen Take-Away-Abendessens weggeräumt hatten, hinter der von der Decke hinunter surrenden Leinwand. Einen Moment lang strahlte diese weiß, füllte sich dann aber mit Bildern ebenso schwarz wie Dunkelheit im Fenster dahinter. Moonlight: Brokeback im Ghetto.

Ich erinnere mich an Brokeback. Es war im Jahre 2005 in London. Nur zwölf Jahre ist es her, aber die Stimmung im UGC Haymarket (nur zehn Minuten von der Schwulenmeile in Soho entfernt), schwankte zwischen unterschwelliger Verklemmung und verschämter Belustigung. Brokeback, weitgehend nur “the gay cowboy movie” genannt, war damals noch ein Tabubruch. Zwei Schwule in der äußert unschwulen Welt der Cowboys des Wilden Westens. Nun, etwas mehr als eine Dekade später, sind Verklemmung und Belustigung (zumindest in der im globalen Rahmen winzigen Gesellschaftsschicht des progressiven Westens) verschwunden. Niemand nennt Moonlight “the gay gangsta movie”, obwohl er genau das ist: Zwei Schwule in der äußerst unschwulen Welt der schwarzen amerikanischen Ghettos.

Der Film gefiel mir sehr gut, obwohl er eine Geschichte ganz im Sinne des Huffington-Post-Weltbildes erzählte. – Damit meine ich das Folgende: Wann immer ich zufällig auf einem Artikel der Huffington Post lande, wird offenbar, dass die Redaktionsline dieser online Zeitung sich ganz dem Menschenbild verschrieben hat, gemäß welchem alles Übel auf Erden nur Frucht von Missverständnissen ist, welche von eigenen wenigen Kapitalisten (Kriegsprofiteuren, Bankern, etc.) zu deren eigenem Nutzen geschürt werden. Gemäß der Huffington Post steckt in jedem Menschen ein westlicher Liberaler, dessen größtes Anliegen égalité, liberté und fraternité, die Menschenrechte und der Umweltschutz sind – nur dass es halt Menschen gibt, welche den liberalen Westler in sich noch nicht entdeckt haben, üblicherweise, weil sie von einigen bösen Menschen unterdrückt werden. – Habe ich mich verständlich gemacht, oder ergibt das nur für mich Sinn?

Ich versuche es nochmals: Ein Huffington-Post-Journalist (oder Leser) glaubt, dass wir Menschen alle ungefähr gleich denken und dasselbe wollen. Zum Beispiel liegen uns allen die Rechte der Schwulen am Herzen. Einige von uns (ISIS-Kämpfer zum Beispiel) wissen dies noch nicht, allerdings einzig aus dem Grund, weil die Länder (oder Stadtteile) denen sie entstammen, vom Westen unterdrückt werden. Die Menschenrechte und ähnlich Werte werden dabei also als etwas von außen Gegebenes gesehen, das Licht sozusagen, nachdem wir alle streben.

Wie zu Beginn dieser Tirade angedeutet, bin ich damit nicht ganz einverstanden. So sehr mir die Menschenrechte am Herzen liegen (schließlich stamme ich aus dem Westen), so sehr zweifle ich daran, dass es sich bei diesen um vom Universum vorgegebene Werte handelt, welche wir schließlich alle einmal anerkennen werden (genauso wie die Alten sich sicher waren, dass am Jüngsten Tage alle Jesus den Herrn anerkennen werden und die Kommunisten, dass mit dem Kapitalisten auch Elend, Gewalt und Verbrechen verschwinden werden). – Die Menschenrechte sind eine Erfindung der westlichen Aufklärung. Es ist durchaus vorstellbar, wahrscheinlich sogar, dass sie zusammen mit der Kultur welche sie proklamiert hat, untergehen werden. Wer also glaubt, dass Menschenrechte in der nicht-westlichen Welt mit Füßen getreten werden, weil der Westen (vor allem die USA) den Rest der Welt, unterdrücken, deckt damit einen seltsamen Widerspruch auf: Die Erfinder der Menschenrechte werden für die Nichteinhaltung derselben in großen Teilen der Welt verantwortlich gemacht. (Zugegebenermaßen ist das nur ein Widerspruch, wenn die Menschenrechte tatsächlich im Westen erfunden wurden und sie sich auf kein höheres Prinzip stützen.)

Was aber hat das alles mit Moonlight zu tun? In seiner Essenz macht der Film die Aussage, dass eben auch in einem Gangsta aus dem Schwarzenghetto einer amerikanischen Großstadt ein liberaler Westler steckt, welcher am liebsten leben würde, wie ein schwuler Hipster aus Brooklyn, hätte “die Straße” ihn nicht dazu gezwungen, sich in einer Rolle zu verstecken.

Das hört sich jetzt zynisch an, ist aber eigentlich gar nicht so gemeint. Moonlight war ein ehrlicher Film mit echten Emotionen. Wie ich ganz am Anfang schrieb, gefiel er mir sehr gut. Trotzdem komme ich nicht darum herum, festzustellen, dass wir – liberale Westler – überall uns selbst sehen, wenn auch verkleidet und hinter Maskeraden. Sind nicht Filme in denen Menschen aus anderen Kulturen und Gesellschaftschichten sich genauso verhalten wie wir, die progressiven Indie-Kino-Besucher, ein Dauerbrenner in den Studiokinos unserer Großstädte?

Wie gesagt glauben wir, dass der freie Individualist nicht eine Erfindung unserer Zivilisation sei, sondern, wie die amerikanische Unabhängigkeitserklärung behauptet, eine selbstverständliche (gottgegebene) Wahrheit: We hold these truths to be self-evident, that all men are created equal, that they are endowed by their Creator with certain unalienable Rights, that among these are Life, Liberty and the pursuit of Happiness.

Vielleicht ist das wirklich so. Wahrscheinlicher ist aber, dass das Recht auf Leben, Freiheit und das Streben nach dem eigenen Glück nur der Traum einer Zivilisation sind, welcher zu schwächeln beginnt, genauso wie die Kultur die ihn träumt.

[Über die anderen fünf Filme (Lion, David Lynch – The Art of Life, Last Days in the Desert, Cantábrico, Manchester by the Sea) schreibe ich im nächsten Beitrag oder den nächsten Beiträgen.]

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