Zürich/Gossau April 2017: Drei Bücher (I)

Eine kurze Reise in die Schweiz erlaubt es mir, in drei Tagen drei Bücher zu lesen. Das erste am Sonntag im Hotel in Zürich, das zweite auf der Zugfahrt nach Gossau und dortselbst im elterlichen Haus, und das dritte, ein dünner Band mit drei Erzählungen, zwischendurch.

Beginnen wir mit dem Erzählband “Späte Rache” von Ernst Jünger. Jünger zu lesen bedeutet unter die Oberfläche des Alltäglichen zu tauchen. Seine Texte sind keine rationale Analysen oder gar wissenschaftliche Abhandlungen; es sind holistische Betrachtung von Mensch, Kultur und Natur. Natürlich war Jünger als Entomologe auch Wissenschaftler, obwohl ihm der Begriff “Forscher” sicherlich lieber gewesen wäre – nicht “Scientist” sondern Insektenforscher. Aber er trennt die Forschung nie von der Kultur, der Philosophie und dem existentiellen Empfinden des Menschen. Dabei geht es Jünger um den musischen Menschen, welcher das Leben allumfassend zu verstehen trachtet. Meist zieht sich dieser Mensch aus den Zentren der Macht und der Umtriebe zurück, wohnt auf dem Land, am Rande von Wäldern, oft auch am Meer – auf der Insel Godenholm im hohen Norden eben, oder an den Marmorklippen in einem Land des Südens. Der sogenannte „Kulturbetrieb“ ist diesem Menschen nicht wichtig – weder Jüngers Figuren noch dem Autor selbst, welcher sich 1933 für den Rest seines über hundert Jahre dauernden Lebens aufs Dorf zurückzog, von wo aus er aber ausgedehnte Reisen unternahmen (und während des Krieges auch als Stabsoffizier bei der Pariser Besatzungstruppe diente). Aber ob auf dem Dorf, auf Reisen oder im Krieg, die Jüngerschen Figuren beschäftigen sich mit ihren Büchern und der Natur, in welche sie lange Streifzüge unternehmen. Dabei ist das Studium der Natur genauso wie dasjenige der Literatur und Philosophie eine Erkundung der inneren Zustände. Ein Erforschen der Beschaffenheit des Ganzen. In „Godenholm“ drückt sich der Erzähler folgendermaßen aus: „Er sah Geschichte, Naturgeschichte, Kosmogonie nicht als Entwicklung, wie man sie sich in Linien, Spiralen oder Kreisen vorzustellen pflegt. Er sah sie eher als eine Reihe von Kugelschalen um zeitlose und unausgedehnte Kerne angelegt.“

Obwohl Jünger und seine Figuren sich aus der Politik fernzuhalten versuchen, lässt sich diese nie ganz aus ihren Leben verbannen. Politik ist für Jünger, der sich ein Leben lang nicht für die parlamentarische Demokratie zu begeistern vermochte, vor allem die Geschichte des Zerfalls der alten Ordnung. „Auf den Marmorklippen“ schrieb er 1939. Es war wohl der eindrücklichste und mutigste Text welcher den aufkommenden Barbareismus des Nationalsozialismus an den Pranger stellte – zumindest aus der konservativen und undemokratischen Ecke. In Nazikreisen wurde gemunkelt, dass Jünger sicher damit der “Zone der Kopfschüße” annähere. Aber Hitler selbst war und blieb ein Fan von Jüngers frühem Text “In Stahlgewittern” – dem Tagebuch des jungen Soldaten Jünger in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs. Der Führer schützte den Schriftsteller, obwohl sich dieser sich nie für die Partei gewinnen lies. So suspekt dieser direkte Link in die Reichskanzlei auch ist – er ermöglichte es Jünger 1942 mit der Schrift “Der Friede” zu beginnen, einer Vision für ein Europa nach Hitler. Wie dieses Werk 1945 veröffentlicht werden konnte, bleibt bis heute ein Rätsel. Erstaunlich ist aber auch, dass Jüngers Kritik an der Demokratie nie nachließ. Auch nach Kriegsende blieb er im Dorf und betrachtete den Aufbau des neuen Europas aus der immer einsameren Perspektive eines Vorkriegs-Konservativen – bis zu seinem Tode im Jahre 1998, mit 104 Jahren. Die dritte und längste Erzählung des Bandes, der 1952 zum ersten Mal veröffentlichte Text „Besuch auf Godenholm“, schwimmt wie Jüngers gesamtes Werk gegen den Strom der Zeit an. Mehr als fünfzig Jahre lang sollte der Triumphzug der liberalen Demokratie nach der Veröffentlichung von “Godenholm” noch andauern, aber Jünger stand dem demokratisch-liberalen Experiment Zeit seines Lebens skeptisch gegenüber. Er schrieb schon damals – fast prophetisch liest es sich heute – vom Triumph der Maschinenwelt über den Menschen.

Wie immer suchen Jünger und seine Figuren auf Godenholm das Elementare und das Existentielle in einer Welt, die sich so schnell verändert, dass dem Menschen schwindlig wird und kaum mehr einer für das Gesuchte ein Auge hat. Den dieses Gesuchte ist nicht an der Oberfläche der täglichen Einerleis, sondern nur in der Symbiose von Mensch, Natur und Kultur zu finden. Weder die Maschine noch der im Trubel der Zeit gefangene ordinäre Mensch ist gemäß Jünger zu einer solchen Suche fähig. Jüngers Helden sind deshalb die musische Elite und der ursprüngliche, weder von der Technologie noch von von der Politik verdorbene (und somit schon damals vom Aussterben bedrohte), Mensch. Es erübrigt sich zu erwähnen, dass es sich bei Jüngers Texten durchs Band um höchst unmodernes und umstrittenes Gedankengut handelt. Nichtsdestotrotz bleiben sie mächtige Gegenstücke zur fortschreitenden Abwertung von Mensch, Natur und Kultur zugunsten von Technologie und Unterhaltung.

[Gedanken zu den anderen beiden Bücher, von Bärfuss und Carrère, werden folgen.]

 

 

 

Zürich

Unglaublich, wie wenig gewisse Schweizer ihre Städte lieben. Nicht geliebt werden die Städte wegen der Menschen, die ihn ihnen wohnen – natürlich wegen der Menschen, den an der Schönheit der Städte, in diesem Fall von Zürich, mit seinen sauberen Gassen, seinem See und den Bergen weit hinter dem See, gibt es nichts auszusetzen. Lukas Bärfuss beginnt seinen Roman “Hagard” – den ich übrigens gleich nach der Ankunft in besagter Stadt in der Buchhandlung Barth im Shopville, die es zum Glück immer noch gibt (ich kenne mit der Ausnahme Londons, am neuen St. Pancras Terminal, übrigens keine Stadt, die eine bessere Buchhandlung an einem Bahnhof stehen hat), gekauft habe – im ersten Kapitel von “Hagard” widmet Bärfuss der Unliebe für Zürich gleich drei Seiten. Unter anderem so: “Selten wird hier eine Existenz nach dem vierzigsten Lebensjahr anders zu Ende gehen als mit einem allmählichen Verglühen, was vielleicht der falsche Begriff ist, da er ein Brennen voraussetzt. In Flammen stehen Wenige. Es ist eher, als würde einem mäßig gefüllten Ballon langsam die Luft ausgehen.” Usw.

Woher kommt diese Unliebe? Sorgfältiges Beobachten? Bestimmt – die drei Seiten beschreiben Zürich sehr gut, obwohl sich die Beschreibung auf den Schatten konzentriert, den die Stadt wirft, nicht auf die Stadt selbst. Übersättigung? Sicherlich auch. Oder einfach die Nachfolge in den Fußstapfen der Vorausgegangenen? Hat nicht schon Frisch ähnliches von sich gegeben?

[Nachtrag: Schon im nächsten Paragraphen beginnt “Hagard” sich übrigens als vielversprechender Roman herauszustellen. Die Beschreibung der in dieser Stadt fast unbemerkt sich auftuenden Brüche ist großartig. Es sind Brüche die sich über ganz Europa hinweg erstrecken, aber unter der perfekten Fassade Zürichs – gerade eben sah ich von meinem Hotelzimmer aus einen fröhlichen Kinderumzug über den sonnigen Limmatquai ziehen – noch größtenteils unbemerkt bleiben.]

Geografie und Politik

Tim Marshalls “Prisoners of Geography” (deutsch: Die Macht der Geographie) ist eines der besten geopolitischen Bücher, das ich seit langem gelesen habe. In zehn Kapiteln beschreibt Marshall ebenso viele Regionen und analysiert den Einfluss der Landschaft auf Entwicklung, Geschichte und Politik der betroffenen Länder und Völker.

Warum zum Beispiel wurde die moderne Welt von Europa ausgehend geschaffen? Und weshalb ist das subsharische Afrika, die Wiege aus der all unsere Vorfahren stammen, nach wie vor in weiten Teilen ein chaotisches Armenhaus? Die Ursprünge der unterschiedlichen Entwicklungswege der beiden Kontinente sind in der Geographie zu finden. Europa hatte Zugang zum völkerverbindenden Mittelmeer, zu den Frühkulturen der Menschheit in Mesopotamien, und vor allem fruchtbares Landwirtschaftsland, stabile Wetterverhältnisse und Tiere, die sich zähmen ließen. All diese fehlt den Afrikanern: Zwar durchströmen riesige Flüsse den Schwarzen Kontinent; diese sind aber im Gegensatz zum Rhein oder zur Donau nur schwer schiffbar – die vielen Wasserfälle sind spektakulär, trennen aber Völker. Außerdem war im tropischen Klima die Domestizierung von Pflanzen nur schwer möglich; und auch die Nashörner und Elefanten ließen sich nicht hinter Gatter sperren und zu Nutztieren heranzüchten. Afrika war (und bleibt) vom Rest der Welt durch Wüsten, Urwälder und den atlantischen Ozean getrennt.

Während also die vielen europäischen Völker miteinander regen Handel trieben, Güter und Ideen austauschten, blieben die Völker südlich der Sahara isoliert, selbst von ihren nächsten Nachbarn durch die imposante Geographie und Natur getrennt. Die Sprachen eines Kontinents sind ein Fingerzeig auf seine Geographie: Ein paar Dutzend setzten sich in Europa durch; tausende in Afrika. Die wahre Katastrophe für Afrika aber waren natürlich die europäischen Kolonialnationen, welche sich nicht im Geringsten um die Geographie kümmerten, sondern den schwarzen Kontinent mittels oft per Lineal gezogener Striche auf einer Landkarte, welche noch viele weiße Flecken aufwies, unter sich aufteilten. Erstaunlicherweise bestehen die derart entstandenen “Länder” noch heute, obwohl sie weder geographisch noch kulturell Sinn machen.

Die Geopolitik durch die Linse der Geographie zu betrachten ist keine neue Idee, im Gegenteil: die Landschaft bestimmte die menschlichen Beziehungen von Anbeginn weg. Trotzdem wird die geographisch-politisch Betrachtungsweise bei der Analyse wohl oft außer acht gelassen. Wie in jedem Bereich aber, liefert ein Perspektive- oder Linsenwechsel – welcher oft ohne größere Probleme vorgenommen werden kann – neue Einsichten auf festgefahrene Probleme.

Auch ist die Geographie ein Festpunkt, den sie verändert sich nicht – oder zumindest nicht in der Wahrnehmung der Menschen. So ein Festpunkt kann es uns ermöglichen aus limitierenden Perspektive der eigenen Zeit heraus zu treten. So ist es zum Beispiel heute nicht mehr vorstellbar, dass Deutschland und Frankreich sich bekriegen würden. Die EU ist aber ein menschliches Konstrukt und somit vergänglich; die Geographie Deutschlands aber, eingeklemmt zwischen dem alten Feind Frankreich und dem Bären Russland, bleibt immer dieselbe. Die deutsche Angst vor einem Zweifrontenkrieg mag heute nicht mehr real sein – die Landschaft aber ist geduldig.

Film März/April 2017 (2)

Lion. Ein Junge aus einem indischen Slum, der fünfjährige Saroo, versteckt sich in einem Zug und wird gegen seinen Willen ins 1’500 Kilometer entfernte Kalkutta transportiert. Da er weder Bengali spricht, noch den Namen seines Heimatdorfes richtig auszusprechen weiß, steckt er in der unbekannten, chaotisch Großstadt fest. Er schlägt sich auf der Straße lebend durch, bis er in ein Waisenhaus gesteckt wird. Später wird er von einem australischen Ehepaar adoptiert, vergisst auf Tasmanien die ersten fünf Jahres seines Lebens und wächst als Australier auf. Zwanzig Jahre später stößt er auf einer von indischen Studenten in Melbourne organisierten Party wieder auf jenes indische Süßgebäck, das zu kosten er sich als kleiner Junge so sehr gewünscht hatte. Dies erschüttert Saroo und seine Freundin spornt ihn dazu an, nach seinen Wurzeln zu suchen. Da er sich nur noch an ein paar wenige Bilder aus jener Zeit erinnern kann und weiß, dass sein Heimatdorf ein paar Tagesreisen in der Eisenbahn von Kalcutta entfernt liegt, beginnt er sich mit Hilfe von Google Earth auf die Suche nach der Nadel im Heuhaufen zu machen: Er sucht nach dem Wasserturm, den er am Bahnhof gesehen hatte, wo er als kleiner Bub in einen Zug kletterte und damit für immer von seiner Mutter und seinen Geschwistern getrennt wurde.

Lion beruht auf einer wahren Geschichte. Sie lässt kein Auge trocken.

David Lynch – The Art of Life. Meinen ersten Lynch-Film, “Lost Highway”, sah ich 1997 in Bern. Eine unverständliche, verstörende Geschichte. Als plötzlich Rammstein aus den Lautsprechern dröhnte, war ich kurz davor das Kino zu verlassen. Es dauerte zwei Jahre, bis ich zum Lynch-Fan wurde – maßgebend war dabei das passionierte Plädoyer eines Schweden in Paris. – “Lost Highway” gehört zusammen mit “Blue Velvet” und “Mulholland Drive” zu einer (inoffiziellen, nur in meiner Wahrnehmung existierenden) Trilogie, welche den Kern des Lynchen Werkes bildet. “Blue Velvet” sah ich zum ersten Mal in Madrid (danach behauptete ich ein paar Jahre lang, es sei, zusammen mit “Belle de Jour“, mein Lieblingsfilm); “Mulholland Drive” sah ich in Oakland. Danach begegnete ich auf der Straße einem verrückt aussehenden Mann mit einer Machete in der Hand, als sei die Welt des Films organisch mit der realen Welt verwachsen. Eine sehr Lynchiane Idee! – Der Trilogie voraus geht das Meisterwerk “Eraserhead” (1977) in dessen vierjährigem Entstehungsprozess auch der Filmemacher Lynch geschmiedet wurde; ihr nach folgt noch “Inland Empire” (2006) mit welchem der Filmemacher sich auflöste wie ein toter, verwesender Käfer – ein Bild das einem Werk Lynchs entstammen könnte. Lynch ist heute vorwiegend Künstler, Maler, Musiker. Er streift durch sein Haus und seine Werkstatt in den Hollywood Hills, sitzt rauchend in einem von ihm selbst entworfenen Sessel und komponiert merkwürdige Werke. “The Art of Life” entstand als Kickstarter-Projekt. Lynch gewährte den Filmemachern Zugang zu seiner Werkstatt und altem Filmmaterial. Erzählt wird von den Anfängen dieses Künstlers, für den die Mysterien der inneren Welt in der äußeren allgegenwärtig sind.

Last Days in the Desert ist ein Jesus-Film von Rodrigo García (dem Sohn von Gabriel García Marquez). Der Titel setzt den Rahmen: die letzten Tage in der Wüste. Jesus befindet sich bereits auf dem Weg zurück nach Jerusalem, aber er ist sich seiner Mission noch nicht sicher. Der Teufel – richtigerweise ebenfalls von Ewan McGregor gespielt, den wer ist der Teufel, wenn nicht eine innere Stimme? – begleitet ihn nach wie vor. Am Rande der Wüste begegnet Jesus einer kleinen Familie: ein Vater, eine kranke Mutter und ein Sohn, welcher weg will, nach Jerusalem und in die Welt hinaus. Der Vater aber wünscht, dass der Sohn auf dem kargen, einsamen Land der Familie bleibt und dort sein Leben verbringt. Zusammen mit dem Sohn baut er diesem ein Haus. Jesus, vom Teufel herausgefordert, diese schwierige Situation – der Zwiestreit zwischen dem väterlichen Wunsch und den Sehnsüchten des Sohnes – zu lösen, bleibt und hilft beim Hausbau mit. – Der Film bleibt trocken und karg, wie die Landschaft in der er spielt. Jesus löst das Problem, aber erst nach langem, stoischem Ringen und mit viel Geduld. Die Quintessenz des Filmes ist die: Jesus löst das Problem nicht mit einem Wunder, sondern als Mensch. Er hört zu, spricht manchmal, arbeitet jeden Tag. Er konzentriert sich weder auf sich selbst, noch auf die Lösung des Problems, sondern auf die Arbeit und vor allem auf die Menschen, mit denen er lebt und arbeitet. Am Schluss weiß er, dass er als Mensch etwas bewirken kann und entschließt sich zum Messiastum. Der Teufel hält sein Versprechen und schweigt. Vermutlich hat er sich (wie in Scorseses Film) erst am Kreuz wieder gemeldet. Aber davon wissen wir nichts.

Cantábrico ist ein Dokumentarfilm über eine der letzten großen Wildnis-Regionen in Europa, die kantabrische Bergkette im Norden Spaniens, welche die weitläufige Hochebene und Landwirtschaftskammer der Iberischen Meseta von der grünen, vom atlantischen Klima bestimmten Küstenregion im Norden der Halbinsel trennt. In den menschenleeren, kantabrischen Wäldern und Tälern leben noch fast dreihundert Bären und um die zweitausend Wölfe. Über die Entvölkerung des spanischen Hinterlandes mit seinen verlassenen Geisterdörfern wird üblicherweise moniert, wobei man außer acht lässt, dass so wieder Wildnisse entstehen, wie eben jene im Film dokumentierte. Eine Landschaft nach meinem Geschmack. Schon als kleiner Junge habe ich davon geträumt, dass wir alle in riesigen Städten leben und das restliche Land, abgesehen von stadtnahen Landwirtschaftszonen, der Natur zurück gegeben wird. Heutzutage kann ich mir tatsächlich vorstellen, dass die Zukunft der Menschheit in technologisierten Stadtstaaten liegt; Kleinstaaten wie Singapore, mit einer hoch ausgebildeten, heterogenen Bevölkerung, welche sich nicht durch ihren ethischen Stamm, sondern durch Zugehörigkeit zu einer zukunftsgerichteten, und per Definition elitären Weltgesellschaft definiert. Davon ist die spanische Halbinsel, auf welcher zumindest vier Völker den Status einer Nation für sich beanspruchen weit entfernt. Dafür aber leben hier noch Wölfe und Bären.

Manchester by the Sea. Der Titel des Filmes ist mir ein Rätsel. Natürlich spielt diese Geschichte – welche von einem Mann erzählt, der durch betrunkene Fahrlässigkeit sein eigenes Haus abgebrannt und damit sein drei schlafenden Kinder in den Tod geschickt hat – in eben diesem Ort (in Massachusetts, nicht in England), ansonsten aber scheint der Titel nichts über den Film auszusagen. Der Mann, auch Jahre nach dem Unglück verständlicherweise nicht in bester Verfassung, sieht sich gezwungen von Boston, wo er auf Autopilot sein Leben fristet, nach Manchester by the Sea zurückzukehren, um sich um seinen Neffen im Teenageralter zu kümmern, dessen alleinerziehender Vater (des unglücklichen Mannes Bruder) vor kurzem an einer Krankheit verstorben war und dessen Mutter, eine ehemalige Alkoholikerin und nun wiedergeborene evangelische Christin, nicht in der Verfassung ist, den Sohn bei sich aufzunehmen. Zurück im Heimatort, stellt sich bald heraus, dass der unglückliche Onkel mehr der Fürsorge seines Neffen bedarf als umgekehrt. Man hofft, dass dem Onkel durch die Aufgabe vielleicht die Gelegenheit geboten wird, sich langsam wieder zurück in ein normales Leben zu tasten, doch beginnt bald zu ahnen, dass der Weg durch die Zeit immer nach vorne geht, wobei einem die Vergangenheit stets im Rücken hockt, bereit jederzeit zuzuschlagen. Ein Film aus dem weißen, provinziellen Amerika der Arbeiterklasse; aus dem Amerika das Trump ins Weiße Haus gewählt, das sich aber langsam bewusst wird, dass die Dinge nie mehr sein werden, wie sie einmal waren. So gesehen macht der Titel vielleicht Sinn: Ein Film aus einer kleinen Stadt von vielen. Die Geschichte eines Mannes ohne Zukunft.