Zur Datenreligion

Noch vor ein paar Jahrzehnten waren wir dazu fähig, wichtige Lebensentscheidungen mithilfe von Verstand, Emotionen und Intuition zu treffen (auch wenn Irrtümer natürlich schon immer menschlich waren). Heute, im digitalen Zeitalter der schnellen Veränderungen und der unendlichen Möglichkeiten, fallen uns rationale Entscheidungen immer schwieriger.

Harari hat in seinem Buch das dystopische Szenario einer Datenreligion entwickelt, in welcher Intelligenz und Bewusstsein nichts mehr miteinander zu tun haben und Algorithmen uns besser kennen, als wir selbst – und somit auch für uns entscheiden könnten.

Zunächst lässt uns der Algorithmus noch die Entscheidungsfreiheit, später geben wir diese freiwillig auf, da der Algorithmus sich nie irrt. Ein Beispiel: Ein GPS-System im Auto weist uns den Weg, welchem wir folgen können oder auch nicht. In nicht allzu langer Zukunft aber werden sämtliche GPS-Geräte miteinander verbunden sein (oder besser gesagt: das Navigationssystem wird dann nicht mehr ein Gerät im Auto sein, sondern ein Algorithmus in der Cloud), weshalb unser Auto nicht nur den kürzesten und schnellsten Weg zum Ziel kennen wird, sondern auch wissen wird, wo sich alle anderen Autos gerade befinden. Das GPS wird somit garantiert den besten Weg zum Ziel kennen und wir werden es freiwillig mit dem Algorithmus verbinden, welcher das Auto steuert.

Wieso soll es in der Politik nicht genauso sein? In einigen Jahrzehnten werden Algorithmen besser wissen, was gut für uns ist, als die größtenteils ungenügend oder falsch informierten Wähler. Werden wir zulassen, dass Algorithmen die heilige Kuh Demokratie ersetzten werden? Wieso nicht? Noch glaubt wohl noch kaum jemand daran – genauso wie kaum jemand daran geglaubt hatte, dass die Evolutionstheorie Gott innerhalb von hundert Jahren (zumindest in Europa) ganz an den Rand drängen wird.

Nach Homo Deus lese ich nun “The Master Algorithm” von Pedro Domingos, einem der Gurus von “machine learning” oder “data sciene”. Einer der Hohepriester der entstehenden Datenreligion.

Domingos:

“In retrospect we can see, that the progression from computers to the Internet to machine learning was inevitable: computers enable the Internet, which creates a flood of data and the problem of limitless choice, and machine learning uses the flood of data to help solve the limitless choice problem.”

 

Homo Deus – Yuval Noah Harari

Yuval Noah Harari stellt ganz am Ende seines umwerfenden Buches Homo Deus drei Thesen auf:

Erstens. Ein gegenwärtig unter Wissenschaftlern allgemein akzeptiertes Dogma lautet, dass Organismen nichts anderes als “Computer” sind, welche Algorithmen biologisch prozessieren, und dass das Leben demzufolge ein Datenverarbeitungsprozess ist. Zur Frage, weshalb diese biologischen Datenverarbeitungsmaschinen, die wir Menschen sind, ein Bewusstsein entwickelt haben, gibt es Thesen, aber noch keine standhafte wissenschaftliche Theorie.

Zweitens. Künstliche Intelligenz steckt noch in den Kinderschuhen, aber bereits heute sind Intelligenz und Bewusstsein nicht mehr aneinander gebunden. Das bewusstlose Computerprogramm Deep Blue hat Garry Kasparow bereits 1996 in einer Schachpartie geschlagen. Natürlich ist Deep Blue damit nur als Schachspieler intelligenter als Kasparow – beim Schuhbinden oder Eierschälen hätte er gegen den Schachgroßmeister keine Chance. Trotzdem ist der Trend klar: In nicht allzu langer Zeit werden Algorithmen in jeder Hinsicht intelligenter sein als Menschen – ohne bewusst zu sein. Oder vielleicht werden sie eben doch bewusst sein, aber auf eine Art und Weise, die wir nicht verstehen. Dazu kann die Wissenschaft noch keine Aussage machen (und wird es vielleicht auch nie können), da wir noch nicht einmal unser eigenes Bewusstsein verstehen.

Drittens. Als Folge der obigen Trends, werden uns unbewusste Algorithmen bald einmal besser verstehen, als wir uns selbst verstehen. Es ist bereits heute so, dass ein Computerprogramm, welches wir mit genügend Daten über uns selbst füttern würden (also z.B. Facebook), an der Urne eher in unserem Sinne abstimmen würde, als wir selbst es zu tun im Stande sind. Mit der zunehmenden Vernetzung aller Dinge (im wahrsten Sinne des Wortes “aller Dinge”, den bald werden sowohl unser Kühlschrank, als auch unser Auto, usw., sowie natürlich wir selbst in der Cloud vernetzt sein), werden wir uns vielleicht bald auf Computer-Algorithmen verlassen, um wichtige Entscheidungen zu treffen, zum Beispiel die Wahl einer Schule für ein Kind, und vielleicht sogar die Entscheidung, ob wir XZ heiraten sollen oder nicht.

Natürlich sind das nur Thesen, wer aber glaubt sie mit einer Bemerkung vom Tisch wischen zu können, dem Rate ich zur Lektüre von Homo Deus. Es handelt sich um ein wahrlich prophetisches Buch. (Wobei wir aber natürlich nicht vergessen dürfen, dass die einzige sichere Aussage, welche sich über Propheten machen lässt, die ist, dass Propheten sich immer irren.)

Auch Harari ist sich dessen bewusst, weshalb er den Text nicht mit drei Behauptungen, sondern drei Fragen abschließt:

  1. Sind Organismen wirklich nur Algorithmen, und ist das Leben wirklich nur Datenverarbeitung?
  2. Was ist wertvoller: Intelligenz oder Bewusstsein?
  3. Wir werden sich unsere Gesellschaft, Politik und das tägliche Leben verändern, falls Algorithmen uns wirklich bald besser kennen als wir selbst?

Diese Themen, mit welchen sich nur eine kleine Elite der Menschheit beschäftigt, werden unser aller Leben bald ganz entscheidend beeinflussen.

(Mehr zu Harari im vorangehenden Post (Zitat #3), sowie hier, hier und hier.)

Zitat #3

Früher stand Gott für den Menschen im Mittelpunk, heute sind wir selbst zum Objekt unseres Kultes geworden. Und das sehr erfolgreich. Zweitausend Jahre lang Beten hat uns weder vor Kriegen noch Hungersnöten oder tödlichen Epidemien geschützt. Kapitalismus, Demokratie und die Wissenschaften aber haben es geschafft, beschriebene Übel größtenteils aus unserem Leben zu vertreiben (zumindest in den Teilen der Welt, welche sich dem demokratischen Liberalismus verschrieben haben).

Harari schreibt in “Homo Deus“, dass der Preis, den wir dafür bezahlt hätten, der Verlust einer tieferen Bedeutung unseres Menschenlebens sei. Gott ist tot, wie Nietzsche bekanntlich geschrieben hat. Es gibt keinen Masterplan mehr. Der Kosmos schweigt.

Um dieses Loch zu stopfen, haben wir eine neue Religion erfunden: den Humanismus.

Harari:

“Throughout history prophets and philosophers have argued that if humans stopped believing in a great cosmic plan, all law and order would vanish. Yet today, those who pose the greatest threat to global law and order are precisely those people who continue to belive in God and His all-encompassing plans. God fearing Syria is a far more violent place than the atheist Netherlands.

If there is no cosmic plan, and we are not committed to any divine or nature laws, what prevents social collapse? […]

The antidote to a meaningless and lawless existence was provided by humanism, a revolution new creed that conquered the world during the last few centuries. The humanist religion worships humanity, and expects humanity to play the part that God played in Christianity and Islam, and that the laws of nature played in Buddhism and Taoism.”

Natürlich hat dieser neue Glaube im Laufe der Zeit auch seine eigene Inquisition entwickelt. (Entsprechende Experimente auf Facebook sind auf eigene Gefahr auszuführen.)

 

Zitat #2

Howe:

“At the end of the 2020s, the Fourth Turning crisis era will climax and draw to a close. Settlements will be negotiated, treaties will be signed, new borders will be drawn, and perhaps (as in the late 1940s) a new durable world order will be created. Perhaps as well, by the early 2030s, we will enter a new First Turning: Young families will rejoice, fertility will rebound, economic equality will rise, a new middle class will emerge, public investment will grow into a new 21st-century infrastructure, and ordered prosperity will recommence.

During the next First Turning, potentially the next “American High,” millennials will move into national leadership and showcase their optimism, smarts, credentials and confidence. Sometime in the late 2030s, the first millennial will be voted into the White House, prompting talk of a new Camelot moment. Let a few more years pass, and those organization-minded millennials may face a passionate and utterly unexpected onslaught from a new crop of youth.”

Die Trump-Regierung (oder zumindest Trumps Vordenker und Einflüsterer Bannon) glaubt leidenschaftlich daran, dass unser System (der Nachkriegs-Liberalismus) auf sein Ende zusteuere. Er trimmt Trump auf den großen Kampf, damit in fünfzehn Jahren die Phoenix aus der Asche steige. Ich gehe davon aus, dass Bannon sämtliche Trump-Proteste nur als der kommenden Schlacht vorausgehende Plänkeleien sieht. Vermutlich mit einem vorfreudigen Lächeln auf den Lippen, wie ein General Cäsars, der von ersten Scharmützeln an den Nebenfronten vernimmt.

Mit der Analyse, dass der Nachkriegs-Liberalismus in einer großen Krise steckt, aus welcher er nicht mehr herausreformiert werden kann, hat Bannon nicht Unrecht obwohl er dabei der grössten von allen Bedrohungen, der Umweltkrise, gar keine Beachtung schenkt. – Ich werde bald darüber schreiben.

(Howe habe ich übrigens vor ein paar Monaten auf einem unruhigen Flug über den Atlantik gelesen.)

Zitat #1

Jünger:

“Nicht auf unsere Figure war das Gewand zugeschnitten, das nunmehr bis auf den letzten Faden abgetragen ist und unter dessen Fetzen bereits eine wildere und unschuldigere Natur erscheint als die, deren empfindsame Töne schon früh den Vorhang erzittern ließen, hinter dem die Zeit das große Schauspiel der Demokratie verbarg.”

Aus “Der Arbeiter”, Erstausgabe 1932. Hier ein Faden von damals zu heute: Hinter Trump steht Bannon. Bannon las Mencius Molebug. Molebug ist Curtis Yarvin. Dieser rät zur Jünger Lektüre. (Eine kleine Anekdote nur, aber manchmal lassen sich Sachverhalte, Zusammenhänge oder Theorien (etc.) am einfachsten durch Anekdoten erklären.)