Warum weint dieser Mann?

Es hatte den ganzen Sonntag lang geregnet. Kamele trinken sich in den Oasen die Höcker voll, um sich für lange Ritte durch die Wüste zu stärken, Madrid bereit sich durch die Regentage im Winter und im Frühling auf den heißen, trockenen Sommer vor (der, so beschwert man sich anfangs September, nie aufhören will). Ich freute mich also am Regen und ging am späten Nachmittag mit P. auf den Spielplatz. Natürlich waren wir die einzigen. Genauso wie das Leben bei blauem Himmel auf die Straßen und Plätze drängt, zieht es sich bei schlechtem Wetter in die eigenen vier Wände zurück.

Wir suchten uns einen großen Sandspielplatz aus, wo sich allerorten beachtliche Pfützen gebildet hatten. Ich vergrub meine Hände in der alten Barbourjacke und P. rannte los. Bereits bei seinem ersten Sprung ins Nass wurde mir klar, dass unser Abenteuer von kurzer Dauer sein würde. Die Stiefel versanken bis zur oberen Kante im Wasser. Die Gummibünde seiner Skihosen (sein Regenanzug hing im Kindergarten) mögen dem Schnee widerstehen, aber den Wassermaßen war er nicht gewachsen. Ich fragte P, ob seine Socken nass geworden waren. Er stritt das Offensichtliche ab und machte sich auf die Suche nach einer noch tieferen Pfütze. Da es nicht sehr kalt war, beschloss ich, ihn noch eine Weile gewähren zu lassen.

Als ich den Mann aus dem Regen auftauchen und in gekrümmter Haltung aber zielstrebig auf mich zukommen sah, wusste ich sogleich, dass er Geld wollte. “Buenas tardes, ich will keine Geld”, begrüßte er mich. Dann haspelte er und begann mir von seinen Leiden zu erzählen. Er sprang in seiner Erzählung wild und zusammenhanglos von einem Punkt zum anderen: Er begann mit seine zwei Kindern (von welchen ich hoffte, dass sie nicht existieren), welche heute erst ein Joghurt gegessen hätten – gerne würde er ihnen ein Sandwich machen; dann ging es um seinen Gesundheitszustand: Er hatte Bluthochdruck und sein Rücken schmerzte, weshalb er sich Espidifen (ein Schmerzmittel) kaufen wollte; am Schluss sprach er über seine Schwierigkeiten auf dem spanischen Arbeitsmarktes. Was auch immer an seinen Geschichten dran war, gut ging es ihm nicht. Er hatte ein hochrotes Alkoholikergesicht und im Laufe des Erzählens begannen die Tränen zu fließen.

Ich gab ihm fünf Euro, was ihn zum ersten Mal aus seiner unterwürfigen Haltung aufblicken lies. Er klopfte mir vorsichtig auf den Rücken und nannte mir seinen Namen. Gleichzeitig drängten ihn seine Instinkte aber auch dazu, diese unverhoffte, einsame Quelle in den regenleeren Straßen auszuschöpfen. Ich hätte ihm wohl noch mehr gegeben, hätte ich mehr bei mir gehabt. Das hatte ich aber nicht. So kam es zu einem weiteren Schulterklopfen und er zog mit raschen Schritten von dannen und verschwand wieder im Regen.

“Papa, wieso weinte der Mann”, fragte mich P., der, wie ich nun merkte, neben mir stand und alles genau beobachtet hatte.

Er weint, weil er krank ist, sagte ich.

Er weint auch, weil ein unsichtbarer, schwerer Dämon ihm auf der Schulter hockt, ihn niederdrückt und ihn durch ständiges Zuflüstern dem Grab entgegen treibt. Kann es sein, dass das Bewusstsein, wenn es im Augenblick des Todes den Körper verlässt nicht automatisch der Erleuchtung zustrebt, sondern sich im Zustand, indem es die Erde verlässt im Jenseits zurechtfinden muss? So sorgt der unsichtbare Dämon dafür, dass der Mann der weinte, nicht zur Ruhe kommt, damit sein körperloses Bewusstsein nach dem Tod weiterhin umher irrt und der Dunkelheit entgegen strebt. Natürlich ließ ich es bleiben, P. mit solchen unsinnigen Geschichten zu belasten und beantwortete stattdessen seine Fragen nach der Krankheit des Mannes.

Wäre P. etwas älter, hätte ich ihm auch sagen können, der Mann weinte, wegen des kapitalistischen Systems, dem er nicht gewachsen war; wegen dem sozialdemokratischen Auffangnetz, das nicht feinmaschig genug war, um seinen Fall zu stoppen; vor allem aber wegen der kalten Zufälligkeit eines materialistischen und somit gleichgültigen Universums, in welchem alles in der Entropie begann und alles in der Entropie endet.

Schließlich taten wir es dem Mann der weinte gleich und machten uns auf den Heimweg, denn die Socken waren beim ersten Pfützensprung natürlich nass geworden. P. war zufrieden, dass der Mann nun Geld hatte, um Medikamente zu kaufen.

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