Den Unwissenden gehört das Himmelreich

Wir leben in einer Zeit großer Unsicherheit oder, um es positiver auszudrücken, in einer Zeit, in der alles möglich ist. Der Präsident der Vereinigten Staaten scheint sich in den Kopf gesetzt zu haben, mit der alten Ordnung zu brechen. (Obwohl diese so alt natürlich gar nicht ist, gerade einmal zweiundsiebzig wird sie dieses Jahr. Ich bin aber in ihr aufgewachsen, weshalb ich lange Zeit glaubte, es handle sich um die Neue und Ewige Ordnung, ich befände mich also jenseits der Chaosgrenze, auf einer Einbahnstraße in eine immer bessere Zukunft.)

Mr. President also rüttelt am Fundament, während wir gleichzeitig von technologischen Strömungen in unbekannte Gewässer mitgerissen werden. Es ist, als wäre die Menschheit jahrtausendlange auf einem breiten Strom dahin getrieben. Sie erlebte Unwetter und manchmal griffen unbekannte, wilde Flussvölker die Dahintreibenden an. Ab und zu galt es sogar einen Wasserfall zu überleben, immer aber wusste man, was vor einem lag: der ewige Strom. – Jeder Fluss aber ergießt sich irgendwann ins offene Meer und mir scheint, als seien wir, die Menschheit, im Delta dieses mächtigen Flusses angekommen. Tausend Wasserweg existieren hier und in nicht allzu langer Zeit, werden wir ins Meer gespült zu werden.

Dafür verantwortlich ist in erster Linie der technologische Fortschritt. In Homo Deus schreibt Yuval Noah Harari, dass es vor allem drei große Projekt seien, welche die Menschheit in diesem Jahrhundert verfolgen werden, alle entstanden auf dem Rücken des technologischen Fortschritts: Wir streben nach ewigem Glück, Unsterblichkeit und Göttlichkeit. Das heißt, wir arbeiten daran, unsere negativen Emotionen und Sensation in den Griff zu kriegen (gar zu überwinden), unsere Lebenszeit verlängern (gar unsterblich zu werden), und bisher den Göttern (oder Superhelden) vorbehaltene Fähigkeiten zu erlangen.

Auch unser Wirtschaftssystem ist im Zuge des technologischen Fortschritts großen Änderungen unterworfen. Zum einen ist der alles dominierende Organismus Wirtschaft immer weniger auf menschlichen Input (in der Form von Arbeit) angewiesen. Man sieht bereits heute, dass in den westlichen Ländern nur noch sehr gut ausgebildete Menschen ein befriedigendes Auskommen finden. Der Arbeiter wird immer mehr an den Rand gedrängt – sei es durch Export körperlicher, mechanischer Arbeit, aber auch durch deren Automation; oder durch den Import billigerer Arbeitskräfte. Aber auch die Arbeit hochspezialisierter Fachkräfte wird in Zukunft von Computer-Algorithmen und Robotern erledigt werden: solche werden sowohl als Finanzanalysten wie auch als Chirurgen übertreffen. Sogar Schriftstellern werden künstliche Algorithmen die Arbeit streitig machen.

Hört sich diese Gesamteinschätzung apokalyptisch an – Feinde der Weltordnung wie Trump und Konsorten an der Macht, das Ende der Arbeit – so muss man aber auch sehen, dass tausende Möglichkeiten auf diejenigen warten, die sich in dieser sich immer schneller wandelnden Welt zu bewegen wissen. Nie war es, zumindest für gut ausgebildete Angehörige der westlichen Mittelklasse, einfacher als heute, alternative Lebenswege zu gehen und unabhängig sein Geld (viel Geld falls gewünscht) zu verdienen. Ein Internetanschluss verbindet uns mit der ganzen Welt. Durch dieses Tor haben wir Zugang zu Marktplätzen, auf welchen wir unsere Kenntnisse, unsere Arbeit und unser Produkte anbieten können. Auch hervorragende Ausbildungsmöglichkeiten stehen uns dank des Internets gratis zur Verfügung. – Wir leben in einer ungewissen Welt der tausend Möglichkeiten.

Worauf will ich hinaus? In einer ungewissen Welt, sollten wir uns mehr denn je die erste Seligpreisung der Bergpredigt vor Augen führen: Selig sind die Armen im Geiste, denn ihrer ist das Reich der Himmel. – Die im Geiste Armen sind die Unwissenden. Nicht die Ignoranten, die sich nicht für die Welt interessieren, denn diese sind es, welche die Welt zu verstehen glauben, sondern diejenigen, welche tief ins Wissen der Welt eintauchen und sich dabei ihrer Unwissenheit immer bewusster werden. Ihrer ist das Himmelreich – der blaue Himmel, auf den jeder seine eigenen Ideale projektieren darf.

Die Schlussfolgerung ist also die: Ich möchte nicht mehr kommentieren und die Welt von meiner Meinung verschonen. Ich möchte nur noch schauen. Schauen und beschreiben, anstatt zu kommentieren, zu prophezeien und zu urteilen. Der Wissende meint, der Unwissende schaut. Die Zukunft aber gehört dem Unwissenden.

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