Silence von Scorsese

Gestern Abend sah ich Silence von Martin Scorsese. Die Vorstellung begann um zehn Uhr, wir waren zu viert oder fünft im Kinosaal. Selten habe ich die Katakomben meines Kino so leer gesehen und dass obwohl die Gran Via, auch als ich mich bereits wieder auf dem Heimweg befand, laut und lebendig war, als hätte das Wochenende bereits begonnen. (Juernes, nennt man das in Madrid: die vom Freitag (viernes) auf den Donnerstag (jueves) übergreifende Wochenendstimmung

Silence ist die auf einem japanischen Roman basierende Geschichte zweier Jesuiten aus Portugal, welche sich in Japan auf die Suche nach ihrem religiösen Mentor machen, welcher dort als Missionar tätig gewesen war, seinem Glauben Gerüchten nach aber abtrünnig geworden sein soll. – 300’000 Katholiken soll es im 16ten Jahrhundert in Japan gegeben haben, Frucht eben jener jesuitischen Missionen. Irgendwann aber wurde diese wachsende Gemeinde den Machthabern unheimlich (die genauen Gründe dafür werden im Film nicht erklärt) und das Regime begann, das Christentum mit brutalen Pogromen auszurotten. Vor diesen Verfolgungen waren natürlich auch die Missionare nicht gefeilt, welche durch Folter dazu gezwungen wurden, ihrem Glauben öffentlich abzuschwören und den japanischen Christen so als Exempel voranzugehen.

Silence erzählt die Geschichte der letzten beiden Jesuiten, welche es als ihre Pflicht ansehen, ihren offenbar der Todsünde verfallenen Mentor zu finden, und den letzten japanischen Christen, welche ihre Messen leise und versteckt feiern müssen, wie einst die Urchristen in den Katakomben, beizustehen. Ein langer, dornenreicher Weg in einem unergründlichen Sumpf von Land liegt vor den beiden. Trotz dem festen Willen an ihren tiefsten Überzeugungen festzuhalten, sind sie schlussendlich machtlos gegen den Großinquisitor, welcher es durch brutale Methoden schafft, auch diese beiden letzten Wagemutigen zu töten, beziehungsweise vom Glauben abzubringen.

Silence – die Stille, das Schweigen Gottes angesichts des Leides und der Verfolgung. Der Film ist ein philosophisches Essay, welches dieser und anderen Fragen nachspürt: Was ist die Bedeutung des Glaubens, wenn er sich gar nicht oder nur negativ auf das Leben auswirkt? Religion als universelle Wahrheit oder als Kulturgut eines Volkes? Glauben als Wahrheit oder Weg? Für den Modernen Menschen mag das Ringen der Jesuiten mit ihren zutiefst verankerten Überzeugungen befremdlich wirken, was dem Film für manchen Zuschauer das Fundament unter den Füßen wegzuziehen droht, aber für die Jesuiten ist ihre Religion so real, wie für den säkularen Humanisten unserer Tage die Menschenrechte – universell und unantastbar.

Unter diesem Gesichtspunkt ist Silence auch für ein post-religiöses Publikum durchaus empfehlenswert: Als ein Stück Geschichte, aber auch als Entdeckungsreise in die Welt menschlicher Überzeugungen und Werte. Für die Handvoll Gläubigen welche in unseren Städten noch ausharren, wirft Scorsese die Frage auf, ob es sich beim Glauben um ein Objekt, also um etwas als wahr erkennbares, dass man wie einen Schatz bei sich trägt und hütet, um einen vorgegeben Weg oder gar nur um ein Navigationshilfe für die Reise zu einem auf den verschiedensten Wegen erreichbaren Ziel handelt. – Ich freue mich darauf, diesen Film in ein paar Jahrzehnten einmal als Doppelvorstellung zusammen mit The Last Temptation of Christ in der Filmoteca oder einem anderen Kinotempel zu sehen.

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