Mikrodosen

Am Sonntagmorgen trank ich meinen Cortado unten im Café. Es ist ein tristes Café welches aber einen hervorragenden Kaffee serviert (was nicht überrascht, den ein solcher ist in Spanien nicht schwer zu finden, eher die Regel als die Ausnahme). Ein guter Cortado ist stark und kräftig im Geschmack aber, obwohl ich ihn ohne Zucker trinke, nicht bitter. Dafür sorgen die paar Tröpfchen Milch; sie sind kaum zu spüren, verleihen ihm aber den perfekten Geschmack und die perfekte Konsistenz: Kompakter als ein Café con Leche (oder ein Schweizer Café Creme), aber nicht so dickflüssig wie ein sehr kurzer italienischer Espresso. Man stürzt einen Cortado also weder in einem Schluck hinunter, noch eignet er sich zum Käfelä (dem helvetischen Wort für das lange, gemütliche Sitzen im Café). Einen Cortado kann man stehend wie einen Espresso zu sich nehmen, aber auch im Sitzen, am besten aber an der Theke. Ich bevorzuge Zweiteres. Die Farbe des Cortados ist dunkelbraun mit ein paar hellen Flecken auf der dünnen Milchschicht, bestehend aus sehr heißer, frisch aufgeschäumter Milch. Der Cortado alleine macht Madrid und Spanien lebenswert.

Früher trank ich zwei Cortados am Tag, aber heutzutage trinke ich meistens nur noch einen. Einer ist perfekt: Auch bei täglichem Genuss verliert er seine Wirkung nicht. Er ist stark genug, aber nicht so stark, dass der Körper sich an die Droge gewöhnt und entsprechende Anpassungen vornimmt (sprich mit der Zeit mehr fordert). Ein Cortado ist also eine nachhaltige tägliche Mikrodosis an Lebensfreude. Vor dem Cortado freue ich mich auf den Cortado, nach dem Cortado auf den Tag. Deshalb ist es wichtig, diesen im richtigen Augenblick zu trinken. Ein Koffeinschub gleich nach dem Aufstehen funktioniert für mich nicht. In Zeiten, als ich noch am frühen Morgen Kaffee trank, freute ich mich bereits im Bett auf selbigen und erwachte oft sogar um zwei oder drei Uhr, in der Hoffnung es sei sechs Uhr. Außerdem wird der Kaffee für den Frühtrinker zur Notwendigkeit, dass heißt, dass er einem vom Negativ- in den Neutralzustand lüpft, anstatt wie oben beschrieben seine drogenhafte Wirkung auszuüben. Seit ich meinen ersten (und meist einzigen) Cortado gegen neun Uhr trinke, schlafe ich wieder tiefer und besser. Das Schöne am restringierten Kaffeetrinken ist, dass man nie ganz zufrieden ist und immer noch etwas mehr will. Diese Unzufriedenheit nährt die Vorfreude. Man weiß, dass es in vierundzwanzig Stunden wieder soweit ist und so angelt man sich von Cortado zu Cortado durch die Tage, mit viel Schwung wie Tarzan an den Lianen. Die Mikrodosis Koffein sind für mich dabei die Brücke, welche mich von der Verschlossenheit der Nacht (verschlossene Türen, Dunkelheit, Träume) in die Offenheit des Tages überführt.

Heute Montag trank ich meinen Kaffee wie an den meisten Wochentagen im La Torre (auch hier, hier und hier), wo ich in einem vergriffenen Buch las, welches mir zugefallen ist. Eine Tante schenkte es mir zum Geburtstag. Sie las es 1983 in vierter Auflage, hatte es seither nicht vergessen und mir deshalb ihr Exemplar von damals geschenkt. Es handelt sich um eine Essaysammlung des St. Galler Journalisten und Psychologen August E. Hohler (Gegen den Strom nach vorn). Ich lese es mit großer Freude. Wie den Kaffee nehme ich es ebenfalls in Mikrodosen zu mir, eben am Morgen mit meinem Cortado und wenn ich sonst ein paar Minuten Zeit habe. Aus irgendeinem Grund hatte mich das Buch sofort interessiert, als ich es zum ersten Mal in den Händen hielt. Der Autor war in meiner Jugend ein bekannter Journalist gewesen, Chefredaktor einiger national bekannter Zeitungen und Radiomann (obwohl ich mich nicht an ihn erinnere), aber heute wird er wohl nur noch zufällig gelesen (wie eben dieser Tage von mir). Ich betrachte sein Porträtbild auf der Innenseite des Einbands. Volles, leicht angegrautes Haar mit einer Brille, wie man sie in den Achtziger Jahren trug. Er lacht nicht sondern schaut mit geschlossenen Lippen in die Kamera, interessiert, kritisch, auch liebevoll. Ein typisches Stadt-St. Galler-Gesicht. Es erinnert mich an Ex-Bundesrat Kurt Furgler (und tatsächlich lese ich, dass Hohler und Furgler im gleichen Quartier aufwuchsen und sich kannten). Weshalb aber hat mich das Buch schon beim ersten Anblick interessiert? Wohl weil es das Buch eines St. Gallers ist (obwohl aus der Stadt, nicht wie ich vom Dorf) fünfzig Jahre älter als ich, aber trotzdem auf demselben Mist gewachsen. Das Buch beschreibt ein St. Galler Menschen- und Weltbild, parallel zu dem meinen aber zeitversetzt, fünfunddreißig Jahre in der Vergangenheit. Seither hat sich die Welt stark verändert. Damals hatte der Kalte Krieg die Welt noch im Griff, nun aber haben wir diesen hinter uns und stecken dafür mitten in der entfesselten Globalisierung und der technologischen Revolution. Das während wenigen Jahren gespürte (auch erhoffte) Ende der Geschichte ist ausgeblieben. Man weiß, dass etwas Neues am Entstehen ist, aber die Zukunft ist ein weißes Blatt (oder eher: tausend vollgekritzelte Blätter, jedes eine andere Geschichte erzählend).

Hohler schreibt ganz zu Beginn des Buches: “Die Welt strotzt vor Bomben, Unfreiheit, Lieblosigkeit, bedarf dringend der Veränderung, wenn sie überleben will. Aber wie verändere ich mich selbst, meine eigene Existenz, meine kleine Welt? Wie werden wir, du und ich, friedlich, frei, lieb? Das ist die Frage hinter diesem Buch, in diesem Buch.” In politisch schwierigen Zeiten – und Hohler empfand die seine wohl als solche: die Aufbruchstimmung der Hippiejahre war längst vorüber; die Wunden von Vietnam noch nicht geheilt und der Fall der Mauer lag noch ein Jahrzehnt in der Zukunft – während Zeiten politischer Stürme also – und wir leben wieder in einer solchen – geht der Blick nach Innen. Das ist eine ganz praktische Aufgabe, den man läuft stets Gefahr, sich über das was da draußen geschieht zu empören und dabei den Balken im eigenen Augen zu übersehen. Aber die Notwendigkeit der Selbstansicht hat auch eine metaphysische Komponente: Ich weiß nichts von der Welt da draußen, sondern kenne nur die Welt in mir selbst, denn alles was ich zu wissen glaube, basiert auf meiner inneren Wahrnehmung des Äußeren. In diesem Sinn bin ich selbst für Weltschaffung verantwortlich, und zwar nicht nur wie oben, im praktischen Sinn, beschrieben, als ein winziger Teil des Ganzen (ein Achtmilliardstel um genau zu sein), sondern durch meine Wahrnehmung auch für die Schaffung der Welt als Ganzes. Ich in der Welt und die Welt in mir, wie im Symbol des Tao dargestellt.

Eine Mikrodosis Koffein also, und eine Mikrodosis Hohler. So beginnen dieser Tage meine Tage.

Warum weint dieser Mann?

Es hatte den ganzen Sonntag lang geregnet. Kamele trinken sich in den Oasen die Höcker voll, um sich für lange Ritte durch die Wüste zu stärken, Madrid bereit sich durch die Regentage im Winter und im Frühling auf den heißen, trockenen Sommer vor (der, so beschwert man sich anfangs September, nie aufhören will). Ich freute mich also am Regen und ging am späten Nachmittag mit P. auf den Spielplatz. Natürlich waren wir die einzigen. Genauso wie das Leben bei blauem Himmel auf die Straßen und Plätze drängt, zieht es sich bei schlechtem Wetter in die eigenen vier Wände zurück.

Wir suchten uns einen großen Sandspielplatz aus, wo sich allerorten beachtliche Pfützen gebildet hatten. Ich vergrub meine Hände in der alten Barbourjacke und P. rannte los. Bereits bei seinem ersten Sprung ins Nass wurde mir klar, dass unser Abenteuer von kurzer Dauer sein würde. Die Stiefel versanken bis zur oberen Kante im Wasser. Die Gummibünde seiner Skihosen (sein Regenanzug hing im Kindergarten) mögen dem Schnee widerstehen, aber den Wassermaßen war er nicht gewachsen. Ich fragte P, ob seine Socken nass geworden waren. Er stritt das Offensichtliche ab und machte sich auf die Suche nach einer noch tieferen Pfütze. Da es nicht sehr kalt war, beschloss ich, ihn noch eine Weile gewähren zu lassen.

Als ich den Mann aus dem Regen auftauchen und in gekrümmter Haltung aber zielstrebig auf mich zukommen sah, wusste ich sogleich, dass er Geld wollte. “Buenas tardes, ich will keine Geld”, begrüßte er mich. Dann haspelte er und begann mir von seinen Leiden zu erzählen. Er sprang in seiner Erzählung wild und zusammenhanglos von einem Punkt zum anderen: Er begann mit seine zwei Kindern (von welchen ich hoffte, dass sie nicht existieren), welche heute erst ein Joghurt gegessen hätten – gerne würde er ihnen ein Sandwich machen; dann ging es um seinen Gesundheitszustand: Er hatte Bluthochdruck und sein Rücken schmerzte, weshalb er sich Espidifen (ein Schmerzmittel) kaufen wollte; am Schluss sprach er über seine Schwierigkeiten auf dem spanischen Arbeitsmarktes. Was auch immer an seinen Geschichten dran war, gut ging es ihm nicht. Er hatte ein hochrotes Alkoholikergesicht und im Laufe des Erzählens begannen die Tränen zu fließen.

Ich gab ihm fünf Euro, was ihn zum ersten Mal aus seiner unterwürfigen Haltung aufblicken lies. Er klopfte mir vorsichtig auf den Rücken und nannte mir seinen Namen. Gleichzeitig drängten ihn seine Instinkte aber auch dazu, diese unverhoffte, einsame Quelle in den regenleeren Straßen auszuschöpfen. Ich hätte ihm wohl noch mehr gegeben, hätte ich mehr bei mir gehabt. Das hatte ich aber nicht. So kam es zu einem weiteren Schulterklopfen und er zog mit raschen Schritten von dannen und verschwand wieder im Regen.

“Papa, wieso weinte der Mann”, fragte mich P., der, wie ich nun merkte, neben mir stand und alles genau beobachtet hatte.

Er weint, weil er krank ist, sagte ich.

Er weint auch, weil ein unsichtbarer, schwerer Dämon ihm auf der Schulter hockt, ihn niederdrückt und ihn durch ständiges Zuflüstern dem Grab entgegen treibt. Kann es sein, dass das Bewusstsein, wenn es im Augenblick des Todes den Körper verlässt nicht automatisch der Erleuchtung zustrebt, sondern sich im Zustand, indem es die Erde verlässt im Jenseits zurechtfinden muss? So sorgt der unsichtbare Dämon dafür, dass der Mann der weinte, nicht zur Ruhe kommt, damit sein körperloses Bewusstsein nach dem Tod weiterhin umher irrt und der Dunkelheit entgegen strebt. Natürlich ließ ich es bleiben, P. mit solchen unsinnigen Geschichten zu belasten und beantwortete stattdessen seine Fragen nach der Krankheit des Mannes.

Wäre P. etwas älter, hätte ich ihm auch sagen können, der Mann weinte, wegen des kapitalistischen Systems, dem er nicht gewachsen war; wegen dem sozialdemokratischen Auffangnetz, das nicht feinmaschig genug war, um seinen Fall zu stoppen; vor allem aber wegen der kalten Zufälligkeit eines materialistischen und somit gleichgültigen Universums, in welchem alles in der Entropie begann und alles in der Entropie endet.

Schließlich taten wir es dem Mann der weinte gleich und machten uns auf den Heimweg, denn die Socken waren beim ersten Pfützensprung natürlich nass geworden. P. war zufrieden, dass der Mann nun Geld hatte, um Medikamente zu kaufen.

Das Tier im Paradies

John C. Wright, Science-Fiction-Autor und, wir mir scheint, reaktionärer Katholik, aber ein interessanter Denker, sprach in einem Podcast über das Problem mit dem Paradies. Er selbst sei das Problem, meinte Wright, der er, sollte er in selbiges versetzt werden, seine Mangelhaftigkeit und seine Sünden mit sich bringen würde. Das ist ein interessanter Gedanke. Wie soll das mit dem Paradies, ob damit nun spirituelle Himmelreiche oder technologische Utopien gemeint sind, überhaupt funktionieren, wenn wir Menschen, die wir sündhaft sind (um ein heute nicht mehr verständliches Wort zu gebrauchen), oder eben, die wir menschlich und somit mängelbehaftet sind, in ihm wohnen werden? Ein wahres Paradies kann wohl nur eins sein, in welchem wir Menschen nicht mehr Menschen sind. – Jesus ist sich in Markus 12 dieses Problems bewusst: Wenn die Toten auferstehen, werden sie nicht wie hier auf der Erde verheiratet sein, sondern wie die Engel im Himmel leben. (Aber eigentlich kümmert ihn das Leben nach dem Tod gar nicht so sehr, denn in derselben Rede fügt er hinzu: Doch was die Auferstehung betrifft: Habt ihr nicht von Mose gelesen, wie Gott am brennenden Dornbusch zu ihm sagte: ‘Ich bin der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs’? Er ist doch nicht ein Gott der Toten, sondern er ist der Gott der Lebenden. Ihr seid völlig im Irrtum!) Auch der Hinduismus erkennt das Problem mit des  mängelbehafteten Menschen im Paradies und löst dieses durch die Lehre der Reinkarnation: Erst wer als Mensch das Menschliche hinter sich gelassen hat, wird ins Nirvana eingehen.

Haben auch Technologie-Utopisten wie Kurzweil, Googles Director of Engineering – der nicht nur glaubt, dass ewig lebende Menschen bereits geboren sind, sondern auch hofft, dass er selbst zu diesen gehören werden wird – haben also auch diejenigen, die an den Technologie-Himmel glauben, ein Lösung für das Problem des Tiers Mensch, mit seinen Trieben und Emotionen und Überlebensmechanismen, im Kingdom Come gefunden? Ich bin mir dessen nicht sicher. Ich werde wohl mal in The Singularity is Near blättern müssen, um mich kundig zu machen.

Den Unwissenden gehört das Himmelreich

Wir leben in einer Zeit großer Unsicherheit oder, um es positiver auszudrücken, in einer Zeit, in der alles möglich ist. Der Präsident der Vereinigten Staaten scheint sich in den Kopf gesetzt zu haben, mit der alten Ordnung zu brechen. (Obwohl diese so alt natürlich gar nicht ist, gerade einmal zweiundsiebzig wird sie dieses Jahr. Ich bin aber in ihr aufgewachsen, weshalb ich lange Zeit glaubte, es handle sich um die Neue und Ewige Ordnung, ich befände mich also jenseits der Chaosgrenze, auf einer Einbahnstraße in eine immer bessere Zukunft.)

Mr. President also rüttelt am Fundament, während wir gleichzeitig von technologischen Strömungen in unbekannte Gewässer mitgerissen werden. Es ist, als wäre die Menschheit jahrtausendlange auf einem breiten Strom dahin getrieben. Sie erlebte Unwetter und manchmal griffen unbekannte, wilde Flussvölker die Dahintreibenden an. Ab und zu galt es sogar einen Wasserfall zu überleben, immer aber wusste man, was vor einem lag: der ewige Strom. – Jeder Fluss aber ergießt sich irgendwann ins offene Meer und mir scheint, als seien wir, die Menschheit, im Delta dieses mächtigen Flusses angekommen. Tausend Wasserweg existieren hier und in nicht allzu langer Zeit, werden wir ins Meer gespült zu werden.

Dafür verantwortlich ist in erster Linie der technologische Fortschritt. In Homo Deus schreibt Yuval Noah Harari, dass es vor allem drei große Projekt seien, welche die Menschheit in diesem Jahrhundert verfolgen werden, alle entstanden auf dem Rücken des technologischen Fortschritts: Wir streben nach ewigem Glück, Unsterblichkeit und Göttlichkeit. Das heißt, wir arbeiten daran, unsere negativen Emotionen und Sensation in den Griff zu kriegen (gar zu überwinden), unsere Lebenszeit verlängern (gar unsterblich zu werden), und bisher den Göttern (oder Superhelden) vorbehaltene Fähigkeiten zu erlangen.

Auch unser Wirtschaftssystem ist im Zuge des technologischen Fortschritts großen Änderungen unterworfen. Zum einen ist der alles dominierende Organismus Wirtschaft immer weniger auf menschlichen Input (in der Form von Arbeit) angewiesen. Man sieht bereits heute, dass in den westlichen Ländern nur noch sehr gut ausgebildete Menschen ein befriedigendes Auskommen finden. Der Arbeiter wird immer mehr an den Rand gedrängt – sei es durch Export körperlicher, mechanischer Arbeit, aber auch durch deren Automation; oder durch den Import billigerer Arbeitskräfte. Aber auch die Arbeit hochspezialisierter Fachkräfte wird in Zukunft von Computer-Algorithmen und Robotern erledigt werden: solche werden sowohl als Finanzanalysten wie auch als Chirurgen übertreffen. Sogar Schriftstellern werden künstliche Algorithmen die Arbeit streitig machen.

Hört sich diese Gesamteinschätzung apokalyptisch an – Feinde der Weltordnung wie Trump und Konsorten an der Macht, das Ende der Arbeit – so muss man aber auch sehen, dass tausende Möglichkeiten auf diejenigen warten, die sich in dieser sich immer schneller wandelnden Welt zu bewegen wissen. Nie war es, zumindest für gut ausgebildete Angehörige der westlichen Mittelklasse, einfacher als heute, alternative Lebenswege zu gehen und unabhängig sein Geld (viel Geld falls gewünscht) zu verdienen. Ein Internetanschluss verbindet uns mit der ganzen Welt. Durch dieses Tor haben wir Zugang zu Marktplätzen, auf welchen wir unsere Kenntnisse, unsere Arbeit und unser Produkte anbieten können. Auch hervorragende Ausbildungsmöglichkeiten stehen uns dank des Internets gratis zur Verfügung. – Wir leben in einer ungewissen Welt der tausend Möglichkeiten.

Worauf will ich hinaus? In einer ungewissen Welt, sollten wir uns mehr denn je die erste Seligpreisung der Bergpredigt vor Augen führen: Selig sind die Armen im Geiste, denn ihrer ist das Reich der Himmel. – Die im Geiste Armen sind die Unwissenden. Nicht die Ignoranten, die sich nicht für die Welt interessieren, denn diese sind es, welche die Welt zu verstehen glauben, sondern diejenigen, welche tief ins Wissen der Welt eintauchen und sich dabei ihrer Unwissenheit immer bewusster werden. Ihrer ist das Himmelreich – der blaue Himmel, auf den jeder seine eigenen Ideale projektieren darf.

Die Schlussfolgerung ist also die: Ich möchte nicht mehr kommentieren und die Welt von meiner Meinung verschonen. Ich möchte nur noch schauen. Schauen und beschreiben, anstatt zu kommentieren, zu prophezeien und zu urteilen. Der Wissende meint, der Unwissende schaut. Die Zukunft aber gehört dem Unwissenden.

Virtue Signalling

Virtue Signalling (oder amerikanisch: Signaling). Zu deutsch etwa: Zurschaustellung von Tugend und Moral. Durch große Worte (nicht durch Taten), oder heutzutage meist durch einen click & share, drückt man aus, dass man mit etwas nicht einverstanden ist, nicht zum Zweck, diese Sache zu ändern, sondern um sich selbst als tugendhafte Person darzustellen. Klassisches Virtue Signalling ist es, in Sozialen Medien, zum Beispiel, auf die brutale Siedlungspolitik Israels hinzuweisen, oder die amerikanische Waffenlobby zu entlarven. Auch Politiker sind davor nicht gefeilt: John Bercow, Speaker of the House of Commons, will Donald Trump in demselben nicht auftreten lassen. Natürlich geht es dabei weder um Trump noch um dessen Sexismus und Rassismus, welche Bercow als Gründe für seine Empörung vorbringt, sondern um Mr. Bercow selbst. Unbestreitbar ein Mann von Tugend und Moral (obwohl sogar das Hausblatt aller Kämpfer für Moral und Tugend, der Guardian, der Scheinheiligkeit verdächtigt – immerhin hatte Mr. Bercow nichts gegen den Besuch des Generalsekretär der Kommunistischen Partei Chinas einzuwenden.