Sturm auf die Liberalibus Urbis

Man stelle sich eine mittelalterliche Stadt vor: Liberalibus Urbis. Selbstbewusst, reich an Einwohner, Gütern und Kultur. Trotz ihrer Ausdehnung rundherum geschützt von einer dicken Stadtmauer und einer bestens ausgerüsteten Schutztruppe. Obwohl es schon seit Jahren immer wieder zu kleineren Angriffen auf die Stadt kam, glaubten die Stadtbewohner ihre Urbis sei für alle Ewigkeiten gebaut. Die Linken und Rechten Rotten, welche manchmal Steine schleuderten und sich ab und zu kleine Scharmützel mit den städtischen Schutztruppen leisteten, waren ein Ärgernis, aber keine Gefahr.

Natürlich war die Stadt nicht sorgenfrei. Aber es waren zumeist intellektuelle Sorgen, den die Häuser waren geheizt und die Speisekammern gestopft voll. Zu groß sei die Stadt geworden, hörte man, oder zu ungleich: Tatsächlich gab es Menschen in den dicht bewohnten Gassen der Innenstadt, welche nicht mehr daran glaubten, einmal aus eigenem Tun in ein Haus an einer der grünen, baumbestandenen Straßen am anderen Ende der Stadt ziehen können. Der Fluss sei verschmutzt, sagten andere, und die umliegenden Landwirtschaftsbetriebe hätten Raubbau an ihren Äckern betrieben – bald könnten sie die Stadt nicht mehr ernähren. Die Linken Rotten machen die Reichsten für die aufziehenden Probleme verantwortlich, die Rechten die Ärmsten, diejenigen die von außerhalb der Stadtmauern dazu gezogen waren und plötzlich allerorten Probleme zu machen schienen mit ihrer angeborenen Unzufriedenheit und Ignoranz. Vorstellen aber, dass die Stadt wirklich einmal fallen würde, konnte sich für lange Zeit kaum jemand.

Dann kam das Jahr 2016. Ein paar Rechte Führer stellten sie vor die Rotten und einten sie zu einer schlagkräftigen Horde. Eines morgens wurden die Stadtbewohner von Kanonenfeuer geweckt und stellten fest, dass die Stadtmauer unter Beschuss stand. Zunächst gab man sich leicht amüsiert – verrückt musste sein, wer glaubte die Stadtmauern und Schutztruppen bezwingen zu können. Dann aber wurde die erste Bresche in die Mauer geschossen. Kurz darauf folgte eine zweite und eine dritte. Und zum Ende des Jahres war die Stadt sturmreif.

Die Rechte Horde beganne in die Stadt einzudringen, während die Linken Rotten mit offenem Mund dastanden und die Welt nicht mehr verstanden. War der Sturm auf die Liberalibus Urbis nicht ihre Sache? Hatten sie nicht seit Jahrzehnten davon gesprochen? Die Stadtbewohner hingegen, gingen wie gewohnt ihrer Arbeit und ihren Vergnügungen nach. Zwar vermieden viele von ihnen die Quartiere nahe der Stadtmauern, wo die Invasion begonnen hat, aber man beruhigt sich: So schlimm kann’s doch nicht sein. Immerhin sind wir die reichste Stadt aller Zeiten.

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