Ohne Plot auskommen

Paul Nizon, 1929 in Bern geboren und seit Jahrzehnten in Paris wohnhaft, ist einer der größten Meister der deutschen Sprache. Jeden Tag tigert er durch die Straßen Paris’, von seiner kleinen Wohnung zu seinem Schreibatelier (mit jedem neuen Projekt richtet er sich anderswo ein). Dabei realisiert er die Vision des Psychogeographen und verbindet sich ganz mit der Stadt.

“Ich vermenge mich mit dem gigantischen Gewebe der Stadt, vermenge meinen Mikrokosmos mit dem Makrokosmos der Stadt, und plötzlich, an einer Haltestelle, auf dem Trottoir, im Park kann es sein, dass die Vermengung und blinde Vermählung den Augenblick selbst erzeugt, da ich sehend bin, sehe das erste niederschaukelnde Herbstblatt in diesem oder jenen Windstoß vor diesem oder jenem Hintergrund mit diesem oder jenem Passanten unterwegs zu diesem oder jenem Ziel … und werde meines Lebens inne …”

Im Schreibatelier angekommen, verarbeitet er die Welt in Journalen. Tausende Seiten sind so über die Jahre entstanden. Das Beste aus den Journalen – oder einfach nur eine Auswahl daraus – wurde veröffentlicht.

Nizons dünne Prosabände, welche, so stelle ich mir vor, den Journalen entspringen, auf dem Boden des täglichen Schreibens wachsen, kommen meist ganz ohne Handlung aus. Der Autor schreibt dazu:

“Muss ich mich in Ermangelung eines für den Zweck des Erzählens geeigneten Plot mitsamt dem dazugehörigen Wissen über Fortgang und Ablauf der Handlung selber in Trab halten … Ohne Plot auszukommen heißt soviel wie mit dem Leben in erster Instanz zu verhandeln.”

Die Folge der Handlungslosigkeit ist relative Bedeutungslosigkeit. Nizon ist im Literaturbetrieb anerkannt, aber kaum gelesen. Finanziell und sozial ist er wenig erfolgreich. Es werden keine Filme über ihn gedreht, wie über den ebenfalls Exilpariser Peter Handke, der in seinem Schriftstellerhaus sitzt und dabei literarisch tut. Nizon hockt in seinen Schreibaterliers – oft nur Zimmern zur Untermiete in peripheren Stadtquartieren – und schreibt seine Journale. Dabei erklimmt er die einsamen Gipfel der deutschen Sprache.

(Die obigen Textausschnitte stammen aus dem Essay Meine Ateliers aus der Sammlung Parisiana.)

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