1914, 1933, 1968, 2016

Der Tenor ist überall derselbe – zumindest in demokratisch-liberalen Kreisen, welche früher einmal die dominierenden Zirkel der Mitte waren, heute aber viel von ihrer Anziehungskraft verloren haben: Oh je, 2016, was für ein Jahr! Bereits an dieser Stelle aber, bricht der Konsens auseinander. 2017 kann nur besser werden, sagen die einen. Ein neues, dunkles Zeitalter liegt vor uns die anderen.

Tatsächlich weiß niemand, wo wir stehen. Alles ist möglich. Dieses Jahr wird sowohl in Frankreich als auch in Deutschland gewählt werden. Marie Le Pen könnte Präsidentin werden – unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich. Auf Merkel, Garantin der alten Ordnung, wartet ein schwieriger Wahlkampf. Sollte Le Pen tatsächlich gewinnen und Merkel verlieren, könnte dies das Ende der EU bedeuten.

Janan Ganesh versucht uns in der Financial Times zu beruhigen. Die liberale Demokratie könne nicht zurückgedreht werden, schreibt er, weder zum Protektionismus der 30er Jahre, noch zu den ethnisch uniformen Gesellschaften der 50er Jahre. Vielleicht könnte wieder ein wenig 90er-Jahre-Stimmung aufkommen: Back beat, the word was on the street that the fire in your heart is out, etc. – viel mehr aber sei nicht zu befürchten. Beruhigt euch Leute, scheint Ganesh uns weismachen zu wollen, die liberale Demokratie ist sozusagen in einem Stadium unaufhaltsamer Eigendynamik. Angry citizens hin oder her.

Do not dread this year or the next few. If Britain is going back to a previous time, it is, in the spectrum of history, the day before yesterday. No prime minister can catch time’s arrow in mid-flight and send it hurtling the other way.”

Dabei scheint der Kolumnist von der Annahme auszugehen, dass die Geschichte eine Art ewiger, schnurgerader Pfeil ist, der vielleicht einmal ein wenig an Momentum verliert, aber nie eine Kurve fliegt oder gar auf den Boden kracht.

In einem kurzen Artikel nimmt sich auch der israelische Historiker Yuval Noah Harari der Sache an. Als Autor eines ebenso faszinierenden wie ernüchternden Buches über die Geschichte der Menschheit (und eines zweiten, bei mir noch ungelesen auf dem Stapel liegenden, über unsere Zukunft) sind beruhigende Worte seine Sache nicht. Er vergleicht das Jahr 2016 mit 1968, 1933 und gar 1914. Damit ist er weit entfernt vom Pfeil des Fortschritts, welcher kein Politiker aufzuhalten vermöge.

2016 war das Jahr, in dem die Zweifel an der liberal-demokratischen Story auch den Westen erreichte. Natürlich gab es schon immer „Globalisierungsgegner“, wobei es sich aber mehr um eine Zugehörigkeitsgefühl vermittelnde Bewegung handelte, ähnlich einer Hooligan-Truppe oder eines Kirchenchors, als um eine ernstzunehmende politische Kraft. Nun aber beginnt die Mitte Europas an der Geschichte zu zweifeln, mit der mir aufgewachsen sind: Alles wird immer besser – oder eben nicht.

Wer wohl Recht hat? Ist die mittelständische, westliche Basis unseres System im rapiden Zusammenbruch begriffen, oder haben Tatsachen geschaffen, welche dem Pfeil weiterhin Momentum zu verleihen vermögen?

Wohl am ehesten die, die wissen, dass sie es nicht wissen können.

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