Das Leben ist gut

Alex Capus ist ein Schweizer Schriftsteller von dem ich schon einige Bücher in der Hand gehalten hatte, dabei aber noch nie über das Lesen des Rückentexts und der Autorenbiographie hinausgekommen bin. Ich weiß, das er aus Olten stammt und gerne über Olten schreibt. Meine Schwester verhalf mir nun mit einem Weihnachtsgeschenk zu meiner ersten Capus-Lektüre: Das Leben ist gut. Das erste Buch des Jahres.

Warum ich nicht schon eher Capus las, weiß ich nicht so genau, den eigentlich stimmen die Zutaten: Ich lese gerne Schweizer Autoren, weil ich mich ihnen irgendwie verbunden fühle und ich mag Bücher, in welchen Stadt oder Land eine zentrale Rolle spielen. Das ist beim neusten Capus der Fall. Zwar ist das Wort Olten im Buch nicht zu finden, aber es ist klar, dass die Geschichte dort spielt. Die Beschreibungen sind so genau, dass ich auf Google Streetview sogar die Bar Sevilla gefunden habe, welche im Zentrum des Buches steht. Sie sieht genauso kurios aus, wie beschreiben, heißt aber im richtigen Leben Galicia und wird nicht von Max, der Hauptfigur des Romans, betrieben, sondern, wie sich herausstellt, von dessen Schöpfer. Sie soll ihm tagsüber als Schreibstube dienen. Nachts steht der Schriftsteller hinter der Theke. Das Leben scheint wirklich recht gut zu sein für Alex Capus.

Im Buch beschreibt er ein paar Tage im Leben von Max. Seine Frau bricht nach Paris auf, wo sie eine neue Stelle antritt, für welche sie sich künftig vier Tage pro Woche an der Seine aufhalten wird; den Kinder begegnet man nur kurz beim Herunterschlingen des Frühstücks, bevor sie in ihre Teenager-Leben hinausschlüpfen. Max bleibt alleine zurück mit seinen Gedanken und seinen Freunden und Bekannten. Bei diesen handelt es sich aber keineswegs um Intellektuelle und Künstler, sondern meist um alte Kumpel, wie zum Beispiel Miguel, einem Kindheitsfreund, der sich beim Hauskauf übertan hat und deshalb einen im Sevilla hängenden Stierkopf zurückzufordern sich gezwungen sieht. – Darum geht’s im Buch: Was macht Max, was denkt er, und wer kreuzt seinen Weg? Mit der Ausnahme des Stierkopfs, welcher sich als dünner, roter Faden durch die Geschichte zieht, ist kein Plot auszumachen.

Der Titel täuscht also nicht: Wer Das Leben ist gut liest, wird kaum nach einer spannenden Handlung suchen. Dafür umschwebt eine Frage den Titel, welche in der Aura jeder positiven Aussage mitschwingt: Wieso denn eigentlich? Wieso ist das Leben gut? Was macht den diesen Max (oder Alex) so zufrieden? Als erstes fällt auf, dass weder Erfolg noch Geld dafür verantwortlich sind – Max schreibt gerade gar nichts und der Verkauf des Gebäudes, welches die Sevilla Bar beheimatet, an einen Immobilienhändler, interessiert ihn trotz eines lohnenden Angebots nicht. Soweit so gut: Natürlich ist das gute Leben nicht die Folge von Geld und Erfolg. Aber es ist auch nicht das Liebesleben (die Frau ist weg) oder die geistreichen Freunde (Miguel nervt mit seinem Stierkopf). Das gute Leben macht für Max die Vertrautheit aus. Die Vertrautheit mit sich selbst, dem eigenen Leben und nicht zuletzt auch dem Ort, an dem er seine Lebenszeit verbringt.

Die leeren Flaschen vom Vorabend in einem eigens dafür gekauften Leiterwagen zur Sammelstelle zu bringen, macht Max glücklich. Auch die Freundschaft mit Miguel macht ihn glücklich – nicht seiner hirngespinstigen Vorstellungen von Stierkopfpreisen wegen, sondern weil er schon immer da war und zur Ausstattung von Max’ Welt gehört. Ebenso verhält es sich mit Olten: Da ist von Bahnhofsunterführungen und Geschäftsbauten und Parkplätzen die Rede – die Buchlektüre regt nicht zu Reiseplänen an (außer vielleicht mal zu einem Bier ins Galicia). Aber Glück ist eben nicht das richtige Wort: Glück hört sich nach Lottogewinn an, oder den ersten Monaten einer neuen Beziehung. Deshalb besser das Wort Vertrautheit. Das Leben ist gut, wenn man mit ihm vertraut ist – mit dem Ort an dem man ist und mit sich selbst. Beides geht Hand in Hand.

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