Liberale Seenot

Die liberale Weltordnung ist in Seenot geraten. Einem führerlosen Partyschiff gleich sind wir in turbulente Zeiten hineingetrieben. Bemerkenswerterweise ist der Liberalismus dabei im sowohl im gesellschaftlichen als auch im wirtschaftlichen Sinne in Gefahr – zwei Konzepte, welche auf den ersten Blick entgegengesetzten politischen Lagern zuordenbar scheinen. Der gesellschaftliche Liberalismus steht für die Öffnung unserer Gesellschaft: individuelle Freiheit und Akzeptanz und Toleranz dem Anderen gegenüber; der wirtschaftliche Liberalismus, auch Neoliberalismus genannt, steht für außer Kontrolle geratenen, regellosen Kapitalismus. Man würde das erste Konzept wohl eher der Linken (auf Amerikanisch den liberals) und das zweite der Wirtschaftsrechten (den Liberalen) zuordnen. – Trumps Weißes Haus hat schon am ersten Tag beide Seiten, welche so weit entfernt gar nicht sind, unter Feuer genommen. (Executive orders: Kündigung des TPP, Abschaltung der spanischen Version der Webseite des Weißen Hauses.)

Schenkt man dem Gerede moderner, urbaner Menschen glauben, ist die Lage zwar ernst, aber unkompliziert: Ignoranz ist ans Ruder geraten. Das Schiff ist im Sturm. Es gilt den Kurs zu korrigieren. – Selten aber ist Wetter – in diesem Fall die politische und gesellschaftliche Großwetterlage des Westens oder gar der Welt – so einfach verständlich. Mehr denn je, ist es dieser Tage empfohlen, inne zuhalten und sich die Situation in aller Ruhe zu betrachten.

Der Artikel Why elites always rule von Hugo Drochon im New Statesman ist ein hervorragende Expeditionen in die unerforschten Wasser dieser neuen Zeit.

Auch Janan Ganesh, Kolumnist in der Financial Times, ist eine ruhige Stimme, in dieser Zeit der Entrüstung. In seiner neusten Kolumne wendet er sich gegen das empörte Geschrei:

“The future of the mainstream is not in crowds or “community organising” or a “new kind of politics”. It is in patience as events take their course. Populist propositions are about to be tested. By the time reality is through with them, a reputation for dull competence will be precious stock in politics.”

Sturm auf die Liberalibus Urbis

Man stelle sich eine mittelalterliche Stadt vor: Liberalibus Urbis. Selbstbewusst, reich an Einwohner, Gütern und Kultur. Trotz ihrer Ausdehnung rundherum geschützt von einer dicken Stadtmauer und einer bestens ausgerüsteten Schutztruppe. Obwohl es schon seit Jahren immer wieder zu kleineren Angriffen auf die Stadt kam, glaubten die Stadtbewohner ihre Urbis sei für alle Ewigkeiten gebaut. Die Linken und Rechten Rotten, welche manchmal Steine schleuderten und sich ab und zu kleine Scharmützel mit den städtischen Schutztruppen leisteten, waren ein Ärgernis, aber keine Gefahr.

Natürlich war die Stadt nicht sorgenfrei. Aber es waren zumeist intellektuelle Sorgen, den die Häuser waren geheizt und die Speisekammern gestopft voll. Zu groß sei die Stadt geworden, hörte man, oder zu ungleich: Tatsächlich gab es Menschen in den dicht bewohnten Gassen der Innenstadt, welche nicht mehr daran glaubten, einmal aus eigenem Tun in ein Haus an einer der grünen, baumbestandenen Straßen am anderen Ende der Stadt ziehen können. Der Fluss sei verschmutzt, sagten andere, und die umliegenden Landwirtschaftsbetriebe hätten Raubbau an ihren Äckern betrieben – bald könnten sie die Stadt nicht mehr ernähren. Die Linken Rotten machen die Reichsten für die aufziehenden Probleme verantwortlich, die Rechten die Ärmsten, diejenigen die von außerhalb der Stadtmauern dazu gezogen waren und plötzlich allerorten Probleme zu machen schienen mit ihrer angeborenen Unzufriedenheit und Ignoranz. Vorstellen aber, dass die Stadt wirklich einmal fallen würde, konnte sich für lange Zeit kaum jemand.

Dann kam das Jahr 2016. Ein paar Rechte Führer stellten sie vor die Rotten und einten sie zu einer schlagkräftigen Horde. Eines morgens wurden die Stadtbewohner von Kanonenfeuer geweckt und stellten fest, dass die Stadtmauer unter Beschuss stand. Zunächst gab man sich leicht amüsiert – verrückt musste sein, wer glaubte die Stadtmauern und Schutztruppen bezwingen zu können. Dann aber wurde die erste Bresche in die Mauer geschossen. Kurz darauf folgte eine zweite und eine dritte. Und zum Ende des Jahres war die Stadt sturmreif.

Die Rechte Horde beganne in die Stadt einzudringen, während die Linken Rotten mit offenem Mund dastanden und die Welt nicht mehr verstanden. War der Sturm auf die Liberalibus Urbis nicht ihre Sache? Hatten sie nicht seit Jahrzehnten davon gesprochen? Die Stadtbewohner hingegen, gingen wie gewohnt ihrer Arbeit und ihren Vergnügungen nach. Zwar vermieden viele von ihnen die Quartiere nahe der Stadtmauern, wo die Invasion begonnen hat, aber man beruhigt sich: So schlimm kann’s doch nicht sein. Immerhin sind wir die reichste Stadt aller Zeiten.

Ohne Plot auskommen

Paul Nizon, 1929 in Bern geboren und seit Jahrzehnten in Paris wohnhaft, ist einer der größten Meister der deutschen Sprache. Jeden Tag tigert er durch die Straßen Paris’, von seiner kleinen Wohnung zu seinem Schreibatelier (mit jedem neuen Projekt richtet er sich anderswo ein). Dabei realisiert er die Vision des Psychogeographen und verbindet sich ganz mit der Stadt.

“Ich vermenge mich mit dem gigantischen Gewebe der Stadt, vermenge meinen Mikrokosmos mit dem Makrokosmos der Stadt, und plötzlich, an einer Haltestelle, auf dem Trottoir, im Park kann es sein, dass die Vermengung und blinde Vermählung den Augenblick selbst erzeugt, da ich sehend bin, sehe das erste niederschaukelnde Herbstblatt in diesem oder jenen Windstoß vor diesem oder jenem Hintergrund mit diesem oder jenem Passanten unterwegs zu diesem oder jenem Ziel … und werde meines Lebens inne …”

Im Schreibatelier angekommen, verarbeitet er die Welt in Journalen. Tausende Seiten sind so über die Jahre entstanden. Das Beste aus den Journalen – oder einfach nur eine Auswahl daraus – wurde veröffentlicht.

Nizons dünne Prosabände, welche, so stelle ich mir vor, den Journalen entspringen, auf dem Boden des täglichen Schreibens wachsen, kommen meist ganz ohne Handlung aus. Der Autor schreibt dazu:

“Muss ich mich in Ermangelung eines für den Zweck des Erzählens geeigneten Plot mitsamt dem dazugehörigen Wissen über Fortgang und Ablauf der Handlung selber in Trab halten … Ohne Plot auszukommen heißt soviel wie mit dem Leben in erster Instanz zu verhandeln.”

Die Folge der Handlungslosigkeit ist relative Bedeutungslosigkeit. Nizon ist im Literaturbetrieb anerkannt, aber kaum gelesen. Finanziell und sozial ist er wenig erfolgreich. Es werden keine Filme über ihn gedreht, wie über den ebenfalls Exilpariser Peter Handke, der in seinem Schriftstellerhaus sitzt und dabei literarisch tut. Nizon hockt in seinen Schreibaterliers – oft nur Zimmern zur Untermiete in peripheren Stadtquartieren – und schreibt seine Journale. Dabei erklimmt er die einsamen Gipfel der deutschen Sprache.

(Die obigen Textausschnitte stammen aus dem Essay Meine Ateliers aus der Sammlung Parisiana.)

Realität, Technologie und Vernetzung

Realität war schon immer komplex, noch nie aber so komplex wie heute. Technologie und Vernetzung ist die Basis dieser wachsenden Komplexität. Gleichzeitig aber glauben, ebenfalls dank Technologie und Vernetzung, die Realität immer besser dekodieren zu können. Realität wird also komplexer, erscheint aber immer verständlicher.

Weshalb ist das so? Heute haben wir Zugang zu beinahe unendlich viel Information. Peak Information wird das manchmal genannt. Das heißt, alle Information ist vorhanden. Das Erkennen der Realität ist also nicht mehr eine Frage fehlender Information, sondern der richtigen Sichtung, Wertung und Entzifferung einer riesigen Mengen von Information.

Natürlich steht uns auch hierbei Technologie und Vernetzung zur Seite. Das Internet kennt unsere psychologische Disposition recht gut und offeriert uns Interpretationen der Realität, so dass aus der unendlichen Informationsmenge wieder eine kohärente Story wird – allerdings eine die genau das beschreibt, was wir hören wollen.

Vorsicht ist also angebracht. Manch einer glaubt, das Internet mache frei ohne die dahinterliegende Täuschung zu erkennen. So werden heute selbst abstruse Theorien als Realität angeboten. Dabei täte mancher gut daran, sich die alte Weisheit von Carl Sagan vor Augen zu führen: “Extraordinary claims require extraordinary evidence.”

 

 

1914, 1933, 1968, 2016

Der Tenor ist überall derselbe – zumindest in demokratisch-liberalen Kreisen, welche früher einmal die dominierenden Zirkel der Mitte waren, heute aber viel von ihrer Anziehungskraft verloren haben: Oh je, 2016, was für ein Jahr! Bereits an dieser Stelle aber, bricht der Konsens auseinander. 2017 kann nur besser werden, sagen die einen. Ein neues, dunkles Zeitalter liegt vor uns die anderen.

Tatsächlich weiß niemand, wo wir stehen. Alles ist möglich. Dieses Jahr wird sowohl in Frankreich als auch in Deutschland gewählt werden. Marie Le Pen könnte Präsidentin werden – unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich. Auf Merkel, Garantin der alten Ordnung, wartet ein schwieriger Wahlkampf. Sollte Le Pen tatsächlich gewinnen und Merkel verlieren, könnte dies das Ende der EU bedeuten.

Janan Ganesh versucht uns in der Financial Times zu beruhigen. Die liberale Demokratie könne nicht zurückgedreht werden, schreibt er, weder zum Protektionismus der 30er Jahre, noch zu den ethnisch uniformen Gesellschaften der 50er Jahre. Vielleicht könnte wieder ein wenig 90er-Jahre-Stimmung aufkommen: Back beat, the word was on the street that the fire in your heart is out, etc. – viel mehr aber sei nicht zu befürchten. Beruhigt euch Leute, scheint Ganesh uns weismachen zu wollen, die liberale Demokratie ist sozusagen in einem Stadium unaufhaltsamer Eigendynamik. Angry citizens hin oder her.

Do not dread this year or the next few. If Britain is going back to a previous time, it is, in the spectrum of history, the day before yesterday. No prime minister can catch time’s arrow in mid-flight and send it hurtling the other way.”

Dabei scheint der Kolumnist von der Annahme auszugehen, dass die Geschichte eine Art ewiger, schnurgerader Pfeil ist, der vielleicht einmal ein wenig an Momentum verliert, aber nie eine Kurve fliegt oder gar auf den Boden kracht.

In einem kurzen Artikel nimmt sich auch der israelische Historiker Yuval Noah Harari der Sache an. Als Autor eines ebenso faszinierenden wie ernüchternden Buches über die Geschichte der Menschheit (und eines zweiten, bei mir noch ungelesen auf dem Stapel liegenden, über unsere Zukunft) sind beruhigende Worte seine Sache nicht. Er vergleicht das Jahr 2016 mit 1968, 1933 und gar 1914. Damit ist er weit entfernt vom Pfeil des Fortschritts, welcher kein Politiker aufzuhalten vermöge.

2016 war das Jahr, in dem die Zweifel an der liberal-demokratischen Story auch den Westen erreichte. Natürlich gab es schon immer „Globalisierungsgegner“, wobei es sich aber mehr um eine Zugehörigkeitsgefühl vermittelnde Bewegung handelte, ähnlich einer Hooligan-Truppe oder eines Kirchenchors, als um eine ernstzunehmende politische Kraft. Nun aber beginnt die Mitte Europas an der Geschichte zu zweifeln, mit der mir aufgewachsen sind: Alles wird immer besser – oder eben nicht.

Wer wohl Recht hat? Ist die mittelständische, westliche Basis unseres System im rapiden Zusammenbruch begriffen, oder haben Tatsachen geschaffen, welche dem Pfeil weiterhin Momentum zu verleihen vermögen?

Wohl am ehesten die, die wissen, dass sie es nicht wissen können.