Amerika I: The Fourth Turning

Fünfzehn Stunden war ich unterwegs. Zuerst elf Stunden in einem unruhigen Flug nach Dallas und von dort in einem kurzen, aber turbulenten Sprung weiter nach San Antonio, Texas. In Dallas Fort Worth verbrachte ich eine lange Zeit in der Schlange vor der Passkontrolle. Seit ich zum letzten Mal in Amerika war, wurde modernst Technologie eingeführt, welche allerdings nur dank den herumwieselnden (und auch herumwalzenden), hilfsbereiten Frauen funktioniert, die nicht sehr gut Englisch sprechen, dafür umso freundlicher sind. Der junge, dicke Mann am Schalter – ein richtiger Amerikaner, a federal agent! – war weniger freundlich. Er machte merkwürdige Kopfbewegungen wie ein Boxer vor dem Kampf, inklusive des Knickgeräusches im Nacken, und gab dazu passende Grunzlaute von sich. Ich war um seine mentale Stabilität besorgt und auch ein wenig um die Sicherheit seiner Mitarbeiter. Immerhin war er ja schwer bewaffnet.

Im Flugzeug las ich “The Fourth Turningvon William Strauss und Neil Howe. Darin analysieren die Autoren die anglo-amerikanische Geschichte (damit meinen sie die in England beginnende Geschichte Amerikas) mit Hilfe zyklischer Generationsperioden. Sie kommen zum Schluss, dass Wendepunkte der Geschichte sich alle vier Generationen wiederholen. Ungefähr alle hundert Jahre also, kommt es zu einer großen Krise – meistens einem Krieg – immer in der vierten Generation nach dem letzten Krieg und zwei Generationen nach einer “spirituellen Revolution” (zuletzt der Hippiezeit). Das Buch wurde 1997 geschrieben. Es nennt sich im Untertitel “eine amerikanische Prophezeiung” und sagt für die Zeit um das Jahr 2005  den Beginn einer großen Krise voraus, welche zwanzig bis dreißig Jahre später ihren Höhepunkt erreichen soll.

Ich habe ein paar Randnotizen zu erschreckend zutreffenden Prophezeiungen gemacht: 9/11, die Hypothekenkrise 2008, Trump … Das Buch hat mir geholfen, geistig aus dem linearen Zeitdenken, indem wir aufgewachsen sind, auszubrechen. Wenn wir an unsere eigene oder die politisch-gesellschaftliche Zukunft denken, neigen wir dazu, die heute aktiven Kräfte hochzurechnen und zu glauben, die Zukunft sei sozusagen eine übersteigerte Version des Heutigen. Das zyklische Denken hilft einem die Zukunft nicht als eine lineare Fortsetzung des Vergangenen zu sehen, sondern als etwas ganz anders – etwas, dass sich tatsächlich in einem gewissen Sinne wiederholt. Auch das Generationenkonzept ist hochinteressant: es vermittelt einen erstaunlichen neuen Zugang zum Nachdenken über die Vergangenheit und die Zukunft. Allerdings glaube ich, dass Howe und Strauss zwar ein brauchbares Konzept präsentieren – auf keinen Fall aber ein Guckloch in die Zukunft. Das hoffe ich zumindest, den die Prophezeiung war keine erbauliche – vor allem nicht, wenn man sie liest während man über dem Atlantik von Turbulenzen durchgerüttelt wird.

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