John Gray glaubt nicht an den menschlichen Fortschritt.

Natürlich macht die Wissenschaft Fortschritte; sie ist aber einzig dazu imstande, dem Menschen seine Lebensbedingungen temporär zu erleichtern. Sie befasst sich mit dem Materiellen – und Stabilität ist keine Eigenschaft der Materie. Längerfristig werden die wissenschaftlich geschaffenen menschlichen Artefakte wohl ihren eigenen Weg gehen. Es ist nicht auszuschließen, dass sie Homo Sapiens eines Tages hinter sich lassen, ja ihn vielleicht sogar vernichten werden.

Was den menschlichen (im Gegensatz zum wissenschaftlichen) Fortschritt anbelangt, tritt der Mensch auf der Stelle. Gewalt und Chaos sind ihm inhärent, auch in Zeiten in denen er sie gebannt glaubt. Man schaue sich im weitenteils noch paradiesischen Europa um: verzweifelte Menschenmaßen campieren an den Grenzen, am Horizont leuchte die rechts-nationalistische Morgenröte.

Gray hat seine Ideen von der Unmöglichkeit menschlichen Fortschritts seit seinem 1998er Buch False Dawnüber beinahe ein halbes Dutzend Bücher hinweg weiter entwickelt. In seinem jüngsten Werk, The Soul of the Marionette: A Short Enquiry into Human Freedom”, findet dieser intellektuelle Entwicklungsweg ihren vorläufigen Abschluss. Im kurzen letzten Kapitel wird der Autor vom historischen Analysten zum praktischen Philosophen, vielleicht sogar zum stoischen Guru. Der Atheist Gray outet sich als Metaphysiker:

We do not know how matter came to dream our world into being; we do not know what, if anything, comes when the dream ends for us and we die. We yearn for a type of knowledge that would make us other than we are  – though what we would like to be, we cannot say. Why try to escape from ourselves? Accepting the fact of unknowing makes possible an inner freedom very different from that pursued by Gnostics. If you have this negative capability, you will not want a higher form of consciousness; your ordinary mind will give you all you need. Rather than trying to impose sense on your life, you will be content to let meaning come and go. Instead of becoming an unfaltering puppet, you will make your way in the stumbling human world. … Not looking to ascend into the heavens, they can find freedom in falling to earth.

Gray sieht den Menschen als gefangen zwischen den mechanischen Bewegungen des Fleisches und dem Drang des Geistes nach Freiheit. Nie wird er aus diesem Dilemma ausbrechen können, denn das Gewicht der Materie wird ihn stets nach unten ziehen. Freiheit kann also nur im Inneren existieren – und trotzdem versuchen wir ohne Unterlass auch das Fleisch zu befreien. Dies ist das Streben der Religionen – und von ihren atheistisch-modernen Nachfolgern.

Schon in seinen früheren Büchern hat Gray die Rationalsten und Materialisten von heute, mit den Religionensvätern verglichen. Den einen wie den anderen geht es um die Suche nach dem Paradies. Früher konnte man dieses durch den Glauben an Jesus oder die absolute Unterordnung unter den Koran erreichen – später haben Kommunismus, Faschismus und Demokratie diese alten Ordnungen ersetzt. Auch sie propagieren das kommende Paradies – und sind in ihrer Zielsicherheit zu jeder Barbarei bereits.

In “The Soul of the Marionette” wendet sich Gray der Gnostik, dem alten Widersacher des Christentums, zu. Die Gnostiker glaubten, dass er Mensch sich von seiner Kondition und dem Bösen in der Welt befreien könnte, indem er die Fesseln des Fleisches und der materiellen Welt durch spezielles Wissen hinter sich lassen würde. Die Gnostiker sahen im Mythos der Vertreibung aus dem Paradies also nicht die Ursünde, sondern der erste Schritt zur Befreiung des Menschen aus den Fängen eines bösen Halbgotts, der seine grausamen Späße mit ihnen treibt. Transhumanisten und Singularitätsanhänger sind gemäß Gray die modernen Gnostiker. Auch sie glauben, dass der wissenschaftliche Mensch seine Kondition – letztendlich also körperlicher Zerfall und schließlich den Tod – hinter sich lassen könne. Sie sprechen vom hochladen des Bewusstseins in die virtuelle Welt und der Reparaturfähigkeit unseres Körpers.

Gray sieht falsche religiöse Illusionen also überall am Werk – in der modernen Welt zwar nicht mehr in den traditionellen Religionen, sondern vor allem im radikalen Materialismus, im technologischen Transhumanismus, aber auch in den vorherrschenden politischen Denksystemen, nicht zuletzt in der liberalen Demokratie.

Dabei nimmt nimmt Gray die Position eines radikal Außenstehenden ein. Er glaubt den Menschen als das zu erkennen, was er wirklich ist, nämlich ein Bewusstseinsblitz welcher in der sich stets verformenden Materie aufgetaucht ist und – der Natur von Blitzen gemäß – alsbald wieder verschwinden wird. Es existiert kein Sinn. Es existiert nicht einmal ein Menschentum.

Was Gray dabei übersieht, ist dass die radikale Außensicht zwar eine nützliche Übung in Bescheidenheit, aber keine sinnvolles Fundament für das Nachdenken über die menschliche Kondition ist – also ein intellektuelles Ausflugsziel, kein fester Wohnsitz. Ja, wir sind tatsächlich Nichts – trotzdem aber dürfen wir uns und die uns inhärenten Triebe ernst nehmen und zwar sowohl die Lust auf Gewalt als auch die Sehnsucht nach dem Paradies. Auch wenn wir nie im vollen Besitz des geheimen Wissens der Gnostiker sein werden, haben wir es doch geschafft, temporär Paradies-ähnliche Zustände zu schaffen. Ich weiß wovon ich spreche, denn ich selbst lebe an so einem Ort – habe schon mein ganzes Leben dort verbracht. Natürlich bin ich mir bewusst, dass alles zusammenbrechen kann – „sudden extinction of ways of life is the human norm“, schreibt Gray und damit hat er wohl recht – trotzdem lohnt sich das Streben nach dem Paradies und zwar sowohl im materiellen als auch im metaphysischen Sinne. Allerdings widerspricht Grays innere Fallenlassen diesem Streben nach dem Paradies in keiner Weise: Auch dem Mensch der weiß, dass er nichts weiß und sich konsequenterweise fallen lässt, soll es gestattet sein, im Delirium des freien Falles vom Paradies zu träumen.

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