Amerika V

Das Shakespeare-Porträt im Gebäude für Englische Literatur an der prestigeträchtigen Yale Universität wurde von Studenten mit dem Bild einer schwarzen, lesbischen, feministischen Autorin ersetzt. Die Abteilungsleitung lässt es dabei bewenden, wohl um die Aktivisten nicht zu verärgern.

Winter in Amerika.

Spanien I

Ich mag Spanien wegen seiner “Bars” und seines Kaffees. Nach einer Woche in San Antonio, Texas, werde ich mir erst richtig bewusst, in welchem Luxus Kaffeetrinker hier leben, wo an jeder Ecke eine “Bar” steht (“bar” wird in Spanien das ganze Spektrum an Lokalitäten zwischen Café und Kneipe genannt). Ich war überrascht festzustellen, dass es bei Starbucks in San Antonio keine Espressos oder andere kurze, starke Kaffees gab. Nur große Becher voller Milch waren zu haben. Natürlich reichen solche nicht an den spanischen café solo oder cortado, mein Lieblingskaffee, heran. Ein café solo ist ein starker Espresso, aber nicht so kurz und bitter wie in Italien, sondern lang genug, dass man ihn in mehreren Schlücken trinkt und ein paar Minuten lang vor der Tasse sitzen bleibt. Ein cortado ist ein mit ein wenig Milch aufgefüllter café solo.

Ich beginne meinen Tag wenn immer möglich mit so einem Kaffee. Ich trinke meistens nur einen und freue mich schon kurz nachdem ich ihn ausgetrunken habe auf den nächsten Morgen und den nächsten cortado. Einen solchen in der richtigen Stimmung und in der richtigen Umgebung zu trinken, hat einen beinahe psychedelischen Effekt auf mich.

Amerika IV

In einer Stunde beginnt die lange Reise zurück nach Spanien.

Ich habe drei Bücher für den Flug. Zwei Romane: The Vegetarian von Han Kang und Black Swan Green von David Mitchell. Den ersten – das Buch einer koreanischen Autorin – habe ich schon beinahe fertig gelesen. Eine kafkaeske Geschichte welche unbewusste Umtriebe an die Oberfläche bringt. Ich versuche erst gar nicht, die Geschichte zu interpretieren. Ich lasse sie auf mich wirken. Trotz des albtraumhaften Ausflugs in die düstere Welt von im kapitalistisch-traditionellen Korea verlorenen Seelen, gefällt sie mir gut.

Obwohl für die fünfzehn Stunden bestens mit Lesestoff ausgestattet, konnte ich es nicht lassen, am Flughafen noch ein drittes Buch zu kaufen: Thank You For Being Late von Thomas L. Friedman. Ich habe das Buch gekauft, weil ich heute Morgen daran gedacht hatte, dass wir in einer Zeit des großen Wartens leben. Viel mehr als in Spanien hatte ich hier in den USA das Gefühl, dass wir alle auf eine Zukunft warten, die riesig aber unsichtbar auf uns lauert. Natürlich war die Zukunft immer unbekannt, aber früher dachte man an kleine Ereignisse, welche auf einem zukommen werden, während man heute ahnt, dass die Welt in vierzig, dreißig oder auch nur zwanzig Jahren sich von der heutigen extrem unterscheiden wird. Seit einigen Jahren verändert sich die Welt schneller als unser individuelles Sein in der Welt. Darüber schreibt Friedman – über diese Zeit der extremen Beschleunigung. Sie kann ein Gefühl des Schwindels verursachen, aber ich mag Friedmans “optimistischen Ansatz”: “It’s also an argument for “being late” – for pausing to appreciate this amazing historical epoche we’re passing through and to refelect on its possiblities and dangers.” – Nach einem eher düsteren Hinflug, freue ich mich für den Sprung zurück über den Atlantik auf eine optimistischeres Buch.

Amerika III

Die Missionen San José und Concepción liegen in einer ärmlichen Gegend ein paar Meilen südlich des Zentrums von San Antonio. Schon ein paar hundert Meter nachdem man Downtown hinter sich gelassen hat, fragt man sich überrascht, wo die Stadt geblieben ist. Kein Europäer würde sich hier inmitten in einer Metropolregion mit Millionen von Einwohnern wähnen. Man befindet sich auf einem weiten, flachen Feld; die kleinen Holzhäuser bleiben zwischen den Bäumen fast unsichtbar. An der Ausfallstraße liegen Kirchen in lotterigen Hallen oder unscheinbaren Häusern. Reklametafeln auf hohen Masten verkünden das Wort des Erlösers. Sie passen in die Gegend – der Erlöser ist nicht zu den Reichen gekommen. Man sieht auch Bars, Restaurants, Autohändler in ähnlich unpassenden Gebäuden … sie laden aber weder zum Trinken noch zum Essen oder Autokauf ein. Trottoirs gibt es keine. Niemand ist zu Fuß unterwegs. Auf der Wiese vor und neben den Häusern stehen Pickup-Trucks. Manche Häuser sind verwahrlost, aber man sieht auch immer wieder gepflegte Vorgärten und weihnachtlich geschmückte Fassaden. Man nennt diese armen Gegenden Amerikas food deserts und tatsächlich sieht es so aus, als würde man sich hier vorwiegend an Tankstellen mit Lebensmitteln eindecken.

Wenn man sich durch diese urbanen Gegenden bewegt, beginnt man zu verstehen, warum Amerikaner nicht an ihren Heimatort – ihre Erde (tierra) wie man in Spanien sagt – gebunden sind. Alles sieht improvisiert und provisorisch aus. Mobilität ist die Essenz des amerikanischen Traums. In europäischen Städten gibt es wohlhabende und weniger wohlhabend Quartiere, aber trotzdem gehören sie alle zusammen. Hier in Amerika, liegen sie wegen des Überflusses an Raum weit auseinander und sind aufgrund des fehlenden öffentlichen Verkehrsnetzes auch nicht miteinander verbunden. Leben heißt vorwärts kommen und von einer Gegend in eine bessere zu ziehen.

Amerika II

Downtown San Antonio besteht aus ein paar Hotel- und Bürotürmen, dahinter ist von meinem im zwanzigsten Stock gelegenen Hotelzimmer aus nicht mehr viel von der Stadt zu sehen. Hätte ich beim nächtlichen Landeanflug nicht den sich meilenweit erstreckenden Lichterteppich gesehen, würde ich mich in einem kleinen Städtchen wähnen. Die Baudichte ist so gering, dass sich die Stadt jenseits der Wolkenkratzer im Nichts aufzulösen scheint.

Unter mir wehen die Fahnen auf Halbmast. Nur auf dem höchsten Gebäude der Stadt steht die Stars and Strips unbekümmert im Wind. Ich weiß nicht, ob die Verantwortlichen die Attacke auf Pearl Harbour, die sich heute zum fünfundsiebzigsten Mal jährt, vergessen haben, oder ob das Einholen der Fahne zu kompliziert ist.

Im Gebäude daneben, einem Parkhaus, macht ein Mann auf dem Dach Kettlebellübungen. Ohne Unterlass schwingt er seine Eisenkugel durch die Luft, als wolle die Schwerfälligkeit, die an diesem kalten, grauen Tag über der von Dauerweihnachtsmusik berieselten Stadt liegt, zum Teufel jagen.