C.G. Jungs Autobiographie (I)

Ich habe viele zeitgenössisch-philosophische Bücher gelesen, die meisten Klassiker aber liegen noch vor mir. Nur die wenigsten Zeitgenossen denken aus dem Ursprung heraus. Sie mögen zwar originelle, neue Gedanken entwickeln, meistens aber aufbauend auf bereits bestehenden, primären Denksystem. So sind viele Zeitgenossen zwar von einem gewissen Interesse hier und heute, längerfristig aber der Vergessenheit geweiht. Nur die primären Denker werden bleiben.

C.G. Jung ist einer dieser ursprünglichen Denker. Ich stecke in seiner Autobiographie, welches meine erste Begegnung mit ihm ist.

Es fällt mir auf, dass Jung ein viel schwierigerer Autor ist, als die Zeitgenossen. Ich meine damit nicht, dass seine Gedankengänge schwerer zu verstehen sind – bei diesen bin ich noch gar nicht angelangt, schließlich beginne ich ja ganz von vorne, oder eigentlich von hinten, bei seinem Lebensrückblick. Mit “schwierig” meine ich, dass man auf jeder Seite merkt, dass Jung sich auf der Suche nach Erkenntnis ganz allein in die Wüste hinaus gewagt hat. (Auf Erfahrung beruhende Erkenntnis, nicht bloße Kenntnisse, die kann man sich durch die Naturwissenschaften erarbeiten, wie Jung selbst schreibt.) Natürlich standen Jung dabei seine großen Vorgänger zur Seite – Schopenhauer, Kant, Nietzsche, Goethe usw. – aber Jungs Werk steht nicht auf diesem Fundament. Es ist aufgebaut auf des Autoren eigener Erkenntnis. Die Mehrheit der Denker müht sich mit dem Verstehen eines Kant ab – sie wollen sich Kenntnisse über sein Werk erarbeiten. Jung aber benutzt die großen Denker, um selbst zu erkennen. Er ist selbst einer der großen, ursprünglichen Denker. Er ging alleine in die Wüste, wo er alles (in seinem Fall vor allem “die Person”, das Bewusste und das Unbewusste) vom Grunde auf zu verstehen trachtete.

Für uns normale Menschen, die wir nicht aus dem Ursprung denken, sondern uns Kenntnisse über den Weg großer Vorgänger aneignen (und auch dies meist indirekt), ist die Begegnung mit solchen Wüstengängern und alles in Frage stellenden Menschen ebenso faszinierend wie befremdend. Natürlich spüren auch sie diese Fremdheit – Jung hatte sich zumindest in seinen jungen Jahren (weiter bin ich noch nicht) öfters fremd und unverstanden gefühlt.

*

Noch ein Wort zu Trump: Die Analysen überschlagen sich, aber sie sagen meistens mehr über die Weltsicht des Autoren aus, als dass sie eine brauchbare Aussicht auf das vor uns Liegende wären. Es gilt abzuwarten. Gestern hatte ich mich schon einmal getäuscht: Die ersten Hinweise, dass die Märkte Angst vor der Unsicherheit einer Trump-Regierung hätten, haben sich als kurzlebig herausgestellt. Sie waren wohl auch den Zeitungen zu verdanken, allesamt Trump-Gegner, welche die ersten Anzeichen nervöser Märkte gierig zur Kenntnis nahmen und in die Welt hinaus schrien … Es sieht nun so aus, als vertraue das Kapital auf ihn. Die Börsenkurse schießen nach oben! Aber Trump bleibt unberechenbar: Im Verhalten der Märkte liegt wohl die Hoffnung, dass seine im Wahlkampf noch als globalisierungskritisch dargestellte Handelspolitik, eben doch neoliberalistischer als angenommen ausfallen wird. Aber eben, mehr Markthoffnung als Marktwissen.

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