Business as usual ist gestrichen

Ich habe gut geschlafen, war aber ungewöhnlich nervös, als ich gegen halb fünf erwachte und auf meinem Handy den Flugmodus abstellte. Als erstes öffnete ich die Financial Times: Trump lag vorne, Hillarys Chancen den Wagen noch herumzureißen wurden als gering beurteilt. Bevor ich kurz nach sechs zu meinen Morgenlauf aufbrach, hatte Clinton 209 Wahlmännerstimmen, Trump 244.

Etwas mehr als eine Stunde später schnitt ich in der Küche Obst und Gemüse für einen Smoothie zurecht, als die BBC verkündete Trump won Pennsylvania. Der Sieg war ihm nun fast nicht mehr zu nehmen. Minuten später hatte Clintons Wahlkampfmanager Podesta einen merkwürdigen Auftritt: Er erzählte den sprachlosen Clinton-Anhängern, sie sollen schlafen gehen.

Um neun Uhr trank ich meinen Kaffee in einer gedrängt vollen Kneipe. Für die meisten anderen Gäste – Arbeiter, Hausfrauen, Senioren – waren die über den Bildschirm des unvermeidbar in der Ecke klebenden Kastens flimmernden Bilder nur eine kleine Kuriosität. Ein Blick auf die Schlagzeile – Donald Trump elegido presidente de los Estados Unidos – ein zynischer Kommentar.

Ein paar Autoren und Journalisten denen ich auf Twitter folge, prophezeien den Untergang ohne allerdings näher darauf einzugehen, was wie und wo untergehen würde. Sie sehen das alte Schreckensbild des Faschismus am Horizont dämmern. Einer meiner intellektuellen Helden, Sam Harris, der sich leidenschaftlich gegen Trump ausgesprochen hatte, schreibt: “It’s very tempting to spend the next 4 years just reading and writing fiction.”

Meine Meinung? Einen kühlen Kopf bewahren und abwarten. Meine größte Sorge ist es, dass Trump es nicht schaffen wird, ein gutes Team um sich zu scharren. Welcher tiefe Denker und kaltblütige Macher will sich schon mit Donald in ein Boot setzen? Und überhaupt: ist Donald überhaupt dazu fähig, so jemanden neben sich zuzulassen? Oder ändert sich das jetzt, wo Trump kein böser Clown und Medienschreck mehr ist, sondern der Präsident der Vereinigten Staaten?

Ansonsten gilt es wohl vor allem die folgenden sieben Themen im Auge zu halten:

Handel: Wird Trump seinen Widerstand gegen entfesselten Globalismus in die Tat umsetzten können? Die fallenden Märkte scheinen davon überzeugt zu sein.

Außenpolitik: Es ist völlig offen, welche Positionen eine Trump-Regierung Russland, China, dem Iran und ISIS gegenüber einnehmen wird. Auch bleibt Trumps Einstellung der NATO und der EU gegenüber unklar.

Klimapolitik: Mir schwant nichts Gutes. Trump glaubt nicht an den Klimawandel – behauptet er zumindest. Seine Präsidentschaft könnte bedeuten, dass unsere diesbezüglichen Anstrengungen endgültig scheitern werden und wir mit dem, was auf uns zukommt, werden leben müssen.

Andere Themen, welche mehr die Amerikaner als die ganze Welt betreffen, sind die folgenden: das Gesundheitswesen (wird Obamacare niedergerissen?); Steuerpolitik (Reiche und Unternehmen werden begüngstigt werden. Die globalisierten multinationals zeigen aber Trump gegenüber trotzdem wenig Enthusiasmus – kein Wunder sie zahlen schon jetzt wenig Steuern und Trumps Nationalismus droht ihnen mehr zu schaden als zu nutzen); der Supreme Court (das höchste Gericht droht auf Jahre oder Jahrzehnte hinaus in rechtskonservative Gefilde abzudriften); und natürlich Migration (hier ist völlig offen was Trump wirklich umsetzten kann und will.)

Kurz zusammengefasst: Business as usual ist gestrichen. Vor uns liegen vier unberechenbare Jahre. Eine Faschistendämmerung droht allerdings kaum. Bei den globalen Themen Außen- und Handelspolitik könnten wir sogar positiv überrascht werden, während ich aber für die Umwelt und das Klima schwarz sehe. Sicher ist, dass innenpolitisch vier turbulente Jahre vor den USA liegen.

So viel zu meiner ersten Reaktion. Zurück zu C.G. Jungs Autobiographie.

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