Señora

Die Institution des Cafés, einen Ort also, wo man vorwiegend Kaffee trinkt, existiert in Spanien nicht. Natürlich gibt es in den Zentren der großen Städte Kaffeehäuser, in diesen aber wird ebenso oft Wein und Bier getrunken, wie Kaffee. Meistens werden solche urbanen Lokale mit dem intellektuellen Leben der Stadt in Verbindung gebracht, wie zum Beispiel das Café Gijon in Madrid. Dieses ist bekannt für seine tertulias (Gesprächsrunden meist politisch-philosophischen Inhalts). In den barrios (den Wohnquartieren) existieren keine Cafés (außer es handle sich um einen barrio moderno, ein Stadtviertel also durch welches der Zeitgeist weht). In den barrios de toda la vida existiert die bar, was besser mit “Kneipe” (oder helvetisch mit “Beiz”) als mit “Bar” übersetzt wird.

Ich trinke fast jeden Morgen in so einer bar einen cortado (einen “Kurzen”, da die Milch “kurz gehalten” wird – einen doppelten Espresso mit ein wenig Milch also). Ein solcher kostet entweder 1.20€ oder 1.30€ und ist meistens sehr stark.

Eine Beobachtung aus der bar von heute Morgen:

Kellnerin: Señora? (Das “Guten Morgen, was darf es sein?” schenkt man sich in Madrid.)

Junge Frau: Du nennst mich Señora?

Die junge Frau streckt ihre beiden Hände in die Höhe. Rote Fingernägel, kein Ring. Also keine Señora, sondern eine Señorita (ein Fräulein). Diese kurze Begegnung ist Ausdruck einer kleinen gesellschaftlichen Dissonanz: Einerseits kommen sich Serviceangestellte besonders freundlich vor, wenn sie eine Kundin, unabhängig ihres Alters, “Señora” nennen, andererseits können es Spanierinnen unter fünfzig nicht ausstehen, so genannt zu werden – auch wenn sie verheiratet sind. Unter einer Señora stellt man sich eine Großmutter vor, welche ihre Enkel auch nach einem üppigen Mittagessen dazu drängt, noch ein Stück Frucht und ein Joghurt zu essen, ein Glas Milch zu trinken danach beim Dessert zwei Mal zu zulangen.

Natürlich hat sich die Kellnerin in typisch trockener Madrider Art nicht für das “Señora” entschuldigt, sondern einen unidentifizierten Laut von sich gegeben und sich der Kaffeemaschine zugewandt.

3 thoughts on “Señora

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