Symbole und Traumdeutung

Ich lese Jungs “Symbole und Traumdeutung“.

Träume bestehen aus Bildern (Symbolen), welchen in unserem Unterbewusstsein eine bestimmte Bedeutung zukommt. Diese kann individuell sein, aber auch dem kollektiven Unbewussten stammen. Der erste Schritt zur Traumdeutung ist es also, den Traumsymbolen ihre unbewusste Bedeutung zuzuordnen und so die Geschichte hinter der Geschichte zu erkennen.

In er Folge ein kurzer Ausschnitt der mir aus meinen Träumen von heute Nacht in Erinnerung geblieben ist:

Ich bin im Hause meiner Kindheit. Mein Vater ist auch zuhause, sonst niemand. Plötzlich weist mein Vater mich auf zwei Kakerlaken hin, die über den Boden krabbeln. Ich sage ihm, er solle sie nicht aus den Augen verlieren und gehe in die Küche und hole ein Glas, mit dem ich mich auf die Käferjagd mache. Mein Vater scheint sich nicht für sie zu interessieren und liest wieder Zeitung. Trotzdem finde ich sie auf dem Teppich in der Stube. Es gelingt mir, das Glas über sie zu stülpen. Ich fange beide, aber unter dem Glas sehe ich nur noch einen – trotzdem weiß ich, dass der andere Käfer auch dort ist, er ist mir nicht entwischt. Ich betrachte ihn und stelle fest, dass es sich nicht um eine Kakerlake handelt, sondern einerseits um eine Heuschrecke und andererseits um ein mythisches, Skarabäus-ähnliches Insekt. Es kann sich verwandeln, offensichtlich um den Betrachter abzuschrecken! Aus seinem Rücken wird ein großer Mund mit spitzen Zähnen. Im Mund liegt ein Kind, dass es verspeist hat. Anstatt geschockt zu sein, bin ich froh, dass wir keine Kakerlaken im Hause haben. Die Verwandlung vom Käfer in den Mund findet noch ein paar Mal statt, jedes Mal aber weniger intensiv. Ich weiß, dass die Lebensgeister den Käfer langsam verlassen – bald wird er tot sein. Ich lasse ihn sterben und verlasse die Stube. Irgendwann später kommen meine Frau und mein Sohn nach Hause. Ich zeige ihnen das nun tote Insekt. Sie reagieren nicht darauf.

Dann gehe ich zum Fenster. Ich schaue nach draußen, da ich vermute, eine biblische Heuschreckenplage sei im Anzug. Es tröpfelt aber nur leicht, von Heuschreckenschwärmen keine Spur. Trotzdem ahne ich, dass das Auftauchen einer Plage nur eine Frage der Zeit ist. Ich frage mich, ob irgendwo noch Fenster offen sind. Irgendwo ist es doch immer offen, denke ich, das ist nicht gut, da könnten ja noch mehr solcher Käfer eindringen.

Natürlich bin ich nach ein wenig Jung-Lektüre (ich sitze an meinem zweiten Buch) noch weit davon entfernt, ein Experte der Traumdeutung zu sein. Das muss man aber auch nicht sein, um mit der Erforschung des eigenen Unterbewussten beginnen zu können. Der praktische Ansatz ist der folgende: Eine genaue Beschreibung des erinnerten Traums (noch ausführlicher als oben geschehen – es handelt sich dabei um eine gekürzte Version meiner Erinnerung) und dann eine Isolation der einzelnen Bilder, im Falles des heutigen Traums also: Das Zuhause meiner Kindheit; mein Vater; Kakerlaken; mythische, sich verwandelnde Insekten (Skarabäen?); Gläser; die Stube; Heuschrecken; Tod im Mund eines Käfers; Tod unter einem Glas; meine Frau und mein Sohn; Heuschreckenplagen; offene Fenster.

Es stellen sich auch Fragen, zum Beispiel die folgenden: Warum nimmt mein Vater am Käfer keinen Anstoß? Warum hole ich ein Glas, anstatt die Käfer zu zerdrücken? Wer ist das Mädchen im Mund des Käfers? Warum schockiert mich die Fratze nicht – weshalb fühle ich Erleichterung, keine Schaben im Haus zu haben?

Nun gilt es durch freies Assoziieren die unterschwellige Bedeutung all dieser Bilder zu finden und die Geschichte dann neu zusammenzusetzen. Eine klare Botschaft des Unterbewussten darf der Anfänger der Traumdeutung dabei wohl noch nicht erwarten, aber ein erster Schritt in die Unterwelt des Bewusstseins ist getan.

Gewissheit produziert Barbarei

Wir verstehen nicht, woher wir kommen und damit auch nicht, wer wir sind. Ständig aber drängen wir nach Gewissheit. Doch Gewissheit produziert Barbarei. Denn Gewissheit ist ein scheinbar sicherer Leuchtposten, an dem wir uns orientieren können. Wir können somit beurteilen, was wünschenswert ist und was nicht. Wer nicht auf Kurs ist, wird eliminiert.

So hat die wissenschaftlich-organisierte Gesellschaft der Sowjetunion Gulags produziert. Die Gewissheit des demokratischen Fortschrittes hat den zweiten Irak-Krieg vom Zaun gebrochen und ISIS geschaffen.

Wissenschaft ist notwendig um unser Leben zu verbessern, nicht aber um Gewissheit über die menschliche Kondition zu schaffen. Was wir brauchen sind Mythen und Illusionen. (Wenn diese allerdings zur Gewissheit erstarren, produzieren natürlich auch sie Barbarei. Die Barbarei der Kreuzzüge zum Beispiel.)

So ist das erste Wort der Bergpredigt zu verstehen: Selig die vor Gott Armen. – Selig, wer sich eingesteht, dass er die Absichten der Materie nicht versteht und sie somit nur relativ, nicht aber absolut beeinflussen kann.

 

 

 

Oper gegen Entropie

An einem regnerischen Sonntag gehe ich ins Teatro Real. Draußen Menschen unter Schirmen; ein Teppich matschiger Blätter bedeckt den Boden. Drinnen Gold, Silber, rotes Plüsch, gedämpftes Licht. Recht viele graue Haare – eine Eintrittskarte ist teuer. Auch Musikliebhaber, man sieht’s ihnen an. Die meisten von ihnen sind alleine unterwegs. Paare kommen in zweierlei Varianten: Solche die sich auskennen und Touristen. Die Auskenner klatschen nach manchen Arien und nach anderen demonstrativ nicht. Sie flüstern sich Bewertungen zu. Die Touristen machen Selfies. Sie gehören zu unserer Zeit wie Terroristen. Sie bringen keinen Sprengstoff mit, dafür ihre Handys um den Abend zu dokumentieren. Kurz vor Beginn der Aufführung – es ist bereits dunkel, ruhig und die Musiker räuspern sich – werden die Bilder des Abends per Whatsapp in die Ewigkeit hinausgeschickt.

Dann die Aufführung … Kein fertiges Kunstwerk wie ein Buch oder ein Bild sondern eins, das sich über die Jahrhunderte weg entwickelte und entwickelt. Entstanden ist “La Clemenza di Tito” unter enormem Zeitdruck. Noch in der Kutsche von Wien nach Prag, wo sie 1791 uraufgeführt wurde, soll Mozart an ihr gearbeitet haben. Aber das war nur der Anfang – die Geburtswehen. Danach begann ihr langes Leben, welches noch immer andauert. Bereits hat sie Jahrhunderte überdauert. Böhmen, zu dessen Königs Ehren die Oper geschrieben wurde, existiert nicht mehr, sie aber lebt weiter, in Symbiose mit dem Menschen. Ein Netzwerk von Menschen, über die Jahrhunderte hinweg kollaborierend, erhält sie am Leben; sie wiederum hilft dem Menschen, dem kalten, chaotischen Universum durch Schönheit und Harmonie Struktur und Sinn abzuringen. Eine Win-win-Situation. Ein lebendiges Netzwerk – vielleicht sogar ein Organismus – gegen die Entropie.

Gray spekuliert, dass auch die Maschinen der Zukunft ein Unterbewusstsein entwickeln werden, ein monkey brain. Vergrabenes aus den Anfängen ihrer Evolution. Haben auch über die Jahrhunderte hinweg lebendige Kunstwerke wie Opern ein Unterbewusstsein?

Desire & Obstacle

Der Motor jeder Geschichte sind desire & obstacle. Der Held will etwas, macht sich auf die Suche, stößt auf Widerstand und lernt mit der Zeit, dass er sich selbst verändern muss, um die Hindernisse, welche ihm den Weg zum Ziel versperren, zu überwinden.

Diese Struktur taucht in den Mythen aller Völker auf. Joseph Campbell hat sie in The Hero With a Thousand Faces beschrieben.

Ich glaube, dass diese Vorlage tief im Menschen verankert ist, weil jedes Leben eine Hero’s Journey sein kann. Die menschliche Kondition ist der Wunsch (desire) zurück ins Paradies zu finden (die Befreiung vom Leiden würde der Buddha sagen; die Befreiung von der Unterdrückung der Kommunist; die Gleichheit aller Menschen der westliche Liberale; die Befreiung vom Tod Ray Kurzweil). Das Hindernis (obstacle) ist die andauernde menschliche Mangelhaftigkeit (entweder untrennbar mit dem Mensch verbunden (die Ursünde), oder  überwindbar, geschähe nur x, wobei x für vieles stehen kann).

Der Beginn der Heldenreise jedes Menschen ist also der Moment, wo dieser die menschliche Kondition der Unzulänglichkeit hinter sich zu lassen versucht und sich auf die Suche nach dem Paradies macht.

Obwohl jeder Menschen diesen Wunsch kennt, gibt es aber nur wenige Menschen, welche diese Reise auf sich nehmen. The Call to Adventure ist für alle hörbar. Es liegt aber in der menschlichen Natur diesen zu ignorieren. Nur wenige überwinden deshalb den threshold, hinter dem die Reise und die Transformation beginnt. Die meisten hören zwar den Ruf zum Abenteuer, trösten sich dann aber mit Konsum und dem Streben nach materiellen Werten über die Angst vor dem Abenteuer hinweg. Sie wagen es nie, die Schwelle zur Neuen Welt (der Welt des Abenteuers, der Heldenreise) zu überschreiten.

Wie in jeder Geschichte gibt es nur wenigen Helden, die meisten von uns bleiben Statisten und Nebenfiguren auf der Bühne derjenigen, welche die menschliche Geschichte weiterspinnen.

Arrival

Gestern sah ich Arrival. Zwölf merkwürdige Flugobjekte landen auf der Erde. Darin befinden sich tintenfischartige Wesen. Die Regierungen der betroffenen Länder schicken ihre besten Linguisten, um mit den Außerirdischen zu kommunizieren. Schließlich entziffert man die Nachricht “offer weapon”. Man wittert Krieg. Die Haudegen China und Russland befehlen die Mobilmachung. Die internationale Kommunikation bricht zusammen. Zum Glück aber schafft es eine amerikanische Sprachwissenschaftlerin den drohenden Krieg im letzten Augenblick abzuwenden. Sie findet heraus, dass die Tintenfische den Menschen keine Waffen anbieten, sondern eine neue Sprache. Ein universelle Sprache, welche Menschen verbindet, anstatt sie zu trennen. Der Erwerb einer neuen Sprache stelle – so die Lektion, welche uns die Filmemacher erteilen – neue Verbindungen im Gehirn her und die Sprache der Besucher ist so hochentwickelt, dass die amerikanische Linguistin – der erste Mensch, welche die neue Sprache beherrscht – die Fähigkeit, in die Zukunft zu sehen, erwirbt. Sie schafft es, die Regierungen zu überzeugen, wieder miteinander zu sprechen und kann den Gewaltausbruch abwenden. In einer der letzten Szenen wird eine Art UN-Weltfest gefeiert. Es scheint, als hätte der Erwerb der neuen Sprache die Menschheit endlich geeint.

Der Film gefiel mir gut. Die Musik ist hervorragend, die Erzähltechnik überraschend. Er setzt sich interessanten Themen auseinander:  Sprache und Politik; Sprache und Krieg; Sprache und Frieden. Trotzdem unterliegen die Macher dem alten Irrtum, dass Frieden, Einheit und Stabilität möglich sei, wenn nur dies oder jenes geschähe. Wie schon die Alchemisten, welche nach der geheimen Zutat zur Goldproduktion suchten, spüren sie der Friedensformel nach. Sie befinden sich damit im Boot mit den Religionen, den Kommunisten, den Kapitalisten, usw. – sie alle versprechen die Schaffung eines utopischen  Reiches, wenn nur xy geschehen. Die zeitgenössische Facebook-Version dieses alten Traums ist die Aussicht auf eine friedliche Welt, würden wir nur miteinander sprechen.

Dabei wird übersehen, dass alles immer in Bewegung ist. Auf jeder Stufe: vom einzelnen Menschen, über die Geschichte der Menschheit bis hin zur Materie im Universum ist alles im ständigen Fluss.Wir werden mitgerissen, sind hilflos und deshalb immer auf der Suche nach Ordnung. Manchmal glaubt man es geschafft zu haben (in diesem Glauben wuchsen wir auf), bis man merkt, dass nichts von Dauer ist (2016 war das Jahr, in dem uns dies eindrücklich vor Augen geführt wurde). Ständige Umformung ist die Kondition des Universum und alle Materie (also auch wir: Materie mit Bewusstsein) sind davon betroffen. Der Wunsch, die stete Verwandlung stoppen zu wollen (also das Ende der Geschichte herbeizuführen) führt normalerweise zu Barbarei und Tod: KZs, Gulags, Kriege für die Demokratie.

Nur wer die ständige Veränderung innerlich akzeptiert ist frei.