Der sanftmütige Weise und die machtsüchtigen Frühkapitalisten

Ich habe mit dem Wiederlesen von Garry Wills What Jesus Meant begonnen. Ich mag die Einführung zu diesem Buch, weil sie gegen den Strom anschreibt. Oder zumindest gegen das Flüsschen. Für einen Strom von Interessenten an der Sache reicht es in unseren Gefilden schon lange nicht mehr. Trotzdem stößt man ab und zu noch auf eine der folgenden Aussagen:

Zunächst diese: Jesus war ein gestrenger Mann, eine Art Superheld, der das Gesetz gepredigt und dann freiwillig am Kreuz gestorben ist, damit uns unsere Sünden vergeben werden.

Das ist die Lesart des Dogmas. Natürlich glauben daran noch Millionen von Menschen, aber in Europa begegnet man, mit der Ausnahme von ein paar Verrückten, welche auf Großstadtplätzen predigen, kaum noch jemandem, der diese Auffassung öffentlich vertritt. Sogar im Gespräch mit praktizierenden Katholiken (oder Protestanten) vermeidet man das Thema. Man wird das Gefühl nicht los, dass sie eher das Dogma repetieren, als wirklich eine profunde Glaubensaussage machen.

Viel öfters hört man dies: Jesus war ein sanftmütiger Weiser, der wie jeder andere Prophet gepredigt hat, man solle nett sein. Die Mächtigen haben dieses Wort an sich gerissen, aus dem guten Mann einen Gott gemacht, den Zugang zu diesem monopolisiert und somit ihre eigene Macht zementiert.

Und dann natürlich auch dies: Jesus hat nie existiert. Er wurde erfunden, um das Volk zu unterdrücken.

Natürlich gibt es noch viele andere Jesuse. Sie sind aber alle irgendwo zwischen dem dogmatischen und dem nicht existierenden angesiedelt. Die meisten Suchenden nach dem historischen Jesus glauben heute an den sanftmütigen Weisen, dessen Worte und Lebensgeschichte von den Evangelisten, der Kirche und dem römischen Reich (am Konzil von Nizza, 325, wo man sich auf den seit damals gültigen Inhalt der Bibel geeinigt hatte) dergestalt verfälscht wurden, dass er zum Gott wurde und den Hütern seiner Worte den alleinseligmachenden Schlüssel zu seinem Reiche vermachte. Ironischerweise, so der Tenor, wurde Jesus der Sanftmütige so zu einer Waffe der Mächtigen.

Sogar viele moderne Christen glauben an diesen weisen Mann, der von mächtigen Fälschern zu Gottes Sohn erhoben. Die Interpretation hört sich so glaubwürdig an, dass sie unter spirituell empfänglichen, westlich-liberalen Zeitgenossen zur Standartthese geworden ist. (Die dritte These, Jesus habe nie existiert, wird eigentlich nur von ein paar Skeptikern vertreten, was aber weniger mit historischer Neugier, als mit dem allgemeinen Verdacht, „alles (unsere Zivilisation betreffende) sei eine Lüge“. Die meisten Jesus-Skeptiker sind auch 9/11-Verschwörungstheoretiker, nicht aber Klimawandel-Verleugner – diese gehören zu einer anderen Gruppe von „Skeptikern“.

Auch die Mehrheit von Historikern des Neuen Testaments stehen hinter der These des sanftmütigen Jesus. Als moderne Menschen schließen sie Wunder und Unzeitgemäßes oder gar Verrücktes von vornhinein aus. Trotzdem sind sie aber fasziniert vom weisen Mann. Eine wichtige Gruppe solcher Historiker nennt sich das Jesus-Seminar.

Vereinfacht gesehen, lautet die Grundthese der Jesus-Seminaristen wie folgt: Jesus war ein bemerkenswert weiser Mann. Seine Worte haben die Menschen so sehr beeindruckt, dass sie sich auch nach seinem Tod noch an ihn erinnerten. In den Jahrzehnten nach dem Kreuz begannen sich so Mythen und Geschichten um den weisen Mann zu ranken. Zu diesen Mythen gehörte auch, dass er auferstanden sei. Paulus, zunächst noch ein Verfolger der ersten Christen, anerkannte schließlich die Kraft der Jesus-Geschichte. Von erfolgshungrigem Charakter, stellte er sich an die Spitze der Bewegung und erfand eine Religion. Der Auferstehungs-Mythos wurde zur Christologie. Jesus wurde zu Gottes Sohn. Schließlich wurden die Evangelien geschrieben, wobei man die mündlich überlieferten echten Jesusworte um Wunder und Christologisches anreicht. Schließlich erkannten die römischen Machthaber um Kaiser Konstantin die Nützlichkeit dieses Kultes. Sie erhoben ihn zur Staatsreligion. Die Dogmen der katholischen Kirche begannen zu entstehen. Die Korruption der weisen Worte war komplett. Trotzdem hat ein Kern von Jesu Weisheit in den Evangelien überlebt. Und zum Glück helfen uns die Jesus–Seminaristen heute mit historisch-linguistischen Methoden, diesen wahren Jesus wieder zu entdecken.

Kein Gott-Mensch also, sondern einfach ein außergewöhnlich guter Mann wie die anderen Religionsstifter, wie Gandhi, King und Mandela. Und das ist natürlich in Ordnung so. Das passt perfekt ins westlich-liberale Weltbild: Natürlich war der eine nicht besser als der andere. Das nennt man equality in diversity – sehr wichtig in unserer multikulturellen Gesellschaft.

Wills offeriert eine andere Lesart. Vorausschicken muss man dies: Wills ist kein Fundamentalist, ja nicht einmal ein Rechtskatholik. Manch aufrechter Katholik würde vielleicht sogar seinen Katholizismus überhaupt in Frage stellen (obwohl er regelmäßig den Gottesdienst besucht). Ob meine Großmutter den Autoren von Büchern wie Priests, a Failed Tradition oder Papal Sin: Structures of Deceit hochgeschätzt hätte, bleibt in Frage gestellt. Will verteidigt Jesus also nicht von der ersten, der dogmatischen Position, ausgehend, sondern offeriert eine andere Basis für das Verständnis des Phänomens.

Seine Lesart der Evangelien ist aufschlussreich, weil sie dem „guter Mann wird von machtgierigen Frühkapitalisten zum Gott erhoben“-Konsens frontal gegenübersteht. Wills’ Beobachtung ist die folgende: Paulus’ Brief sind die ältesten Text des neuen Testaments. Sie wurden ungefähr im Jahre 50 geschrieben. Die ersten Evangelien entstanden erst ein paar Jahre danach. In diesen frühsten Texten wird Jesus als Gottes Sohn gesehen. Die Auferstehung ist real, Erlösung in ihr ist möglich – sonst interessiert die Urgemeinde nichts. Alles was folgt, die ganze Religion, basiert auf diesem Glauben. Die Urgemeinde, an deren Spitze Paulus sich stellte, hatte sich also nicht formiert, weil Jesus ein sanftmütiger Mann war, welcher alte Weisheiten im Stile von behandle deinen Nächsten, wie du selbst behandelt werden möchtest, aufgewärmt und auf Hügeln stehen an seine Herde verfüttert hat, sondern weil sie glaubten, dass er gestorben und auferstanden sei, und dieses unglaubliche Ereignis irgendeine Bedeutung für ihr Leben haben müsse, wenn sie denn daran glaubten. (Hier liegt wohl auch der Ursprung der katholischen Obsession, dass es genüge, etwas ganz Bestimmtes zu glauben, um seine Religionspflicht zu erfüllen. Von Anfang an steht der Glaube an etwas Unmögliches.)  Von den Jesus-Worten wussten sie herzlich wenig – diese wurden erst später zusammengetragen, als der Glaube schon tief in der Urgemeinde verankert war.

Natürlich beweist diese gar nichts. Doch es stellt die wohlwollend westlich-liberale Lesart der Evangelien auf den Kopf. Der gute Mann Jesus war kein New Age Held, dem die Christologie von dunklen Mächten aufgestülpt wurde. Der Glaube an die Auferstehung ist das Fundament. Alles andere kommt später.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

w

Connecting to %s