Die Demarkationslinie des Unvorstellbaren

Der Begriff „Ereignishorizont“ ist eigentlich kein guter. Ich sehe von seiner zukünftigen Verwendung ab. Er drückt nicht aus, was ich meine und ist außerdem bereits von der Relativitätstheorie besetzt. Was ich zur Sprache bringen wollte, war die Tatsache, dass wir heute nicht wissen, wie die Welt in einer oder zwei Generation aussehen wird. Die Welt der nahen Zukunft liegt hinter dem Horizont des Vorstellbaren.

Natürlich war uns der Blick in die Zukunft schon immer verwehrt, aber in vorgeschichtlicher Zeit war es so, dass das große Ganze sich über Millennia hinweg kaum veränderte. Menschen verbrachte ihr Leben sehr ähnlich wie ihre Vorfahren tausend oder mehr Jahre zuvor. Später, in der Antike konnte es zu großen Veränderungen kommen. Zum Zusammenbruch von Reichen oder zur Ankunft einer neuen Religion. Grundlegendes wandelte sich aber über Generationen hinweg. Das Leben einfacher Leute war ein vorhersehbares Auf und Ab. Landwirtschaft, manchmal Krieg. Neue Herrscher. Fette, dann wieder magere Jahre. Den Horizont des Vorstellbaren gab es aber nicht. Nur eine einzige Demarkationslinie lag vor einem: die Apokalypse. Was dahinter lag konnte man sich nur allzu lebhaft vorstellen: Das jüngste Gericht, dann das Paradies oder das Ewige Feuer.

Erst ab der industriellen Revolution, begannen sich die Beschaffenheit der Welt innerhalb eines Menschenlebens erkennbar zu verändern. Trotzdem waren diese Veränderungen einigermaßen einschätzbar. Vor allem ihre Richtung glaubte man zu kennen: Nach oben, zum Bessern. Noch in meiner Jugend glaubten wir, dass es nur eine Frage der Zeit sei, bis die ganze Welt helvetischen Komfort genießen würde. The End of History and the Last Man wurde 1992 veröffentlicht.

Und heute? Die Geschichte hat natürlich kein Ende gefunden. Menschen sind immer noch Menschen, allerdings mit einem großen Unterschied. Probleme die ehemals Völker bedrohten, bedrohen nun die Menschheit. Aus Säbeln wurden Massenvernichtungswaffen, welche wir immer lauter Rasseln hören. Das Gleichgewicht des Schreckens gilt für Psychopathen und Terroristen nicht. Die Pax Americana ist in Gefahr. Zweitens bedrohen uns nicht mehr lokale Unwetter und Überschwemmungen, sondern globale Umweltkatastrophen.

Darüber schwebt die Technologie. Ob Fluch oder Segen, sie ist es, welche unsere Zeit wirklich unberechenbar macht. Sie rückt die Demarkationslinie des Vorstellbaren in unsere unmittelbare Nähe.

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