Die unmittelbare Nähe des Ereignishorizonts

Was bedeutet das Leben?

Harari würde natürlich sagen, es bedeutet gar nichts. Als kognitiv fähige Menschen bilden wir uns Bedeutung ein, aber im Grunde existiert eine solche nicht. Wissenschaftlich gesehen ist das wohl so, aber es ist, als sagte man: Liebe existiert nicht, es handelt sich dabei nur um chemische Körperprozesse. Auch das stimmt, wissenschaftlich gesehen.

Und obwohl ohne Bedeutung eigentlich auch Frustrationen nicht existieren dürften, steuert Harai steuert im Buch auf ein deprimierendes Ende zu. In der kommenden Singularität, wenn Computeralgorithmen die neuen Herrscher der Erde sein werden, wir also entweder zu Göttern geworden sind, oder neue Götter uns in die Bedeutungslosigkeit verdrängt haben, wird die Geschichte, wie wir sie kennen, ihr Ende nehmen.

Rückblickend wird menschliche Geschichte also nur eine Etappe im kosmischen Kontinuum gewesen sein. Alles begann mit Singularität vor dem Big Bang und entwickelte sich dann von der Physik über die Chemie zur Biologie. Schließlich, mit der kognitiven Revolution des Menschen, entstand die Geschichte. Und jetzt, am Ende der Geschichte (aber nicht im Sinne Fukuyamas!) stehen wir (oder einige wenige von uns) kurz davor, zu Göttern zu werden. Es ist, als hätten sich 70’000 Jahre menschlicher Einbildungskraft und Mythenbildung real in der Welt manifestiert.

History began when humans invented gods, and will end when humans become gods. – Yuval Noah Harari

Schauen wir uns das große Ganze an, um mit diesem Gedanken zurecht zu kommen: Die Menschheitsgeschichte verläuft in einer unförmigen Spirale, entweder nach oben oder nach unten, je nachdem ob der Mensch von einer neuen Lebensform abgelöst oder zum Gott erhoben wird. (Allerdings könnte man sogar das Entpuppen Künstlicher Intelligenz aus dem Menschen als raupenhaften Erfolg für Homo Sapiens deuten.)

Jahrtausende lang zog diese menschliche Spirale breite Kreise. Zäh und langsam kroch sie voran. Sie erhob sich kaum. Ein Kreis verlief dicht über dem darunterliegenden. Wir durchstreiften Teile der Erde als eins von vielen Tieren. 2.5 Millionen Jahre lang in der Gattung Homo. 200’000 Jahre lang als die, welche wir heute noch sind: Homo Sapiens.

Vor 70’000 Jahren geschah etwas in unserem Gehirn. Was genau, bleibt ungewiss, aber klar ist, dass unsere Sprache fähig wurde, Abstraktes auszudrücken. Mythen entstanden. Die Geschichte begann. Der Mensch machte sich die Erde Untertan – das Buch Genesis spricht davon. Schon in diesen vorlandwirtschaftlichen Jahrtausenden, schafften es unsere Vorfahren, sich Nord- und Südamerika in nur ungefähr 4’000 Jahren Untertan zu machen. Dass dabei fast die gesamte Megafauna des Doppelkontinents ausgerottet wurde, spricht eher gegen vorgeschichtliche Avatar-Fantasien.

Aber vielleicht waren diese knapp 60’000 Jahre, während denen wir als Sammler und Jäger unser Auskommen fanden, trotzdem der Gipfel der Menschheit. Natürlich aber wissen wir kaum etwas aus dieser Zeit. Sind uns gewisse Wörter von damals geblieben? Sicher ist, dass sie in unseren Mythen weiter lebt.

Diese lange Vorzeit ging ihrem Ende entgegen, als uns eine unscheinbare Pflanze zu domestizieren begann. Der Weizen eroberte die Welt. Er zwang uns dazu, sesshaft zu werden und ihm Schweiße unseres Angesichts zu dienen. Eliten begannen sich herauszubilden (des Weizen Alliierte sozusagen), aber für die meisten Menschen wurde das Leben mühsam und freudlos. Unser Rücken waren über die Äcker gebeugt, aber wir glaubten, uns über die Tiere erhoben zu haben. Unsere Mythen begannen, uns eine ganz besondere Rolle im Kosmos der Schöpfung zuzuschreiben.

Lange dümpelte die Menschheit, fast zur Gänze aus Bauern bestehend, so vor sich hin. Die Spirale floss immer noch zäh, die Kreise wurden ein wenig enger. Erst vor 500 Jahren ging es dann so richtig los. Ausgehend vom europäischen Kontinent veränderte die wissenschaftliche Revolution unser Denken und damit unsere Welt und unser Leben. Unser Landkarten wurden weiß (vorwissenschaftliche Landkarten hatten noch die „ganze Welt“ abgebildet, nun aber begannen immense weiße Flächen auf diesen aufzutauchen). Unser Heiligen Bücher immer weniger heilig. Der Menschen begann zu fragen, zu forschen und zu entdecken.

Mit der industriellen und schließlich der digitalen Revolution (ich erinnere mich noch im Detail daran, wie zweitere an Masse zu gewinnen begann!) schaltete Homo Sapiens in den Overdrive. Der Erfolg war überwältigend! Trotz Terror und lokalen Kriegen: Noch nie lebten wir so gut! Unterdessen sind wir soweit, dass der erste Mensch, der auf die eine oder andere Weise “ewig” leben wird (zumindest theoretisch, denn die Gefahr von Unfalltraumas mag weiterhin bestehen bleiben), bereits geboren sein könnte. Gleichzeitig aber standen wir noch nie so nahe am Abgrund. Umweltzerstörung, Atomkrieg oder eben eine außer Kontrolle geratene künstliche Intelligenz (diese bereits erwähnten neuen Götter) könnten das Ende der menschlichen Zivilisation zur Folge haben.

Wir leben also in uralten Körpern in einer hypermodernen Zeit. Nach wie vor brauchen wir Mythen – die wissenschaftliche Kälte der Bedeutungslosigkeit behagt uns nicht. Aber die Grundposition des Unwissens und die Methode der wissenschaftlichen Erkenntnis hat die alten Mythen – so die Religionen und zunehmend auch Nationen – zerstört. Konsequenterweise sind tausende von neuen Mythen entstanden: im Kino, in Fernsehserien, im Gaming, in Verschwörungstheorien. Über das Internet verbundene Subkulturen nehmen zunehmend die Rolle von Familien, Stämmen, Religionen und Staaten ein. Diese Zersplitterung resultiert in Grabenkämpfen: Trump, Brexit, ISIS, AfD und Podemos sind Ausdruck derselben. Aber bei genauerem Hinsehen, scheinen die Gräben irrelevant zu bleiben – mehr eine Erinnerung an die vergangene, als ein Kampf um die neue Welt. Die Krieger schauen zurück, nicht nach vorne. Sie sorgen sich um das Ende einer Zeit und kämpfen für Rück- oder Fortschritt, ignorieren aber das absehbare Ende einer Lebensform. Tatsächlich aber sind wir am Ende der Spirale angekommen. Sie zieht nur noch winzige Kreise, welche sich steil nach oben (oder unten) schrauben. Niemand weiß, was uns erwartet, aber es besteht kein Zweifel daran, dass jede Generation die Welt der vorangegangenen kaum noch verstehen wird. Werden die Algorithmen der künstlichen Intelligenz sich einmal selbst zu verbessern wissen, wird der Mensch sich entweder daran in unbekannte Höhen hochziehen, oder verschwinden.

Was soll man in dieser Lage tun? Die Maßen der Ersten Welt produzieren und konsumieren. Die Maßen der Unterprivilegierten leben zwischen Kriegen und Abfallhalden und versuchen in die Erste Welt zu emigrieren um ebenfalls zu konsumieren. Nur eine kleine Elite erkennt den vor uns liegenden event horizon. Was dahinter auf uns wartet, muss per Definition ungewiss bleiben. Wie aber beeinflusst seine unmittelbare Nähe unser Verhalten hier und heute? Die großen Kämpfe unserer Zeit sind die Umweltzerstörung; Migration, Weltgesellschaft und erstarkende Gegenbewegungen; Krieg, Terror und die Proliferation von Maßenvernichtungswaffen; die Zerstörung aller Mythen und die Zersplitterung der Gesellschaft.

Was kann uns die unmittelbare Nähe des Ereignishorizonts (und dahinter womöglich die Ablösung biologischen Lebens) über den Umgang mit diesen realen Problemen lehren?

2 thoughts on “Die unmittelbare Nähe des Ereignishorizonts”

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