Mijas, 23. Oktober 2016

Der AVE rast durch das menschenleere Spanien. Felder unter tief hängenden, dicken Wolken, welche sich an dunkeln Hügeln stauen. Ab und zu hockt eine Gruppe Häuser dicht zusammengedrängt am Hang. Die Pueblos wirken im rauen Herbstwetter zwar ebenso verloren wie unter der drückenden Sommersonne, aber gemütlicher; es sind keine glühenden Folterkammern sondern Horte der Zuflucht vor dem unberechenbaren Wetter.

Der sanftmütige Weise und die machtsüchtigen Frühkapitalisten

Ich habe mit dem Wiederlesen von Garry Wills What Jesus Meant begonnen. Ich mag die Einführung zu diesem Buch, weil sie gegen den Strom anschreibt. Oder zumindest gegen das Flüsschen. Für einen Strom von Interessenten an der Sache reicht es in unseren Gefilden schon lange nicht mehr. Trotzdem stößt man ab und zu noch auf eine der folgenden Aussagen:

Zunächst diese: Jesus war ein gestrenger Mann, eine Art Superheld, der das Gesetz gepredigt und dann freiwillig am Kreuz gestorben ist, damit uns unsere Sünden vergeben werden.

Das ist die Lesart des Dogmas. Natürlich glauben daran noch Millionen von Menschen, aber in Europa begegnet man, mit der Ausnahme von ein paar Verrückten, welche auf Großstadtplätzen predigen, kaum noch jemandem, der diese Auffassung öffentlich vertritt. Sogar im Gespräch mit praktizierenden Katholiken (oder Protestanten) vermeidet man das Thema. Man wird das Gefühl nicht los, dass sie eher das Dogma repetieren, als wirklich eine profunde Glaubensaussage machen.

Viel öfters hört man dies: Jesus war ein sanftmütiger Weiser, der wie jeder andere Prophet gepredigt hat, man solle nett sein. Die Mächtigen haben dieses Wort an sich gerissen, aus dem guten Mann einen Gott gemacht, den Zugang zu diesem monopolisiert und somit ihre eigene Macht zementiert.

Und dann natürlich auch dies: Jesus hat nie existiert. Er wurde erfunden, um das Volk zu unterdrücken.

Natürlich gibt es noch viele andere Jesuse. Sie sind aber alle irgendwo zwischen dem dogmatischen und dem nicht existierenden angesiedelt. Die meisten Suchenden nach dem historischen Jesus glauben heute an den sanftmütigen Weisen, dessen Worte und Lebensgeschichte von den Evangelisten, der Kirche und dem römischen Reich (am Konzil von Nizza, 325, wo man sich auf den seit damals gültigen Inhalt der Bibel geeinigt hatte) dergestalt verfälscht wurden, dass er zum Gott wurde und den Hütern seiner Worte den alleinseligmachenden Schlüssel zu seinem Reiche vermachte. Ironischerweise, so der Tenor, wurde Jesus der Sanftmütige so zu einer Waffe der Mächtigen.

Sogar viele moderne Christen glauben an diesen weisen Mann, der von mächtigen Fälschern zu Gottes Sohn erhoben. Die Interpretation hört sich so glaubwürdig an, dass sie unter spirituell empfänglichen, westlich-liberalen Zeitgenossen zur Standartthese geworden ist. (Die dritte These, Jesus habe nie existiert, wird eigentlich nur von ein paar Skeptikern vertreten, was aber weniger mit historischer Neugier, als mit dem allgemeinen Verdacht, „alles (unsere Zivilisation betreffende) sei eine Lüge“. Die meisten Jesus-Skeptiker sind auch 9/11-Verschwörungstheoretiker, nicht aber Klimawandel-Verleugner – diese gehören zu einer anderen Gruppe von „Skeptikern“.

Auch die Mehrheit von Historikern des Neuen Testaments stehen hinter der These des sanftmütigen Jesus. Als moderne Menschen schließen sie Wunder und Unzeitgemäßes oder gar Verrücktes von vornhinein aus. Trotzdem sind sie aber fasziniert vom weisen Mann. Eine wichtige Gruppe solcher Historiker nennt sich das Jesus-Seminar.

Vereinfacht gesehen, lautet die Grundthese der Jesus-Seminaristen wie folgt: Jesus war ein bemerkenswert weiser Mann. Seine Worte haben die Menschen so sehr beeindruckt, dass sie sich auch nach seinem Tod noch an ihn erinnerten. In den Jahrzehnten nach dem Kreuz begannen sich so Mythen und Geschichten um den weisen Mann zu ranken. Zu diesen Mythen gehörte auch, dass er auferstanden sei. Paulus, zunächst noch ein Verfolger der ersten Christen, anerkannte schließlich die Kraft der Jesus-Geschichte. Von erfolgshungrigem Charakter, stellte er sich an die Spitze der Bewegung und erfand eine Religion. Der Auferstehungs-Mythos wurde zur Christologie. Jesus wurde zu Gottes Sohn. Schließlich wurden die Evangelien geschrieben, wobei man die mündlich überlieferten echten Jesusworte um Wunder und Christologisches anreicht. Schließlich erkannten die römischen Machthaber um Kaiser Konstantin die Nützlichkeit dieses Kultes. Sie erhoben ihn zur Staatsreligion. Die Dogmen der katholischen Kirche begannen zu entstehen. Die Korruption der weisen Worte war komplett. Trotzdem hat ein Kern von Jesu Weisheit in den Evangelien überlebt. Und zum Glück helfen uns die Jesus–Seminaristen heute mit historisch-linguistischen Methoden, diesen wahren Jesus wieder zu entdecken.

Kein Gott-Mensch also, sondern einfach ein außergewöhnlich guter Mann wie die anderen Religionsstifter, wie Gandhi, King und Mandela. Und das ist natürlich in Ordnung so. Das passt perfekt ins westlich-liberale Weltbild: Natürlich war der eine nicht besser als der andere. Das nennt man equality in diversity – sehr wichtig in unserer multikulturellen Gesellschaft.

Wills offeriert eine andere Lesart. Vorausschicken muss man dies: Wills ist kein Fundamentalist, ja nicht einmal ein Rechtskatholik. Manch aufrechter Katholik würde vielleicht sogar seinen Katholizismus überhaupt in Frage stellen (obwohl er regelmäßig den Gottesdienst besucht). Ob meine Großmutter den Autoren von Büchern wie Priests, a Failed Tradition oder Papal Sin: Structures of Deceit hochgeschätzt hätte, bleibt in Frage gestellt. Will verteidigt Jesus also nicht von der ersten, der dogmatischen Position, ausgehend, sondern offeriert eine andere Basis für das Verständnis des Phänomens.

Seine Lesart der Evangelien ist aufschlussreich, weil sie dem „guter Mann wird von machtgierigen Frühkapitalisten zum Gott erhoben“-Konsens frontal gegenübersteht. Wills’ Beobachtung ist die folgende: Paulus’ Brief sind die ältesten Text des neuen Testaments. Sie wurden ungefähr im Jahre 50 geschrieben. Die ersten Evangelien entstanden erst ein paar Jahre danach. In diesen frühsten Texten wird Jesus als Gottes Sohn gesehen. Die Auferstehung ist real, Erlösung in ihr ist möglich – sonst interessiert die Urgemeinde nichts. Alles was folgt, die ganze Religion, basiert auf diesem Glauben. Die Urgemeinde, an deren Spitze Paulus sich stellte, hatte sich also nicht formiert, weil Jesus ein sanftmütiger Mann war, welcher alte Weisheiten im Stile von behandle deinen Nächsten, wie du selbst behandelt werden möchtest, aufgewärmt und auf Hügeln stehen an seine Herde verfüttert hat, sondern weil sie glaubten, dass er gestorben und auferstanden sei, und dieses unglaubliche Ereignis irgendeine Bedeutung für ihr Leben haben müsse, wenn sie denn daran glaubten. (Hier liegt wohl auch der Ursprung der katholischen Obsession, dass es genüge, etwas ganz Bestimmtes zu glauben, um seine Religionspflicht zu erfüllen. Von Anfang an steht der Glaube an etwas Unmögliches.)  Von den Jesus-Worten wussten sie herzlich wenig – diese wurden erst später zusammengetragen, als der Glaube schon tief in der Urgemeinde verankert war.

Natürlich beweist diese gar nichts. Doch es stellt die wohlwollend westlich-liberale Lesart der Evangelien auf den Kopf. Der gute Mann Jesus war kein New Age Held, dem die Christologie von dunklen Mächten aufgestülpt wurde. Der Glaube an die Auferstehung ist das Fundament. Alles andere kommt später.

Die Demarkationslinie des Unvorstellbaren

Der Begriff „Ereignishorizont“ ist eigentlich kein guter. Ich sehe von seiner zukünftigen Verwendung ab. Er drückt nicht aus, was ich meine und ist außerdem bereits von der Relativitätstheorie besetzt. Was ich zur Sprache bringen wollte, war die Tatsache, dass wir heute nicht wissen, wie die Welt in einer oder zwei Generation aussehen wird. Die Welt der nahen Zukunft liegt hinter dem Horizont des Vorstellbaren.

Natürlich war uns der Blick in die Zukunft schon immer verwehrt, aber in vorgeschichtlicher Zeit war es so, dass das große Ganze sich über Millennia hinweg kaum veränderte. Menschen verbrachte ihr Leben sehr ähnlich wie ihre Vorfahren tausend oder mehr Jahre zuvor. Später, in der Antike konnte es zu großen Veränderungen kommen. Zum Zusammenbruch von Reichen oder zur Ankunft einer neuen Religion. Grundlegendes wandelte sich aber über Generationen hinweg. Das Leben einfacher Leute war ein vorhersehbares Auf und Ab. Landwirtschaft, manchmal Krieg. Neue Herrscher. Fette, dann wieder magere Jahre. Den Horizont des Vorstellbaren gab es aber nicht. Nur eine einzige Demarkationslinie lag vor einem: die Apokalypse. Was dahinter lag konnte man sich nur allzu lebhaft vorstellen: Das jüngste Gericht, dann das Paradies oder das Ewige Feuer.

Erst ab der industriellen Revolution, begannen sich die Beschaffenheit der Welt innerhalb eines Menschenlebens erkennbar zu verändern. Trotzdem waren diese Veränderungen einigermaßen einschätzbar. Vor allem ihre Richtung glaubte man zu kennen: Nach oben, zum Bessern. Noch in meiner Jugend glaubten wir, dass es nur eine Frage der Zeit sei, bis die ganze Welt helvetischen Komfort genießen würde. The End of History and the Last Man wurde 1992 veröffentlicht.

Und heute? Die Geschichte hat natürlich kein Ende gefunden. Menschen sind immer noch Menschen, allerdings mit einem großen Unterschied. Probleme die ehemals Völker bedrohten, bedrohen nun die Menschheit. Aus Säbeln wurden Massenvernichtungswaffen, welche wir immer lauter Rasseln hören. Das Gleichgewicht des Schreckens gilt für Psychopathen und Terroristen nicht. Die Pax Americana ist in Gefahr. Zweitens bedrohen uns nicht mehr lokale Unwetter und Überschwemmungen, sondern globale Umweltkatastrophen.

Darüber schwebt die Technologie. Ob Fluch oder Segen, sie ist es, welche unsere Zeit wirklich unberechenbar macht. Sie rückt die Demarkationslinie des Vorstellbaren in unsere unmittelbare Nähe.

Die unmittelbare Nähe des Ereignishorizonts

Was bedeutet das Leben?

Harari würde natürlich sagen, es bedeutet gar nichts. Als kognitiv fähige Menschen bilden wir uns Bedeutung ein, aber im Grunde existiert eine solche nicht. Wissenschaftlich gesehen ist das wohl so, aber es ist, als sagte man: Liebe existiert nicht, es handelt sich dabei nur um chemische Körperprozesse. Auch das stimmt, wissenschaftlich gesehen.

Und obwohl ohne Bedeutung eigentlich auch Frustrationen nicht existieren dürften, steuert Harai steuert im Buch auf ein deprimierendes Ende zu. In der kommenden Singularität, wenn Computeralgorithmen die neuen Herrscher der Erde sein werden, wir also entweder zu Göttern geworden sind, oder neue Götter uns in die Bedeutungslosigkeit verdrängt haben, wird die Geschichte, wie wir sie kennen, ihr Ende nehmen.

Rückblickend wird menschliche Geschichte also nur eine Etappe im kosmischen Kontinuum gewesen sein. Alles begann mit Singularität vor dem Big Bang und entwickelte sich dann von der Physik über die Chemie zur Biologie. Schließlich, mit der kognitiven Revolution des Menschen, entstand die Geschichte. Und jetzt, am Ende der Geschichte (aber nicht im Sinne Fukuyamas!) stehen wir (oder einige wenige von uns) kurz davor, zu Göttern zu werden. Es ist, als hätten sich 70’000 Jahre menschlicher Einbildungskraft und Mythenbildung real in der Welt manifestiert.

History began when humans invented gods, and will end when humans become gods. – Yuval Noah Harari

Schauen wir uns das große Ganze an, um mit diesem Gedanken zurecht zu kommen: Die Menschheitsgeschichte verläuft in einer unförmigen Spirale, entweder nach oben oder nach unten, je nachdem ob der Mensch von einer neuen Lebensform abgelöst oder zum Gott erhoben wird. (Allerdings könnte man sogar das Entpuppen Künstlicher Intelligenz aus dem Menschen als raupenhaften Erfolg für Homo Sapiens deuten.)

Jahrtausende lang zog diese menschliche Spirale breite Kreise. Zäh und langsam kroch sie voran. Sie erhob sich kaum. Ein Kreis verlief dicht über dem darunterliegenden. Wir durchstreiften Teile der Erde als eins von vielen Tieren. 2.5 Millionen Jahre lang in der Gattung Homo. 200’000 Jahre lang als die, welche wir heute noch sind: Homo Sapiens.

Vor 70’000 Jahren geschah etwas in unserem Gehirn. Was genau, bleibt ungewiss, aber klar ist, dass unsere Sprache fähig wurde, Abstraktes auszudrücken. Mythen entstanden. Die Geschichte begann. Der Mensch machte sich die Erde Untertan – das Buch Genesis spricht davon. Schon in diesen vorlandwirtschaftlichen Jahrtausenden, schafften es unsere Vorfahren, sich Nord- und Südamerika in nur ungefähr 4’000 Jahren Untertan zu machen. Dass dabei fast die gesamte Megafauna des Doppelkontinents ausgerottet wurde, spricht eher gegen vorgeschichtliche Avatar-Fantasien.

Aber vielleicht waren diese knapp 60’000 Jahre, während denen wir als Sammler und Jäger unser Auskommen fanden, trotzdem der Gipfel der Menschheit. Natürlich aber wissen wir kaum etwas aus dieser Zeit. Sind uns gewisse Wörter von damals geblieben? Sicher ist, dass sie in unseren Mythen weiter lebt.

Diese lange Vorzeit ging ihrem Ende entgegen, als uns eine unscheinbare Pflanze zu domestizieren begann. Der Weizen eroberte die Welt. Er zwang uns dazu, sesshaft zu werden und ihm Schweiße unseres Angesichts zu dienen. Eliten begannen sich herauszubilden (des Weizen Alliierte sozusagen), aber für die meisten Menschen wurde das Leben mühsam und freudlos. Unser Rücken waren über die Äcker gebeugt, aber wir glaubten, uns über die Tiere erhoben zu haben. Unsere Mythen begannen, uns eine ganz besondere Rolle im Kosmos der Schöpfung zuzuschreiben.

Lange dümpelte die Menschheit, fast zur Gänze aus Bauern bestehend, so vor sich hin. Die Spirale floss immer noch zäh, die Kreise wurden ein wenig enger. Erst vor 500 Jahren ging es dann so richtig los. Ausgehend vom europäischen Kontinent veränderte die wissenschaftliche Revolution unser Denken und damit unsere Welt und unser Leben. Unser Landkarten wurden weiß (vorwissenschaftliche Landkarten hatten noch die „ganze Welt“ abgebildet, nun aber begannen immense weiße Flächen auf diesen aufzutauchen). Unser Heiligen Bücher immer weniger heilig. Der Menschen begann zu fragen, zu forschen und zu entdecken.

Mit der industriellen und schließlich der digitalen Revolution (ich erinnere mich noch im Detail daran, wie zweitere an Masse zu gewinnen begann!) schaltete Homo Sapiens in den Overdrive. Der Erfolg war überwältigend! Trotz Terror und lokalen Kriegen: Noch nie lebten wir so gut! Unterdessen sind wir soweit, dass der erste Mensch, der auf die eine oder andere Weise “ewig” leben wird (zumindest theoretisch, denn die Gefahr von Unfalltraumas mag weiterhin bestehen bleiben), bereits geboren sein könnte. Gleichzeitig aber standen wir noch nie so nahe am Abgrund. Umweltzerstörung, Atomkrieg oder eben eine außer Kontrolle geratene künstliche Intelligenz (diese bereits erwähnten neuen Götter) könnten das Ende der menschlichen Zivilisation zur Folge haben.

Wir leben also in uralten Körpern in einer hypermodernen Zeit. Nach wie vor brauchen wir Mythen – die wissenschaftliche Kälte der Bedeutungslosigkeit behagt uns nicht. Aber die Grundposition des Unwissens und die Methode der wissenschaftlichen Erkenntnis hat die alten Mythen – so die Religionen und zunehmend auch Nationen – zerstört. Konsequenterweise sind tausende von neuen Mythen entstanden: im Kino, in Fernsehserien, im Gaming, in Verschwörungstheorien. Über das Internet verbundene Subkulturen nehmen zunehmend die Rolle von Familien, Stämmen, Religionen und Staaten ein. Diese Zersplitterung resultiert in Grabenkämpfen: Trump, Brexit, ISIS, AfD und Podemos sind Ausdruck derselben. Aber bei genauerem Hinsehen, scheinen die Gräben irrelevant zu bleiben – mehr eine Erinnerung an die vergangene, als ein Kampf um die neue Welt. Die Krieger schauen zurück, nicht nach vorne. Sie sorgen sich um das Ende einer Zeit und kämpfen für Rück- oder Fortschritt, ignorieren aber das absehbare Ende einer Lebensform. Tatsächlich aber sind wir am Ende der Spirale angekommen. Sie zieht nur noch winzige Kreise, welche sich steil nach oben (oder unten) schrauben. Niemand weiß, was uns erwartet, aber es besteht kein Zweifel daran, dass jede Generation die Welt der vorangegangenen kaum noch verstehen wird. Werden die Algorithmen der künstlichen Intelligenz sich einmal selbst zu verbessern wissen, wird der Mensch sich entweder daran in unbekannte Höhen hochziehen, oder verschwinden.

Was soll man in dieser Lage tun? Die Maßen der Ersten Welt produzieren und konsumieren. Die Maßen der Unterprivilegierten leben zwischen Kriegen und Abfallhalden und versuchen in die Erste Welt zu emigrieren um ebenfalls zu konsumieren. Nur eine kleine Elite erkennt den vor uns liegenden event horizon. Was dahinter auf uns wartet, muss per Definition ungewiss bleiben. Wie aber beeinflusst seine unmittelbare Nähe unser Verhalten hier und heute? Die großen Kämpfe unserer Zeit sind die Umweltzerstörung; Migration, Weltgesellschaft und erstarkende Gegenbewegungen; Krieg, Terror und die Proliferation von Maßenvernichtungswaffen; die Zerstörung aller Mythen und die Zersplitterung der Gesellschaft.

Was kann uns die unmittelbare Nähe des Ereignishorizonts (und dahinter womöglich die Ablösung biologischen Lebens) über den Umgang mit diesen realen Problemen lehren?

Kognitive Dissonanz

Das deutsche Wikipedia definiert kognitive Dissonanz als (sozial-)psychologischen Begriff welcher einen als unangenehm empfundenen Gefühlszustand beschreibt, der dadurch entsteht, dass ein Mensch mehrere Kognitionen hat – Wahrnehmungen, Gedanken, Meinungen, Einstellungen, Wünsche oder Absichten –, die nicht miteinander vereinbar sind.

Der Zustand der kognitiven Dissonanz existiert aber nicht nur im Menschen, sondern auch in Institutionen, Kulturen und Gesellschaften. In Sapiens führt Harari als Beispiel das Rittertum des Mittelalters auf. Einerseits war den Rittern das Christentum wichtig und dieses predigte, die andere Wange hinzuhalten, andererseits aber hielt das Rittertum Tapferkeit in Ehren – der Begriff „Ritterlichkeit“ ist heute noch verständlich. Natürlich war beides ebenso wichtig wie unvereinbar. Diese innere Dissonanz des Rittertum war mit ein Grund für die Kreuzzüge. Auf diesen konnte der Ritter sowohl seine Tapferkeit, als auch seine Gottesfürchtigkeit unter Beweis stellen. Die Kognitive Dissonanz also, welche gewisse Menschen vor innere Herausforderungen stellte, entwickelte sich, da genug Menschen mit derselben Dissonanz zu ringen hatten, zu einem gesellschaftliche-kulturellen Phänomen, welche sich in einem blutigen Kriegszug manifestierte.

Das Konzept der kognitiven Dissonanz scheint mir ein nützliches Werkzeug zu sein, um sowohl sich selbst als auch andere Menschen und gesellschaftliche Phänomene überhaupt zu analysieren. Hinter manchem konfliktären Verhalten steckt kognitive Dissonanz. Diese zu erkennen, kann einem helfen, sich dem Konflikt gegenüber richtig zu verhalten, sei es ein innerer, ein zwischenmenschlicher oder ein kulturell-politisch-gesellschaftlicher Konflikt.

Im Persönlichen wird kognitive Dissonanz oft nicht als solcher erkannt, sondern als eigene Schwäche interpretiert. So geißelte sich der Mönch, wenn er dem Fleische erlag. Es gilt aber zu erkennen, dass es im Leben die eine Wahrheit und den einen Weg nicht gibt, und dass es innere Dissonanzen ein nützlicher Wegweise sind.

Wer mit einem anderen in Konflikt gerät, tut gut daran, sich die Frage nach der kognitiven Dissonanz im Gegner zu stellen. Man kann den Gegner so durchschauen und ihm entsprechend gegenübertreten. Natürlich sollte man auch seine eigenen Dissonanzen untersuchen – vielleicht stellt man ja fest, dass kein Angriff nötig ist, sondern nur ein Anpassung des eigenen inneren Konflikts.

Drittens empfiehlt es sich auch, bei gesellschaftlichen Phänomenen die kognitive Dissonanz zu suchen. So kann man manches, dass einem „wütend macht“ in ein anderes Licht rücken und sich entsprechend anders verhalten.