Kopenhagen, 12. September 2016

Gestern Abend ging ich mit meinem amerikanischen Kollegen in ein Pub um per TV beim Auftakt der Amerikanischen Football Saison mit dabei zu sein. Wie ich das aus dem  Fußball kenne, ist das ganze Drumherum wichtiger, als das Spiel. Stundenlang lief vor dem Spiel das Internetradio mit Vorschauen und Analysen, und im Pub zog Bob dann alle Register, damit sein Spiel anstatt eines anderen gezeigt wurde. Chicago-Style: „How much, buddy?“. Der Däne hinter der Theke lachte natürlich nur: „That’s not how it works here.“

Als das Spiel schließlich begann, geriet es schnell zur Hintergrundunterhaltung. Wir sprachen über allerlei und guckten nur ab und zu auf den Bildschirm. Sport im Fernsehen, vor allem Mannschaftssport, verleiht dem Alltag mit seinen Ritualen eine beruhigende Struktur. Seine Rituale sind die Liturgie der säkularen Welt, die Termine ersetzen den religiösen Kalender. Die Saison mit ihrem Erzählbogen und den regelmäßigen Terminen vor dem Fernseher verleihen einem das Gefühl, dass alles in Ordnung sei. Die Welt nimmt ihren Lauf wie immer.

Die riesige amerikanische Flagge im Stadion erinnerte daran, dass sich gestern 9/11 zum fünfzehnten Mal jährte. Sich zu erzählen wo man damals war, ist ein anderes Ritual, dass Sieg über das Chaos heraufbeschwört. (Ich war im Büro, Bob unterwegs zum Büro. Wie jeder Amerikaner erzählte er von jemandem der nur „a few blocks away” war.) Auch politisch gesehen war gestern ein etwas beunruhigender Tag. Hillary brach an der 9/11 Erinnerungsveranstaltung zusammen. Wer sich bisher selbst eingeredet hatte, dass sie Trump verhindern werde, sieht sich nun plötzlich mit der Möglichkeit konfrontiert, dass sie dazu gesundheitlich nicht imstande sein könnte. Eine bisher für unmöglich gehaltene Trump presidency taucht klar und deutlich und gar nicht mehr so klein am Horizont auf. Man tröstet sich mit der Frage: Wie schlimm wäre das eigentlich? Wäre Clinton nicht sowieso die letzte Status-quo-Präsidentin geworden? Das amerikanische politische System, dass lange Jahre so gut funktionierte, stößt in der digitalen Konsum- und Unterhaltungsgesellschaft, in einer Zeit in welcher das Weltwirtschaftssystem seine Reformbedürftigkeit immer deutlicher zeigt, im sich demografisch verändernden Amerika, in dem die Gräben der identity politics und des culture wars sich immer weiter auftun, an seine Grenzen. Man kann sich nicht vorstellen, dass es nach 2016 fähig wäre, wieder zu sich zu finden und zwei respektable Kandidaten auf die 2020-Bühne zu bitten. Könnte Trump wie eine Impfung auf das System wirken und Reformkräfte aus der Reserve locken?

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