Warum lese ich?

Tobi stellt auf dem Blog Lesestunden die Frage, warum wir lesen. (Danke Norman vom Notizhefte-Blog für den Link). Hier meine Antworten:

Warum liest du?

Heute wie als Kind aus denselben zwei Gründen: Erstens um zu erfahren, wie andere Menschen leben; zweitens um die Welt, das Leben und überhaupt alles besser zu verstehen.

Was liest du? Welche Genres bevorzugst du? Liest du auch Klassiker?

Ungefähr ein Drittel Sachbücher (heute meist Geschichte, Politik, Wirtschaft und Philosophie), ein Drittel persönliche Bücher (Erinnerungen, Reiseberichte, Tagebücher, usw.) und ein Drittel Romane.

Ich lese auch klassische Romane, seit einigen Jahren immer häufiger, wobei vieles noch vor mir liegt (zum Beispiel gerade Goethe).

Am liebsten lese ich persönliche Bücher. Dieses Jahr zum Beispiel:

Emmanuel Carrère: Das Reich Gottes. Ein französischer Intellektueller befasst sich mit seiner Religion.

Sándor Márai: Bekenntnisse eines Bürgers.

Ernst Jünger: Auf den Marmorklippen. Roman des konservativen Widerstands.

W.G. Sebald: Die Ringe des Saturn. Der beste unbekannte deutsche Schriftsteller.

Rory Stewart. The Places in Between. Eine Fußreise durch Afghanistan.

Ich könnte die Liste noch lange fortsetzen.

Welche Autoren favorisierst du? Oder hast du keine bevorzugten Autoreun?

Ich habe viele Lieblingsbücher, aber nur wenige Lieblingsautoren.

Mein Allzeit-Lieblingsautor ist Hemingway, von dem ich zwar schon lange kein Buch mehr zur Hand genommen habe, der mich aber als Jugendlicher in seinen Bann geschlagen hatte. Er war der erste Erwachsenenautor, den ich gelesen habe. Ich habe auch alle bis ungefähr 1993 erschienen Biographien von ihm gelesen und war einmal in seinem Haus auf Key West. Wenn ich an Orten bin, wo er sich einmal aufgehalten hat, z.B. in seinem Café in Pamplona, überkommt mich auch heute noch die Faszination meiner Jugend.

Fragt man mich nach den Autoren, deren Bücher ich heute ungesehen kaufe, fallen mir die folgenden vier ein (sicher gibt es noch andere, die mir jetzt nicht in den Sinn kommen):

Robert Seethaler, Kader Abdolah, John Gray (der Straw Dogs, nicht der Männer sind vom Mars John Gray), und James Lovelock.

Wo liest du überall? Nur Zuhause, nur in der S-Bahn, überall, …?

Am liebsten im Haus meiner Eltern, am zweitliebsten im Zug und im Flugzeug, am drittliebsten zuhause. Am meisten aber lese ich aus praktischen Gründen zuhause.

Liest du viel oder wenig? Wie viel Zeit verbringst du in der Woche mit Lesen? Wie viele Bücher liest du im Schnitt pro Monat/Jahr? Machst du auch längere Lesepausen?

In den letzten Jahren habe ich es nur auf ungefähr eine halbe Stunde pro Tag gebracht. Ich habe aber vor kurzem meinen Tagesablauf neu organisiert und habe jetzt zwei Stunden pro Tag Zeit zum Lesen.

Bis anhin brachte ich es ungefähr auf ein oder zwei Bücher pro Monat (und vielleicht noch ein drittes, nicht fertig gelesenes); jetzt aber, nach der Reorganisation meiner Lesezeit, bringe ich es im Schnitt auf eins pro Woche.

Liest du schnell oder langsam? Wie viele Seiten liest du ungefähr in einer Stunde?

Eher schnell, aber die Seitenzahl pro Stunde habe ich noch nie ermittelt.

Wie viele Bücher liest du in der Regel gleichzeitig?

In der Regel zwei. Ich versuche jetzt aber eins nach dem anderen zu lesen, nicht zwei gleichzeitig. Trotzdem lese ich meistens noch “etwas anders” neben dem “offiziellen Buch”. Zur Zeit zum Beispiel täglich ein paar Seiten in den Tagebüchern von Ernst Jünger (Siebzig Verweht).

Welche Formate bevorzugst du? Taschenbücher, gebundene Bücher, broschierte Bücher, Prunkausgaben?

Gebundene Bücher, aber ich habe trotzdem mehr Taschenbücher, weil diese in der Buchhandlung einfacher erhältlich sind.

Legst du Wert auf eine hochwertige Verarbeitung deiner Bücher? Spielt die Optik des Buches eine Rolle für dich?

Ein hochwertige Verarbeitung und schöne Optik gefällt mir, aber ich kaufe nie ein Buch wegen der Optik und Verarbeitung. Wenn ich ein Buch lesen will, kaufe ich einfach die gerade erhältliche Version.

Liest du auch Ebooks? Wenn ja wie oft und welche Bücher?

Ich habe einen Kindle der schon mehr als ein Jahr lang nicht mehr geladen wurde. Ich lese manchmal Ebooks auf dem Laptop, vor allem von Büchern die ich nicht unbedingt im Büchergestell stehen sehen will.

Wo versorgst du dich mit neuen Büchern? Beim Buchhändler ums Eck? In der Bibliothek? Aus dem Bücherbus?

In der Schweiz und in England immer beim Buchhändler. Dabei mag ich Großbuchhandlungen (Waterstones Piccadilly und Foyles Charing Cross in London; Rösslitor in St. Gallen), aber auch kleine Buchhandlungen (die Dorfbuchhandlung in Gossau). In Madrid, wo ich wohne, meist bei Amazon, da ich kaum Bücher auf Spanisch lese. Manchmal gehe ich aber auch in eine international Buchhandlung.

Kaufst du auch gebrauchte Bücher?

Ja.

Wieviel bist du bereit für ein gutes Buch auszugeben?

Der Preis spielt keine Rolle (Buchpreise sind ja recht standardisiert).

Verleihst du Bücher? Wenn ja an wen und welche Erfahrungen hast du damit gemacht?

Außer innerfamiliär nur ungern, da ich sie manchmal nicht zurück erhalte. Lieber kaufe ich ein Buch für jemanden.

Wie viele Bücher hast du im Schnitt auf deinem Stapel ungelesener Bücher? (Alternativ: wie viele Regale ungelesener Bücher hast du?)

Ungelesene Bücher habe ich nur ganz wenige. Obwohl ich zum impulsiven Bücherkauf neige, habe ich mich heute gut unter Kontrolle und kaufe meist nur ein Buch, wenn ich auf den letzten Seiten des gerade gelesenen Buches bin. Ich habe aber recht viele nicht fertig gelesene Bücher, vielleicht ungefähr ein Drittel.

Wo bei dir Zuhause hast du überall Bücher?

Außer denjenigen die ich gerade lese, stehen alle im Büchergestell.

Wie sortierst du deine Bücher im Regal?

Sachbücher nach Themen. Romane nach Sprache und Autor.

Was nutzt du als Lesezeichen? Oder knickst du die Seiten ein?

Ich habe verschiedene Lesezeichen, meist solche die ich geschenkt erhalten habe, unter anderem auch diesen Hacken, den mir meine Frau geschenkt hat.

Irgendeinen Zettel (zum Beispiel den Kassenzettel) benutze ich nur im Notfall und ersetzte ihn dann mit einem richtigen Buchzeichen. Einknicken nie.

Wenn du mit dem Lesen pausierst, liest du dann das Kapitel immer zu Ende oder hörst du auch mal mittendrin auf?

Ich versuche immer das Kapitel fertig zu lesen, aber wenn ich müde bin und das Kapitelende noch viele Seiten entfernt ist, höre ich auch mal mittendrin auf.

Worauf achtest du beim Kauf eines Buchs? Was für Kriterien muss ein Buch erfüllen, damit du es dir kaufst? Spielt der Verlag eine Rolle?

Das einzige Kriterium ist, ob der Inhalt des Buches mich interessiert.

Wirfst du Bücher in den Müll?

Nein.

Wie belesen ist dein Bekannten- und Freundeskreis? Kennst du Menschen, die kein Buch besitzen?

Ich habe nur eine Handvoll Freunde, die so gerne lesen wie ich. Ich kenne recht viele Menschen, die nur ein paar ungelesene, geschenkte Bücher besitzen.

Was für eine Rolle spielen Bücher in deinem Berufsleben?

Keine.

Brichst du Bücher ab, wenn dir der Inhalt nicht zusagt?

Ja. Darüber habe ich einmal geschrieben.

Bittet man dich im Freundes- und Bekanntenkreis um Buchtipps?

Selten, kommt aber manchmal vor.

Wenn deine Bücher plötzlich alle verloren gehen (z.B. Feuer, Hochwasser, böse Fee, …), welche drei Bücher würdest du dir sofort neu bestellen?

Gar keins. Ich würde die Sache organisch und lesened angehen.

Gehören ein Heißgetränk und Kekse zum Leseabend?

Ein Kaffee am Morgen. Nie am Abend, nie Kekse.

Hörst du während dem Lesen Musik, oder muss bei dir völlige Stille herrschen?

Ich höre keine Musik zum Lesen, kann aber zum Beispiel in der Bahn gut lesen, auch wenn andere Passagiere sich unterhalten.

Liest du Bücher mehrmals? Wenn ja welche und warum?

Ganz selten. Es gibt aber ein paar Bücher die ich mehrere Male gelesen habe. Am meisten wohl “Paris, a Moveable Feast” von Hemingway, das ich als Teenager, damals auf deutsch (Paris, ein Fest fürs Leben) immer wieder las.

Markierst du dir Stellen in einem Buch? Wenn ja wie?

In Sachbüchern unterstreiche ich sehr viel (immer mit Bleistift). Manchmal benutze ich das Unterstrichene nachher um das ganz Buch nochmals durchzugehen.

In Romanen unterstreiche ich nur einzelne Sätze, die ich mir aus irgendeinem Grund merken will. Meist schreibe ich dann die Seiten auf denen ich etwas unterstrichen habe vorne ins Buch. Wenn ich es Jahre später wieder zur Hand nehme, kommt mir das Unterstrichene meistens rätselhaft vor.

Madrid, 15. September 2016

Zurück in Spanien. Während des Landeanflugs dachte ich zunächst, der Pilot hätte sich verirrt. Trotz des langen Sommers sah das Land frisch aus. Dass ich über Spanien flog, erkannte ich nur an den kleinen Dörfern, in welchen sich die Häuser zusammendrängen wie eine verängstigte Schafherde. In Stadtnähe verschwand das Land dann unter einer dicken Wolkendecke. Als wir diese durchbrochen hatten, lagen nicht mehr Dörfer unter uns, sondern sogenannte Urbanisationen, nahe der Ausfallstraßen gebaute Wohnquartiere für Pendler. Nach Monaten gleißender Sonne lag endlich wieder ein kühlender Schatten über ihnen. Es regnete nicht mehr, aber später, als ich aus der Metro auf die Straße trat, zeugten die Wasserlachen von einem vorübergezogenen Wolkenbruch.

Kopenhagen, 12. September 2016

Gestern Abend ging ich mit meinem amerikanischen Kollegen in ein Pub um per TV beim Auftakt der Amerikanischen Football Saison mit dabei zu sein. Wie ich das aus dem  Fußball kenne, ist das ganze Drumherum wichtiger, als das Spiel. Stundenlang lief vor dem Spiel das Internetradio mit Vorschauen und Analysen, und im Pub zog Bob dann alle Register, damit sein Spiel anstatt eines anderen gezeigt wurde. Chicago-Style: „How much, buddy?“. Der Däne hinter der Theke lachte natürlich nur: „That’s not how it works here.“

Als das Spiel schließlich begann, geriet es schnell zur Hintergrundunterhaltung. Wir sprachen über allerlei und guckten nur ab und zu auf den Bildschirm. Sport im Fernsehen, vor allem Mannschaftssport, verleiht dem Alltag mit seinen Ritualen eine beruhigende Struktur. Seine Rituale sind die Liturgie der säkularen Welt, die Termine ersetzen den religiösen Kalender. Die Saison mit ihrem Erzählbogen und den regelmäßigen Terminen vor dem Fernseher verleihen einem das Gefühl, dass alles in Ordnung sei. Die Welt nimmt ihren Lauf wie immer.

Die riesige amerikanische Flagge im Stadion erinnerte daran, dass sich gestern 9/11 zum fünfzehnten Mal jährte. Sich zu erzählen wo man damals war, ist ein anderes Ritual, dass Sieg über das Chaos heraufbeschwört. (Ich war im Büro, Bob unterwegs zum Büro. Wie jeder Amerikaner erzählte er von jemandem der nur „a few blocks away” war.) Auch politisch gesehen war gestern ein etwas beunruhigender Tag. Hillary brach an der 9/11 Erinnerungsveranstaltung zusammen. Wer sich bisher selbst eingeredet hatte, dass sie Trump verhindern werde, sieht sich nun plötzlich mit der Möglichkeit konfrontiert, dass sie dazu gesundheitlich nicht imstande sein könnte. Eine bisher für unmöglich gehaltene Trump presidency taucht klar und deutlich und gar nicht mehr so klein am Horizont auf. Man tröstet sich mit der Frage: Wie schlimm wäre das eigentlich? Wäre Clinton nicht sowieso die letzte Status-quo-Präsidentin geworden? Das amerikanische politische System, dass lange Jahre so gut funktionierte, stößt in der digitalen Konsum- und Unterhaltungsgesellschaft, in einer Zeit in welcher das Weltwirtschaftssystem seine Reformbedürftigkeit immer deutlicher zeigt, im sich demografisch verändernden Amerika, in dem die Gräben der identity politics und des culture wars sich immer weiter auftun, an seine Grenzen. Man kann sich nicht vorstellen, dass es nach 2016 fähig wäre, wieder zu sich zu finden und zwei respektable Kandidaten auf die 2020-Bühne zu bitten. Könnte Trump wie eine Impfung auf das System wirken und Reformkräfte aus der Reserve locken?

Kopenhagen, 9. September 2016

Upgrade im Flieger nach Kopenhagen. In der Businessklasse lässt es sich lesen. Das Buch über den Aufstieg des Dritten Reichs löst aber keine guten Gefühle aus. Reagan sagte einmal, dass wir immer nur eine Generation vom Verlust der Freiheit entfernt sind. Wenn man bedenkt, dass Bismarck nur hundert Jahre bevor ich geboren wurde, am Werke war, und dass ich bei meiner Geburt näher an Hitler dran war, als jetzt an meiner Geburt, wird einem bewusst, dass die Ordnung in der man aufgewachsen ist, eine Phase war, nicht eine Neue Welt. Natürlich weiß man, dass in der Weimarer Republik das Chaos herrschte, aber es schockiert trotzdem, wenn man stundenlang darüber liest. Man spürt, dass die Ordnung nicht selbstverständlich ist und eben immer höchstens auf eine Generation hinaus als gesichert betrachtet werden darf – beim Tempo der heutigen Zeit vermutlich noch weniger lang.

In Kopenhagen herrscht Ordnung. Der Taxifahrer spricht perfekt Englisch und beschwert sich darüber, dass ihn die Dänen nicht als Dänen anerkennen, obwohl er schon in dritter Generation hier wohne. Er beschwert sich auch über die Steuern und die Regierung und behauptet, dass meine fünf Euro Trinkgeld seine Einnahmen für die Fahrt, die 50 Euro kostete, verdoppelt hätten (alles andere soll an den Staat und den Besitzer des Wagens gehen). Ich wohne in einer zum Familienhaus umgebauten Werkstatt, welches in einem großen Innenhof eines ganzen Straßenblocks steht. Vorhänge gibt’s keine. Von meinem Bett aus sehe ich Nachbarn ebenfalls in ihren Betten liegen. Die Familie hat das Haus geräumt, um während der Medizinerkonferenz, die ich besuche, von den astronomischen Hotelpreisen zu profitieren und ihre schönes, cooles Haus im gentrifizierten Frederiksberg über Airbnb zu vermieten. Glaubt man dem Taxifahrer, wird ihnen davon allerdings nicht viel bleiben. Ich schlafe im Zimmer des Buben der Familie. Dass ich in Dänemark bin, merke ich daran, dass er ganze Kisten voller Legosteine besitzt. Eigentlich nur Legosteine. Auf dem Büchergestell stehen keine Bücher sondern eine Legosternenflotte, inklusive eines riesigen Legokampfsterns.

Madrid, 7. September 2016

Man wünscht sich den Herbst und den Regen herbei, aber noch immer brennt die Sonne. Seit vielen Jahren ist man sich diesen Satz gewohnt: der wärmste […] seit Menschengedenken. Bis zu 45 Grad in Andalusien, fast 40 Grad in Madrid. Die Luft ist schlecht und stickig, die Straßen dreckig und staubig. Die mit Büschen und hohem Grass überwucherte Wiese gegenüber von Pauls Kindergarten hat in der Nacht gebrannt. Am Morgen überall Polizei und Feuerwehr. Noch schwebt Rauch über dem schwarzen Feld. Die anstoßenden Einfamilienhäuser, inklusive des Kindergartens, hatten Glück. –– In Spanien (außer im atlantischen Norden) nie ein Haus neben einem Feld kaufen!