Alcorcón, 24. Juni 2016

Im Paradies aufgewachsen, doch Veränderungen stehen bevor – der Gedanke daran lässt mich nicht los.

Ich lese viel Geschichtliches, zur Zeit über das Römische Reich, aber auch das Europa der Weltkriege drängt sich mir aufgrund meiner Jünger-Lektüre immer wieder ins Bewusstsein. Ein Buch über die Zwanziger und Dreißiger Jahre in Deutschland steht auf meiner Leseliste. Man erkennt: In regelmäßigen Abständen bricht das Chaos aus; dazwischen liegen Zeiten des Zerfalls und der Unruhe, später des Aufbaus. Stabilität ist die Ausnahme. – Meine Eltern sind ganz zu Beginn einer Aufbauphase geboren, ich mitten im Aufschwung, trotz des (und zum Teil auch wegen des) Kalten Krieges in einer Phase großer Stabilität. Meine Generation hat diese Stabilität allerdings nie als einen vorübergehenden Zustand empfunden, sondern als die Neue Zeit. Das Alte Zeit war überwunden. Früher herrschte Krieg und Armut, heute sind wir in Europa darüber hinweg. Andere Erdteile werden in unseren Fußstapfen folgen.

Ich erinnere mich: Als ich Militärdienst leistete, wurde unter Kameraden oft die Frage gestellt, was die “ganze Übung” denn soll? Wozu “dieser Verein”? Wessen Panzer erwarteten wir an unseren Grenzen auffahren zu sehen? (Nichtsdestotrotz wurde ein paar Jahre zuvor die Armeeabschaffungsinitiative vom Volk abgelehnt, aus den verschiedensten Gründen allerdings – die Angst vor einem kriegerischen Angriff auf das Land gehörte zu den geringsten.) – Es lag also im Zeitgeist, dass ich die Aussage meines Vaters, er werde keinen Krieg mehr erleben, ich aber womöglich schon, in den frühen Neunziger Jahren nicht ernst genommen habe.

Und heute? Das Gewaltmonopol des Staates ist eine Grundlage unserer Zivilisation, die Fähigkeit zur Landesverteidigung notwendig – allerdings sehe ich die Armee in ihrer jetzigen Form als nur beschränkt gebrauchstauglich. Kehrt das Chaos wieder, dann nicht in der Form von Panzerschlachten. Nicht als Faust aufs Auge, sondern als Virus. Dagegen hilft keine Armee. Dagegen hülfe ein starker, intakter Körper. Institutionen und nicht zuletzt auch ein Land, das gegen die Bedrohung zusammenstünde und am selben Strang zöge, was aber in der heutigen Multiweltbild-Gesellschaft (jeder zimmert sich, meist aus ein paar Internet-Links, seine eigenes Weltbild zusammen) immer unwahrscheinlicher erscheint. – Damit ist auch gesagt, dass ich nicht mehr an die Neue Zeit glaube, in welcher das Auf und Nieder überwunden sein soll. Nicht dass ich Chaos vor uns liegen sähe, aber die Gefahr des Zerfalls sind wir nicht losgeworden. Verschiedene Entwicklung bereiten mir Sorge:

Allen voran der Niedergang der westlichen Zivilisation. Donald Trump steht am Horizont wie der Beelzebub. Ich hoffe (und glaube), dass es beim Bilde bleibt: der Fliegengott, der uns Angst einjagt und auf Gefahren aufmerksam macht, ohne aber seine Herrschaft etablieren zu können (und vielleicht nicht einmal zu wollen). Trump ist also nicht das Problem, sondern Vorbote einer unsicheren Zukunft.

Ein anderes Anzeichen für den Zerfall der Stabilität ist der Brexit – gestern noch, als ich diesen Eintrag zu schreiben begann, ein böser Traum, doch heute Morgen mussten wir erkennen, dass Träume, auch die bösen, durchaus Vorboten sein können. Bei Comix im Wallis hat am Morgen vor Missfallen sogar die Erde gebebt. Der Friedensgarant Europäische Union steht auf ebenso wackligen Beinen wie die militärischen Hüter unserer Freiheit und Sicherheit auf der anderen Seite des Ozeans.

Andere Sorgen: die vielleicht nicht mehr rückgängig zu machende Klimaerwärmung; die Zerstörung der Umwelt – werden wir bald in der era of loneliness leben (Lovelock), die Erde also nur noch mit landwirtschaftlich genutzter Flora und Fauna teilen?; die dem Kapitalismus inhärenten Selbstzerstörungsmechanismen, vor allem das morsche Finanzsystem und das Raffen politischer Macht börsenquotierter Großunternehmen. Auch die ungleiche Verteilung des Reichtums ist ein Problem – selbstverständlich für die Betroffenen, aber auch für das System als Ganzes. Zwar wäre es jeder Gesellschaft möglich, sich durch gute Politik an der kapitalistischen Weltgesellschaft zu beteiligen, jedoch nur auf einer first-come first-serve Basis, da eine Ausdehnung des westlichen Luxuslebens über die ganze Erde bekanntlich die Ressourcen “vieler Erde” in Anspruch nehmen würde ( – dem entgenzuhalten wären allerdings die Stimmen technologischer Optimisten, welche die Lösung unserer Probleme, also auch des viele-Erden-Problems im technologischen Fortschritt sehen).

Als Letztes muss noch der Aufstieg künstlicher Intelligenz (AI) als (womöglich) besorgniserregende Entwicklung erwähnt werden. Der Oxford-Philosoph Nick Bostrom hält AI für die nächste Atombombe. – Die technologischen Optimisten meinen: Ist die Singularität einmal erreicht, können alle oben beschriebenen Probleme mit einem Wisch vom Tisch gefegt werden. Kurzweilianer glauben sogar an die Erschaffung eines gottähnlichen Wesens. Die technologischen Pessimisten halten dem entgegen: es besteht die Gefahr, dass dabei nicht nur die Probleme des Menschen, sondern auch der Mensch selbst auf der Abfallhalde landet.

Aber nicht alle Zeichen der Zeit stehen auf Niedergang: Wie erwähnt, glauben manche an Erlösung durch Technologie (der oben erwähnte Ray Kurzweil, aber auch Peter Diamandis oder Matt Ridley).

Mit Verblüffung erkenne ich auch, dass ein Leben mit dem von mir genossenen Grad an Freiheit, nie vorher in der Geschichte der Menschheit möglich gewesen war. Verglichen mit mir waren auch die Mächtigsten vergangener Epochen bedauernswerte Pechvögel. Ich brauche einen Laptop, Wifi und ein paar Internetdienstleister (Google, Skype, Paypal, Transferwise …) und kann so überall auf der Welt mein Geld verdienen, und habe daneben noch genug Zeit, meinen eigentlichen Interessen nachzugehen. Darin wird auch Trump und der Brexit nichts ändern. Auch beobachte ich die Entstehung eines neuen Stamms, der die Möglichkeiten der Zeit genauso zu nutzen weiß. Diesen Stamm und seine Angehörigen vermag ich noch nicht genau zu definieren, aber ich begegne ihnen überall. Sie sprechen Englisch (und andere Sprachen); ob angestellt oder selbständig arbeiten sie auf eigene Verantwortung; sie wissen neusten Entwicklungen unserer Zeit zu nutzen; die Zeichen des Niedergangs deuten sie nicht den Anfang des Endes, sondern als zu lösende Probleme. Sie sind optimistisch, eigenverantwortlich, neugierig. Sie erkennen die Ihrigen, vernetzten sich virtuell mit ihnen.

Verschiedene Prozesse sind also am Werk: Giftige Säuren nagen an den Rändern (und zum Teil auch im Herzen) der westlichen Zivilisation; aber nicht alles ist Trübsinn und Verderben – gloom, doom, but also boom. Die eigene Richtung ist vorgegeben, die Richtung der Welt aber bleibt ungewiss. Natürlich war das schon immer so, doch Umbrüche die früher erst im Rückblick und über viele Generationen hinweg erkennbar wurden, spielen sich heute direkt vor unseren Augen ab.

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