Alcorcón, 15. Juni 2016

Nachgedanken zu London

Eigentlich wollte ich am Freitagabend mit Atul und Faheem essen gehen, fühlte mich aber verpflichtet, nach getaner Konferenzarbeit den Abend mit meinem Team – also mit Fen, Elvira und Steve – zu verbringen. Als wir uns an unserem üblichen Tisch setzten, vor neugierigen Blicken geschützt ganz am Ende des Hotelrestaurants, machte Steve aber einen sehr müden Eindruck: mit gekrümmtem Rücken stützte er sich auf den Tisch; sein Gesicht sprach von zwei Konferenzen direkt hintereinander, einer Atlantiküberquerung und, wegen frühmorgendlichen Kundenmeetings, viel zu kurzen Nächten. Schließlich schüttelte er unsere Hände, bedankte sich für unsere Arbeit und verabschiedete sich.

Es blieben also Fen, Elvira und ich und wird machten uns auf die Suche nach einem Restaurant. Ein in Russland geborener und in Amerika zur Schule gegangener Russe – Maksim – schloss sich uns an. Nahe des Hotels sahen wir ein chinesisches Restaurant welches wir probieren wollten; gleichzeitig schwärmte Maksim von einem anderen Restaurant, wo er bereits zwei Mal gegessen hatte. Fen liebt es, zu essen – so kam es, dass wir zwei Mal in zwei verschiedenen Restaurants zu Abend aßen.

Der Chinese hatte sich in einem Gebäude, eingeklemmt zwischen einer Durchfahrtsstraße und dem einem Wasserbecken, auf dessen anderer Seite der City Airport lag, eingenistet. Hier war garantiert mit keiner Laufkundschaft zu rechnen. Faheem und ich hatten bereits am Dienstag ins Auge gefasste, dort zu Abend essen, hatten aber den Eingang nicht gefunden. Am Freitag aber stießen wir etwas weiter ins Niemandsland vor und erklommen schließlich die Treppen zum Restaurant. Erstaunlicherweise war dieses sehr gemütlich und fast voll. Eine große Fensterwand auf der einen Seite gewährte einen Blick auf startende und landende und lärmende Flugzeuge. Fen spricht, obwohl in New Jersey aufgewachsen, Chinesisch, wenn nach eigenen Angaben auch nicht sehr gut – genügend aber, um eine hervorragend Selektion chinesischer Gerichte zu bestellen, abseits der üblichen Schüsselchen mit süß-saurem Pouletreis. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir der Schweinemagen – pork belly, von dem wir, bevor wir uns auf den Weg ins zweite Restaurant machten, noch einen zweiten Teller bestellten – to nibble on, wie Fen vorschlug.

Das zweite Restaurant lag etwa eine Meile weiter westlich. Wir gingen dem Wasserbecken entlang, von dem ich zuerst glaubte, es handle sich um die Themse. Das Wasser floss aber nicht, wie wir bald feststellen, und ein Blick auf Google Maps förderte zutage, dass es sich natürlich nicht um den Fluss, sondern um ein aus diesem gespeisten Wasserbecken handelte. Das hatte seinen Sinn – schließlich befanden wir uns in den Docklands. Dem Wasser entlang stehen noch die alten aber renovierten Ladekräne, aber natürlich nur noch zur Dekoration. Ansonsten liegen auf beiden Seiten des Wasserbeckens Hotels, Bürogebäude, die Konferenzhallen, in denen wir gearbeitet hatte und neue Wohnblöcke. Wo noch Platz ist, wird gebaut.

Im zweiten Restaurant (hieß es Top One?) wurde weiter gegessen. Wir bestellten Tuna Tartar, Steaks, und Monkfish. Bedient wurde wir von einem schlaksigen und erstaunlich inkompetentem jungen Litauer welcher in einem merkwürdigen Ostlondoner Akzent sprach. Wir verstanden uns aber sehr gut mit ihm – außer Maksim, der seine nette, hübsche Kellner von den Vortagen vermisste. Der Litauer erfasste, trotz fehlender Kellnerkenntissen, den Vibe unseres Tisches schnell und beschrieb die Suppe, welche Fen am Schluss noch bestellte als “I don’t know what it is, but it’s weird”. Unrecht hatte er nicht: die Suppe wurde in einer Flasche serviert, die man selbst in den Teller zu leeren hatte.

Ein Amerikanerin mit Chinesischen Wurzeln (sie lebt in einer Loft in West Oakland), ein Russe ohne festen Wohnsitz mit amerikanischem Akzent (er hatte seine Wohnung in Odessa vor kurzem aufgegeben und zieht nun als Nomade durch die Welt), eine in London wohnhafte Mazedonierin und ich, ein Swiss-German, der nicht nicht sehr Swiss-German ist (some Swiss-Germans are really, well, Swiss-German, meinte Maksim, der mit der Schweiz Erfahrung hatte: er erzählte von einem Bad im Walensee … ): Wir waren ein merkwürdige Gruppe und haben den ganzen Abend lang viel gelacht. Ich war schon eine Weile auf keiner Konferenz mehr, auf der ich soviel Spass hatte.

Wieder denke ich an die globale Mittelklasse, einem Stamm, über den ich bereits an früherer Stelle geschrieben habe. Rasse, Herkunftsland oder Religion spielen keine Rolle – was zählt ist die gemeinsame Sprache (Englisch) und die geteilte Erfahrung in der globalen Gesellschaft, welche die Erfahrung des eigenen kulturellen Hintergrundes wie ein Mantel umhüllt. An den unterschiedlichsten Orten aufgewachsen, versteht man sich sofort. Man hat nicht die geringste Mühe, gemeinsame Bilder und Referenzen zu finden – viele davon würde der nur sich lokal definierende Nachbar nicht verstehen.

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