Alcorcón, 1. Juni 2016

fall-of-rome

Geschichte als Perspektive

Mit dem Ward-Perkins bin ich fertig. (Am Flughafen habe ich bereits das nächste Rom-Buch gekauft, nämlich Mary Beards Besteller SPQR, welcher zur Zeit in jeder Buchhandlung aufliegt.)

Bei der Lektüre habe ich so klar wie nie zuvor erkannt, wie sehr Geschichtsschreibung eine Frage der Perspektive ist. Wie bereits besprochen, ging es dem Autor vor allem darum, die seit einigen Jahrzehnten überhand nehmende Perspektive, Rom sei nicht gefallen, sondern habe sich einfach recht friedlich verändert (üblicherweise Transformation genannt), in Frage zu stellen. Ward-Perkins plädiert dafür, dass der Barbareneinfall durchaus eine Katastrophe mit Jahrhunderte dauernden Nachwirkungen gewesen sei, ist sich aber bewusst, dass auch seine Sichtweise der Geschichte Perspektive ist – je nach gestellten Fragen, offenbart sich einem ein anderer Blick auf die Vergangenheit. (Auch Mary Beards beginnt ihr Rom-Buch mit einer ähnlichen Feststellung.)

Von der Transformation Roms wird heute vor allem aus der Perspektive Nordeuropas und Nordamerikas gesprochen. Ich vermute, dass in Europa dafür vor allem der Einfluss der deutschen Geschichtsforschung und der veränderten Wahrnehmung Deutschlands in seinen Nachbarländern verantwortlich ist. Die Deutschen werden nicht mehr als Barbaren, sondern als der Motor Europas gesehen (– obwohl natürlich in gewissen südlichen Ländern das Bild des Deutschen als Barbar wieder an Boden gewinnt). Es liegt deshalb auf der Hand, auch die Germanen nicht mehr nur als wilde Zerstörer zu sehen. In Amerika ist wohl eher die an Liberal Arts Colleges grassierende Unsitte der political correctness für den Perspektivwechsel mitverantwortlich: empire = bad; barbarians = migrants = good. Natürlich simplifiziere ich.

Welche Schlüße ziehe ich aus diesem Büchlein für meine Analyse des Zustands der Westlichen Zivilisation?

Erstens dies: Eine Zivilisation (oder ein Imperium) ist mit einem Menschen oder mit der Welt als Ganzes vergleichbar: Alles strebt dem Tode zu. Am Ende von allem liegt die Zerstörung. Natürlich ist das keine mehr Erinnerung als Erkenntnis.

Zweitens: Zwar unterliegt die Analyse und die Bewertung jedes Systems immer der Perspektive, aber trotzdem gibt es Wege, eine Gesellschaft oder eine Zivilisation einigermassen objektiv zu beurteilen. Z.B. der Grad an Freiheit oder Sicherheit, den die Bevölkerung geniesst; der wissenschaftliche und kulturelle Output; etc. Natürlich kann eine solche Analyse nie abschließend und allumfassend sein und ein Perspektivwechsel kann ein ganz anderes Bild zutage fördern. Mary Beard rät in der Einleitung zu ihrem Buch dazu, sich immer auch die andere Perspektive anzuhören, um so zu einem runderen Bild zu gelangen.

Ein Beispiel dafür ist Howard Zinns bekanntes Buch “A People’s History of the United States” welches die Geschichte der USA als Genozid, Unterdrückung und Ausbeutung beschreibt. Ich habe das Buch gelesen, es enthält keine offensichtlichen Unwahrheiten. Trotzdem: Fiele das Buch einem Außerirdischen in die Hände und würde man diesen nach der Lektüre darum bitten, zu beschreiben, wie er sich das Leben in den heutigen Vereinigten Staaten aufgrund der beschriebenen Geschichte den nun vorstelle, würden die Spekulationen dieses Wesens wohl eher ein Bild zeichnen, dass dem Leben in der alten Sowjetunion gleicht: ein farbloses Land in dem Not und gähnende Langeweile herrscht. Er würde bei einer Reise durch die USA – oder schon, wenn er sich einen guten Hollywood-Film ansehen oder amerikanische Musik anhören oder ein amerikanisches Buch lesen würde – aus allen Wolken fallen. Wie ist dieses evil empire fähig, solches produzieren?

Oft sind Gegenentwürfe, wie eben das Buch Zinns und vielleicht auch die Geschichte von der friedlichen Transformation Roms, nicht als abschließende Beschreibungen einer Sache gedacht, sondern dienen vielmehr dem Zweck des Gegensteuerns: eine tief verwurzelte Vorstellung soll erstmals ausgerissen werden, um Raum für ein runderes Bild zu schaffen. Dabei läuft man allerdings Gefahr, dass Viele das radikale Gegenbild als die eigentlich Wahrheit betrachten – wie man das bei Menschen sieht, die Zinn zitieren, als hätte er ein Lügenbild von der Wand gerissen. Und auch die Vorstellung vom Fall Roms als friedliche Transformation scheint ein wenig aus dem Ruder gelaufen zu sein (it got out of hand ist ein Begriff, den Ward-Perkins mehrmals braucht).

[Das Bild stammt von Thomas Cole.]

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.