Alcorcón, 28. Juni 2016

Wie ist die Lage in Spanien nach den Wahlen? – den zweiten innerhalb von sechs Monaten, deren Resultat auf keine Lösung für die seit dem ersten Urnengang bestehende politische Bewegungsunfähigkeit hoffen lässt. Zunächst mal so: Carol und ich gingen letzte Woche in der bescheidenen Vorstadt, in der wir wohnen, in ein bekanntes galicisches Restaurant (wir bestellten Bier, gambas a la plancha und pimientos del padrón, danach Pudding und tarta de Santiago). Ich kann berichten, dass im Restaurant trotz andauernder politischer und wirtschaftlicher Krise auch um Mitternacht noch jeder Tisch besetzt war. Die Stimmung war hervorragend, und das in einer Gegend, wo eine Familie mit zwei Gehaltsempfänger von denen beide nicht viel mehr als tausend Euro im Monat nach Hause tragen, bereits als Glücksfall gilt. Damit soll nicht gesagt werden, dass, vor allem in den privaten vier Wänden, nicht auch viel gelitten wird, sondern dass trotz aller Sorgen das Leben immer noch paradiesisch ist – zumindest verglichen mit dem Leben der Mehrheit der Menschheit in allen Zeiten vor der unsrigen (die in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg begonnen hat).

In der spanischen Politik sieht’s zur Zeit so aus: Der Partido Popular, eine gesellschaftlich konservative, traditionalistische, relativ wirtschaftsliberale und von Korruption zerfressene Partei, welche zur Zeit die Regierung stellt, hat die Wahlen gewonnen, die absolute Mehrheit aber verloren. Die Volkstümlichen werden vor allem von Rentnern gewählt, und dabei vorwiegend von solchen, deren Familien während des Bürgerkriegs auf Seiten Francos standen. In einem überalterten Land, wo zudem mehr Alte als Junge zur Urne gehen, kommt man so schon einmal auf einen Drittel der Stimmen.

Es gäbe zwei potentielle Koalitionspartner: Zum einen die Sozialisten, eine ebenfalls vom Korruptionskrebs befallene Partei, welche aber einen frischen neuen Leader hat, dem man zutraut, der Korruption zumindest auf nationaler Ebene Paroli zu bieten (in den Regionen und Gemeinden ist ein Ende der Korruption weder bei den Konservativen noch den Sozialisten abzusehen – zu sehr gehört sie zum politischen Charakter des Landes. Ein Politiker wird von niemandem als Landesdiener angesehen, sondern immer als eine Art „Boss“). Allerdings haben die Sozialisten das schlechteste Resultat ihrer Geschichte hingelegt. Sie haben, wegen der Korruption, aber auch wegen einer realistischen, EU-freundlichen Politik , viele Wähler, welche in wirtschaftlich schwierigen Zeiten radikale anstatt realistische Parolen hören wollen, an eine neue linke Protestpartei verloren – zu dieser später mehr. Trotzdem ist eine große Koalition nicht undenkbar. Vor sechs Monaten noch hätte ich eine solche als zynischen Akt gesehen – sozusagen eine Zweckehe der zwei die am meisten zu verlieren haben (in der Regierung zu sitzen, heißt in Spanien auch, für die Seinen zu sorgen). Heute aber habe ich meine Meinung diesbezüglich geändert: Eine große Koalition wäre ein patriotischer Akt, um dem Land trotz aller Unterschiede eine einigermaßen stabile Regierung zu geben – eine reformunfähige, zerstritten Regierung zwar, aber zumindest eine, welche das Tagesgeschäft solide zu erledigen wüsste, um das endlich wieder spürbare Wirtschaftswachstum nicht zu gefährden. Allerdings würde Pedro Sánchez, der Sozialistenführer, seine Partei damit endgültig in den Abgrund führen. Ein „sozialistischer“ Juniorpartner in einer Regierung, die wegen der numerischen Übermacht der Konservativen wohl eher ein Mitte-Rechts-Programm als linke Idee vertreten würde, triebe auch noch den letzten PSOE-Wähler in die Arme der Neuen Linken.

Der andere mögliche Koalitionspartner wäre die neue gesellschaftlich und wirtschaftlich liberale Mittepartei Ciudanos (Bürger). Schaut man sich das Programm der Partei an, wünscht man sie sich an den Hebeln der Macht: Eine Partei die auf Unternehmertum setzt, ohne aber ihre Pfründe und Geldgeber beschützen zu müssen wie die Konservativen; auch ohne den historisch-traditionalistischen-katholischen Ballast derselben. Noch aber ist Ciudanos erstaunlich profillos. Der Parteileader ist zwar ein fescher junger Mann, die paar Jährchen Arbeitserfahrung (bei einer Consultingfirma?), welche er vor seinem Eintreten in die Politik gesammelt hat, vermögen ihm aber noch nicht das nötige Charisma zu verleihen. Allerdings muss man ihm zugestehen, dass er es geschafft hat, aus dem Nichts in wenigen Jahren eine neue, vielversprechende Partei zu gründen und mit dieser als vierte Kraft ins Parlament einzuziehen. Eine Koalition der Bürger mit den Konservativen wäre für beide Parteien sicher verlockend, allerdings ist fast sicher, dass die Bürgen bei den nächsten Wahlen dafür abgestraft würden, genauso wie es mit den Liberalen in Großbritannien geschah – das eigene Profil würde sich im korrupt-ranzigen Bild der Seniorpartner völlig auflösen. So kommt des Albert Rivera (dem Parteiführer) zugute, dass die Seinen und die Konservativen numerisch ein paar Sitze von der absoluten Mehrheit entfernt sind.

Dann ist das noch die vierte Partei, eingeschworene Feinde der Konservativen und gewiss keine potentiellen Koalitionspartner. Auf nationaler Ebene heißt diese Partei, oder Plattform, Podemos (Wir Können), allerdings besteht sie aus einer Anzahl lokaler Parteien, welche alle unter diversen Namen (Jetzt, Wir Gewinnen, etc.) auf der Podemos-Plattform agieren. Es ist dem marxistischen und direkt-demokratischen Parteiführer Pablo Iglesias, der mich an den Armeeabschaffer Andreas Gross in den achtziger Jahren erinnert, zugute zu halten, dass er keine hierarchisch strukturierte Partei geschaffen hat, sondern eben eine Plattform, der sich basisgetragene Lokalinitiativen anschließen können. Podemos ist, zusammen mit der alten, Linkspartei Izquierda Unida (Vereinige Linke) als drittstärkste Partei aus diesen Neuwahlen hervorgegangen. Man hatte erwartet, dass sie die Sozialisten sogar überholten, was aber nicht erreicht wurde. – Die meisten Podemos-Wähler und auch viele ihrer Parteigänger (oder besser: Aktivisten) sind im Gegensatz zur Parteiführung, welche aus Linksintellektuellen besteht, keine eingeschworenen Marxisten. Zwar werfen sie mit Begriffen wie „Mindestlohn“, „Würde“, „Widerstand“, oder „Sozialstaat“ um sich, haben aber nicht die Zerstörung des kapitalistischen Systems im Sinne – dieser Traum bleibt den Parteioberen vorbehalten.

Numerisch wäre eine Koalition unter der Führung von Unidos Podemos (Podemus und Izquierda Unida) mit den Sozialisten und Ciudanos möglich – so könnten die von allen drei verhassten (oder im Falle der Bürger zumindest unbeliebten) Konservativen aus Moncloa (dem Regierungssitz) vertrieben werden, allerdings wäre diese Regierung aufgrund größter ideologischer Unterschiede noch handlungsunfähiger als jede andere Konstellation.

Was wird also geschehen? Ich erwarte, dass die Konservativen, um des Endes der Blockierung Willen, von den Sozialisten und den Bürgern als Minderheitsregierung akzeptiert werden. Die Konservativen werden so natürlich handlungsunfähig sein. Die weiteren Aussichten für die spanische Politik stehen auf Unwetter und Sturm. Ein pragmatische Lösung ist nicht in Sicht.

Dies Paktsituation repräsentiert für mich, was in Europa, und im Westen als Ganzes, zur Zeit allerorten zu beobachten ist: Die drei Blöcke, welche wohl schon seit einem Jahrhundert bestehen, verbarrikadieren sich immer mehr in ihrer Position. Auf der einen Seite die Linke, immer weniger sozialdemokratisch, immer mehr geneigt, das System als ganzes zu verteufeln; auf der anderen Seite die Rechte, welche gegen die Auflösung der traditionellen Gesellschaft kämpft (wie im Brexit geschehen, wo es vorwiegend darum ging, dass viele eigentlich „normale Bürger“ ihre von Immigration durchdrungenen Städte und Dörfer nicht mehr wiedererkennen – und außerdem im islamischen Terrorismus eine Gefahr verspüren, wenn auch nicht am eigenen Leibe erfahren, welche direkt von dieser Immigration auszugehen scheint); in der Mitte stehen etwas hilflos diejenigen, die eigentlich eine Mehrheit bilden sollten, die erhalten und reformieren wollen, ohne sich in Revolution oder Verbarrikadierung zu flüchten. Nur ein in vielen Taschen spürbares Wirtschaftswachstum, könnte die Mitte wieder wachsen lassen – allerdings muss man sich auch fragen, ob eine wachsende Wirtschaft nicht einfach wieder business as usual bedeuten würde und wir trotz vorübergehender Stabilität im Westen Gefahr liefen, von den sich zusammenbrauenden Umwelt- und Armutskatastrophen – Erstere global und Zweitere in weiten Teilen der zweiten und dritten Welt – alsbald überrollt zu werden.

Alcorcón, 24. Juni 2016

Im Paradies aufgewachsen, doch Veränderungen stehen bevor – der Gedanke daran lässt mich nicht los.

Ich lese viel Geschichtliches, zur Zeit über das Römische Reich, aber auch das Europa der Weltkriege drängt sich mir aufgrund meiner Jünger-Lektüre immer wieder ins Bewusstsein. Ein Buch über die Zwanziger und Dreißiger Jahre in Deutschland steht auf meiner Leseliste. Man erkennt: In regelmäßigen Abständen bricht das Chaos aus; dazwischen liegen Zeiten des Zerfalls und der Unruhe, später des Aufbaus. Stabilität ist die Ausnahme. – Meine Eltern sind ganz zu Beginn einer Aufbauphase geboren, ich mitten im Aufschwung, trotz des (und zum Teil auch wegen des) Kalten Krieges in einer Phase großer Stabilität. Meine Generation hat diese Stabilität allerdings nie als einen vorübergehenden Zustand empfunden, sondern als die Neue Zeit. Das Alte Zeit war überwunden. Früher herrschte Krieg und Armut, heute sind wir in Europa darüber hinweg. Andere Erdteile werden in unseren Fußstapfen folgen.

Ich erinnere mich: Als ich Militärdienst leistete, wurde unter Kameraden oft die Frage gestellt, was die “ganze Übung” denn soll? Wozu “dieser Verein”? Wessen Panzer erwarteten wir an unseren Grenzen auffahren zu sehen? (Nichtsdestotrotz wurde ein paar Jahre zuvor die Armeeabschaffungsinitiative vom Volk abgelehnt, aus den verschiedensten Gründen allerdings – die Angst vor einem kriegerischen Angriff auf das Land gehörte zu den geringsten.) – Es lag also im Zeitgeist, dass ich die Aussage meines Vaters, er werde keinen Krieg mehr erleben, ich aber womöglich schon, in den frühen Neunziger Jahren nicht ernst genommen habe.

Und heute? Das Gewaltmonopol des Staates ist eine Grundlage unserer Zivilisation, die Fähigkeit zur Landesverteidigung notwendig – allerdings sehe ich die Armee in ihrer jetzigen Form als nur beschränkt gebrauchstauglich. Kehrt das Chaos wieder, dann nicht in der Form von Panzerschlachten. Nicht als Faust aufs Auge, sondern als Virus. Dagegen hilft keine Armee. Dagegen hülfe ein starker, intakter Körper. Institutionen und nicht zuletzt auch ein Land, das gegen die Bedrohung zusammenstünde und am selben Strang zöge, was aber in der heutigen Multiweltbild-Gesellschaft (jeder zimmert sich, meist aus ein paar Internet-Links, seine eigenes Weltbild zusammen) immer unwahrscheinlicher erscheint. – Damit ist auch gesagt, dass ich nicht mehr an die Neue Zeit glaube, in welcher das Auf und Nieder überwunden sein soll. Nicht dass ich Chaos vor uns liegen sähe, aber die Gefahr des Zerfalls sind wir nicht losgeworden. Verschiedene Entwicklung bereiten mir Sorge:

Allen voran der Niedergang der westlichen Zivilisation. Donald Trump steht am Horizont wie der Beelzebub. Ich hoffe (und glaube), dass es beim Bilde bleibt: der Fliegengott, der uns Angst einjagt und auf Gefahren aufmerksam macht, ohne aber seine Herrschaft etablieren zu können (und vielleicht nicht einmal zu wollen). Trump ist also nicht das Problem, sondern Vorbote einer unsicheren Zukunft.

Ein anderes Anzeichen für den Zerfall der Stabilität ist der Brexit – gestern noch, als ich diesen Eintrag zu schreiben begann, ein böser Traum, doch heute Morgen mussten wir erkennen, dass Träume, auch die bösen, durchaus Vorboten sein können. Bei Comix im Wallis hat am Morgen vor Missfallen sogar die Erde gebebt. Der Friedensgarant Europäische Union steht auf ebenso wackligen Beinen wie die militärischen Hüter unserer Freiheit und Sicherheit auf der anderen Seite des Ozeans.

Andere Sorgen: die vielleicht nicht mehr rückgängig zu machende Klimaerwärmung; die Zerstörung der Umwelt – werden wir bald in der era of loneliness leben (Lovelock), die Erde also nur noch mit landwirtschaftlich genutzter Flora und Fauna teilen?; die dem Kapitalismus inhärenten Selbstzerstörungsmechanismen, vor allem das morsche Finanzsystem und das Raffen politischer Macht börsenquotierter Großunternehmen. Auch die ungleiche Verteilung des Reichtums ist ein Problem – selbstverständlich für die Betroffenen, aber auch für das System als Ganzes. Zwar wäre es jeder Gesellschaft möglich, sich durch gute Politik an der kapitalistischen Weltgesellschaft zu beteiligen, jedoch nur auf einer first-come first-serve Basis, da eine Ausdehnung des westlichen Luxuslebens über die ganze Erde bekanntlich die Ressourcen “vieler Erde” in Anspruch nehmen würde ( – dem entgenzuhalten wären allerdings die Stimmen technologischer Optimisten, welche die Lösung unserer Probleme, also auch des viele-Erden-Problems im technologischen Fortschritt sehen).

Als Letztes muss noch der Aufstieg künstlicher Intelligenz (AI) als (womöglich) besorgniserregende Entwicklung erwähnt werden. Der Oxford-Philosoph Nick Bostrom hält AI für die nächste Atombombe. – Die technologischen Optimisten meinen: Ist die Singularität einmal erreicht, können alle oben beschriebenen Probleme mit einem Wisch vom Tisch gefegt werden. Kurzweilianer glauben sogar an die Erschaffung eines gottähnlichen Wesens. Die technologischen Pessimisten halten dem entgegen: es besteht die Gefahr, dass dabei nicht nur die Probleme des Menschen, sondern auch der Mensch selbst auf der Abfallhalde landet.

Aber nicht alle Zeichen der Zeit stehen auf Niedergang: Wie erwähnt, glauben manche an Erlösung durch Technologie (der oben erwähnte Ray Kurzweil, aber auch Peter Diamandis oder Matt Ridley).

Mit Verblüffung erkenne ich auch, dass ein Leben mit dem von mir genossenen Grad an Freiheit, nie vorher in der Geschichte der Menschheit möglich gewesen war. Verglichen mit mir waren auch die Mächtigsten vergangener Epochen bedauernswerte Pechvögel. Ich brauche einen Laptop, Wifi und ein paar Internetdienstleister (Google, Skype, Paypal, Transferwise …) und kann so überall auf der Welt mein Geld verdienen, und habe daneben noch genug Zeit, meinen eigentlichen Interessen nachzugehen. Darin wird auch Trump und der Brexit nichts ändern. Auch beobachte ich die Entstehung eines neuen Stamms, der die Möglichkeiten der Zeit genauso zu nutzen weiß. Diesen Stamm und seine Angehörigen vermag ich noch nicht genau zu definieren, aber ich begegne ihnen überall. Sie sprechen Englisch (und andere Sprachen); ob angestellt oder selbständig arbeiten sie auf eigene Verantwortung; sie wissen neusten Entwicklungen unserer Zeit zu nutzen; die Zeichen des Niedergangs deuten sie nicht den Anfang des Endes, sondern als zu lösende Probleme. Sie sind optimistisch, eigenverantwortlich, neugierig. Sie erkennen die Ihrigen, vernetzten sich virtuell mit ihnen.

Verschiedene Prozesse sind also am Werk: Giftige Säuren nagen an den Rändern (und zum Teil auch im Herzen) der westlichen Zivilisation; aber nicht alles ist Trübsinn und Verderben – gloom, doom, but also boom. Die eigene Richtung ist vorgegeben, die Richtung der Welt aber bleibt ungewiss. Natürlich war das schon immer so, doch Umbrüche die früher erst im Rückblick und über viele Generationen hinweg erkennbar wurden, spielen sich heute direkt vor unseren Augen ab.

Alcorcón, 19. Juni 2016

Die Zeit schreitet voran – der Juli, und mit ihm die Hitze, kommt in großen Schritten auf uns zu. Aber noch sind die Nächte kühl. Gestern hatten wir einen Bioobst- und Gemüsegarten im Südosten der Stadt besucht. Noch sind die Tomaten nicht reif, was ungewöhnlich ist. Es soll eben an diesen immer noch kühlen Nächten und auch am außergewöhnlich nassen Frühling liegen. (Das die erste Jahreshälfte wirklich sehr regnerisch war, zumindest für spanische Verhältnisse, ist am Grün zu erkennen, dass sich um Madrid herum breit macht. Als ich im Mai von London her kommend im Landeanflug über die Felder vor den Toren der Stadt flog, hatte ich den Eindruck, mich viel weiter nördlich zu befinden. Drei Wochen später, erneut von London her zurückfliegend, hatte die Landschaft bereits einen gelblicheren Ton angenommen, aber noch hielt sich das Grüne, was ein gutes Zeichen ist. Ich hoffe, dass sich im Gegenzug der regenlose Sommer nicht als Kompensation bis weit in den Herbst hinein breit machen wird, wie vor ein paar Jahren geschehen, als im Oktober dichte Staubschichten über der ganzen Region lagen und die Hochhäuser Madrids vom Park aus kaum mehr erkennbar waren.)

Der Besuch im Biogarten war aufschlussreich. Auf der M50 umrundeten wir die Metropolregion im Süden und waren nach einer halben Stunde in Velilla de San Antonio, einem Dorf, welches eigentlich noch im Einzugsgebiet der Stadt liegt (die Einfamilienhäusersiedlungen zeugen davon, dass von hier aus gependelt wird), von diesem aber durch eine steile Felswand getrennt ist. Hinter dem Felsen ragten die Dächer von urbaneren Vororten auf; die Ausläufer des urmadrider Quartiers Vallecas liegen nur knappe fünfzehn Autominuten entfernt.

Der Biobauer erklärte uns, dass um Madrid herum Landwirtschaft nur noch als Nebenberuf betrieben wird, da sich die gesamte Produktion an die Küsten verlagert habe, vor allem weil man dort Arbeitskräfte für 30€ am Tag finde, während rund um die Hauptstadt herum, wegen alternativer Verdienstmöglichkeiten, bis zu 80€ am Tag für die Feldarbeit bezahlt werde. Auch die Logistik soll von den Küsten aus einfacher zu handhaben sein, obwohl mir nicht ganz klar ist, weshalb dies der Fall ist (wird das Gemüse etwa auf Schiffen verfrachtet?)

Die größte Herausforderung bei der Bewirtschaftung dieses sechs Hektar großen Biogartens ist die Bekämpfung der Plagen, vor allem der mala hierba (des Unkrauts) und des Ungeziefers. Als Biobauer ist man fortwährend damit beschäftigt, diese abzuwenden. Hierin gründen die höheren Preise, die man für Bioprodukte bezahlt: mehr Arbeit ist gefordert, um die Früchte und das Gemüse zu schützen und trotzdem muss oft ein Teil der Ernte abgeschrieben werden, weil der Kampf gegen die Natur nur mit natürlichen Mitteln geführt wird. Letztes Jahr zum Beispiel ward die gesamte Apfelernte von neunhundert Kilo an eine Apfelfliege verloren. Trotzdem ist es nicht teuer, Bioprodukte zu essen. Von diesem Biogarten erhält man für 15€ im Monat wöchentlich einen Fünfkilokorb frischen Obstes und Gemüses nach Hause geliefert.

Wenn man sieht, wie in Biogärten gearbeitet wird und hört, wie Supermarktobst produziert wird, nicht nur mit abwaschbarem Pestizid auf den Früchten sondern auch auf immer verseuchteren und unnatürlicheren Böden, vergeht einem die Lust, irgendetwas anderes als Bioprodukte zu konsumieren. Aber es wird einem auch klar, dass solche ein Luxus sind, welchen wir uns leisten können, weil die herkömmliche und die industrielle Landwirtschaft, für die Versorgungssicherheit sorgen: Kartoffelplagen verursachen in Europa keine Hungersnöte mehr. Kein den Reichen vorbehaltener Luxus – auch in einem krisengeschüttelten Land wie Spanien, könnten sich die meisten Menschen Bioprodukte leisten – sondern ein Luxus weil die industrielle Landwirtschaft uns den Rücken freihält.

Paul hat der Tag auf dem Land gefallen. Er hat Käfer gejagt und Fallobst gesammelt und von Wölfen gesprochen, die er in den nahen Wäldern vermutete. Das Wort “kaufen”, dass er seit einigen Wochen wie besessen wiederholt, wenn wir an einem der vielen chinos (chinesichen Ramschläden) vorbeigehen – “Taxi kaufen, Feuerwehrauto kaufen, Ballone kaufen, etc.” – ist in Velilla nicht ein einziges Mal gefallen. Wäre nicht der Sog der Stadt zu stark, müssten wir eigentlich aufs Land ziehen. Könnte man nicht auf dem Land wohnen und sich in der Stadt ein kleines Studio halten – ein pied-a-terre wie die Franzosen sagen? Schade nur, dass die Region, die uns am besten gefällt, die regenreichen Hügel der nördlichen Küstenregionen, etwas zu weit von Madrid entfernt liegt. – Aber wenn ich es mir richtig überlege und mir selbst nichts vormache, mag ich eben doch nur das Stadtleben: Vielleicht liegt das daran, dass ich gerne alleine bin (obwohl ich diese Tag eigentlich nie mehr alleine bin – a non-practising loner), dies aber nur, wenn um mich herum, oder zumindest in den Straßen des nicht allzu weit entfernten Stadtzentrums, die Menschenmaßen ihren Geschäften und Vergnügungen nachgehen. Der Gedanke an die dörfliche Idylle, oder sogar die Einsiedlerei zieht mich nur theoretisch an, wäre für mich aber nicht praktikabel.

Alcorcón, 16. Juni 2016

“Five Short Novels” von Tschechow, oder Chekhov. Ich lese die Chronologie: Geburt 1860, Tod 44 Jahre später an Schwindsucht. In Russland rumort es. Marx schreibt das Kapitel; Lenin wird geboren; die erste Russische Revolution folgt. Von ärmlichen Bauern ist die Rede, sogar von Leibeigenen – Tschechows Vater war ein solcher. Einer durch ein schlechtes Erntejahr verursachten Hungersnot fallen eine Million Bauern zum Opfer. – So waren die Zeiten immer, für die meisten Menschen. Der Wohlstand in dem ich geboren bin und lebe, ist die Ausnahme, nicht die Regel, obwohl er uns als der Normalfall vorkommt. – Und was kommt? Auf der einen Seite die Technologisierung des Zerstörerischen; auf der anderen Seite die Hoffnung auf Rettung durch Technologie. Der technologische Fortschritt ist nicht zu stoppen, die Frage ist nur, ob unsere Zivilisation die Raupe auf dem Blatt, oder die aufgehende Blüte ist.

Alcorcón, 15. Juni 2016

Nachgedanken zu London

Eigentlich wollte ich am Freitagabend mit Atul und Faheem essen gehen, fühlte mich aber verpflichtet, nach getaner Konferenzarbeit den Abend mit meinem Team – also mit Fen, Elvira und Steve – zu verbringen. Als wir uns an unserem üblichen Tisch setzten, vor neugierigen Blicken geschützt ganz am Ende des Hotelrestaurants, machte Steve aber einen sehr müden Eindruck: mit gekrümmtem Rücken stützte er sich auf den Tisch; sein Gesicht sprach von zwei Konferenzen direkt hintereinander, einer Atlantiküberquerung und, wegen frühmorgendlichen Kundenmeetings, viel zu kurzen Nächten. Schließlich schüttelte er unsere Hände, bedankte sich für unsere Arbeit und verabschiedete sich.

Es blieben also Fen, Elvira und ich und wird machten uns auf die Suche nach einem Restaurant. Ein in Russland geborener und in Amerika zur Schule gegangener Russe – Maksim – schloss sich uns an. Nahe des Hotels sahen wir ein chinesisches Restaurant welches wir probieren wollten; gleichzeitig schwärmte Maksim von einem anderen Restaurant, wo er bereits zwei Mal gegessen hatte. Fen liebt es, zu essen – so kam es, dass wir zwei Mal in zwei verschiedenen Restaurants zu Abend aßen.

Der Chinese hatte sich in einem Gebäude, eingeklemmt zwischen einer Durchfahrtsstraße und dem einem Wasserbecken, auf dessen anderer Seite der City Airport lag, eingenistet. Hier war garantiert mit keiner Laufkundschaft zu rechnen. Faheem und ich hatten bereits am Dienstag ins Auge gefasste, dort zu Abend essen, hatten aber den Eingang nicht gefunden. Am Freitag aber stießen wir etwas weiter ins Niemandsland vor und erklommen schließlich die Treppen zum Restaurant. Erstaunlicherweise war dieses sehr gemütlich und fast voll. Eine große Fensterwand auf der einen Seite gewährte einen Blick auf startende und landende und lärmende Flugzeuge. Fen spricht, obwohl in New Jersey aufgewachsen, Chinesisch, wenn nach eigenen Angaben auch nicht sehr gut – genügend aber, um eine hervorragend Selektion chinesischer Gerichte zu bestellen, abseits der üblichen Schüsselchen mit süß-saurem Pouletreis. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir der Schweinemagen – pork belly, von dem wir, bevor wir uns auf den Weg ins zweite Restaurant machten, noch einen zweiten Teller bestellten – to nibble on, wie Fen vorschlug.

Das zweite Restaurant lag etwa eine Meile weiter westlich. Wir gingen dem Wasserbecken entlang, von dem ich zuerst glaubte, es handle sich um die Themse. Das Wasser floss aber nicht, wie wir bald feststellen, und ein Blick auf Google Maps förderte zutage, dass es sich natürlich nicht um den Fluss, sondern um ein aus diesem gespeisten Wasserbecken handelte. Das hatte seinen Sinn – schließlich befanden wir uns in den Docklands. Dem Wasser entlang stehen noch die alten aber renovierten Ladekräne, aber natürlich nur noch zur Dekoration. Ansonsten liegen auf beiden Seiten des Wasserbeckens Hotels, Bürogebäude, die Konferenzhallen, in denen wir gearbeitet hatte und neue Wohnblöcke. Wo noch Platz ist, wird gebaut.

Im zweiten Restaurant (hieß es Top One?) wurde weiter gegessen. Wir bestellten Tuna Tartar, Steaks, und Monkfish. Bedient wurde wir von einem schlaksigen und erstaunlich inkompetentem jungen Litauer welcher in einem merkwürdigen Ostlondoner Akzent sprach. Wir verstanden uns aber sehr gut mit ihm – außer Maksim, der seine nette, hübsche Kellner von den Vortagen vermisste. Der Litauer erfasste, trotz fehlender Kellnerkenntissen, den Vibe unseres Tisches schnell und beschrieb die Suppe, welche Fen am Schluss noch bestellte als “I don’t know what it is, but it’s weird”. Unrecht hatte er nicht: die Suppe wurde in einer Flasche serviert, die man selbst in den Teller zu leeren hatte.

Ein Amerikanerin mit Chinesischen Wurzeln (sie lebt in einer Loft in West Oakland), ein Russe ohne festen Wohnsitz mit amerikanischem Akzent (er hatte seine Wohnung in Odessa vor kurzem aufgegeben und zieht nun als Nomade durch die Welt), eine in London wohnhafte Mazedonierin und ich, ein Swiss-German, der nicht nicht sehr Swiss-German ist (some Swiss-Germans are really, well, Swiss-German, meinte Maksim, der mit der Schweiz Erfahrung hatte: er erzählte von einem Bad im Walensee … ): Wir waren ein merkwürdige Gruppe und haben den ganzen Abend lang viel gelacht. Ich war schon eine Weile auf keiner Konferenz mehr, auf der ich soviel Spass hatte.

Wieder denke ich an die globale Mittelklasse, einem Stamm, über den ich bereits an früherer Stelle geschrieben habe. Rasse, Herkunftsland oder Religion spielen keine Rolle – was zählt ist die gemeinsame Sprache (Englisch) und die geteilte Erfahrung in der globalen Gesellschaft, welche die Erfahrung des eigenen kulturellen Hintergrundes wie ein Mantel umhüllt. An den unterschiedlichsten Orten aufgewachsen, versteht man sich sofort. Man hat nicht die geringste Mühe, gemeinsame Bilder und Referenzen zu finden – viele davon würde der nur sich lokal definierende Nachbar nicht verstehen.