Gossau, 27. Mai 2016

Gestern machte sich in mir ein Gefühl der Nostalgie bemerkbar: Ich steckte mitten drin in meiner Vergangenheit: im Dorf meiner Kindheit und Jugend und spürte dass diese – die Vergangenheit – für immer zurückliegt, auch wenn der physische Raum, in dem sie sich abspielte noch immer existiert und noch lang existieren wird. Wir Menschen sind nichts als vergängliche Gestalten in einer zwar ebenfalls vergänglichen, aber doch aus unserer Sicht beständigen Welt. Wir die Lebewesen und die Welt als Raum gehen in ganz unterschiedlichem Tempo durch die Zeit.

*

Lektüre: The Fall of Rome and the End of Civilization

Eigentlich habe ich dieses Buch erstanden, weil ich das Gefühl habe, dass die Welt vor großen Umbrüchen steht – vor allem die westliche Zivilisation. Mit großem Interesse verfolge ich die Vorreiter einer immer schneller vor sich gehenden technischen Revolution: Peter Diamandis, Elon Musk, etc., aber die sich auftürmenden Problem beginnen Schatten zu werfen – oder zumindest hört und liest man vom Schatten.

Ich schaue in die Vergangenheit: Wie enden große Zivilisationen? Ganz erfüllt das Buch des Oxford-Professors Bryan Ward-Perkins meine Erwartungen nicht und trotzdem lerne ich viel. Eigentlich wollte ich erst einmal eine Übersicht über den Fall Roms studieren, Ward-Perkins aber lieft einen Beitrag zur vor sich gehenden akademischen Debate, ob Rom wirklich “gefallen” sei, oder ob, was seit einigen Jahren in der Akademie die vorherrschende Meinung zu sein scheint, im Zuge der Völkerwanderung im Gebiet des römischen Reiches eine an und für sich friedliche Transformation vor sich gegangen sei, im Laufe welcher das antike Weströmische Reich sich schrittweise aufgelöst habe.

Ward-Perkins widerspricht dieser Sichtweise. Er liefert Hinweise auf die Schrecken, welche im Laufe des Einfalls der Goten und Vandalen und anderen Völkern die Bevölkerung des sich auflösendenWeströmischen Reich geplagt haben (the horrors of war); er zeigt auch, dass die florierende und komplexe Wirtschaft Roms zusammenbrach (the end of comfort).

Es ist interessant ein recht akademisches Buch zum Römischen Reich zu lesen, da es aufzeigt, wie wenig Wissen eigentlich gesichert ist, und dass es sich bei Vielem, was in populärwissenschaftlichen Büchern als verlässliches Wissen über die Vergangenheit präsentiert wird ( – eine solche Präsentation leuchtet durchaus ein: the story of history, Geschichte als Geschichte) eigentlich nur um mehr oder weniger umstrittene Thesen handelt. Wenn wir uns vor Augen führen, wie unterschiedlich selbst das Zeitgeschehen analysiert wird (als Beispiel vergleiche man die Sicht des Westen von Chomsky mit der von (Niall) Ferguson), kann man sich vorstellen, wie weit die Meinungen über weit zurückliegendes auseinander gehen können.

Mein bisherige Erkenntnis aus dem Buch:

Rom war wegen seiner Größe immer in Gefahr. Die römische Armee war zwar jahrhundertelang allen Feinden überlegen, konnte aber zu Lande auch auf dem Höhpunkt ihrer Macht besiegt werden, wenn entsprechende Umstände dem eigentlich unterlegenen Feinde hold waren.

Es ist umstritten ob Rom, vor allem die römische Wirtschaft und politische Stabilität, bereits vor dem Einfall der Barbaren am Zerfallen war, oder ob der Zerfall eine Folge der kriegerischen Migrationen war. Fast scheint es so, als ob der Fall des Reiches auf einige verlorene Schlachten und die entsprechenden Konsequenzen zurückzuführen war – seinen Anfang also eher zufällig nahm. Dasselbe hätte auch in Ostrom geschehen können (allerdings war Rom zu Wasser immer überlegen, was die Steuerbasis Ostroms in Kleinasien (der heutigen Türkei) und in der Levante und Ägypten sicherte – im Gegensatz zu Westrom, wo die anfangs (bis die Vandalen die Straße von Gibraltar zu überqueren vermochten) gesicherte Steuerbasis viel kleiner war).

Noch ein interessantes Faktum: die Basken – sie widerstanden dem Einfall der Barbaren am längsten. Wo also innerhalb des römischen Reiches noch stammartige Völker wohnten, welche das Kriegern nicht verlernt hatten, hielt man dem Einfall von Außen am längsten stand. Jahrhunderte später widerstanden die Basken auch den muslimischen Armeen. Wen wundert’s, dass dieses Volk sich nie 100% spanisch gefühlt hatte?

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