Oposición

Ich habe mit Diego auf ein Bier abgemacht. Obwohl er nur zehn Minuten entfernt wohnt, haben wir uns schon wochenlang nicht mehr gesehen. Er bereitet sich zur Zeit auf eine “oposición” vor – auf eine staatliche Auswahlprüfung für zukünftige Beamte.

In der Schweiz existiert ein ähnliches Verfahren für Diplomaten, der”Concours”, aber in Spanien wird vom Polizisten bis zum obersten Ministerialsekretär jede staatliche Stelle so besetzt.

Die Kandidaten bereiten sich jahrelang auf solche Examen vor. Ein Bekannter hatte zwei Jahre lang jeden Tag mehrere Stunden lang in der Bibliothek gebüffelt – um Feuerwehrmann zu werden.

Eine oposición zu bestehen, heißt, das Recht auf eine plaza (einen “Platz”) zu erwerben. Dieser “Platz” ist eine Arbeitsstelle, die man dann das ganze Leben lang inne haben wird. Man kann sich entweder darauf ausruhen (gefeuert wird man nur unter extremen Umständen; nicht zur Arbeit zu erscheinen gehört nicht immer dazu) oder sich auf weitere, kleinere Examen vorbereiten, um die Karriereleiter hochzuklettern

In einem Land, in welchem die Vetternwirtschaft mit viel Passion gelebt wird , macht ein solches System Sinn: Oppositionen sollen fair sein; man hört auch im sonst allem Staatlichen gegenüber zynischen Spanien nie jemanden das Gegenteil behaupten. (Natürlich gibt es daneben immer noch Platz für die Vetternwirtschaft; so besteht die Unsitte, bei staatlichen Organen temporär angestellte Personen per Dekret in den Beamtenrang zu erheben. Dies geschieht üblicherweise kurz vor der Abwahl einer Regierung. Die neugewählte Regierungspartei hebt dann diese Verbeamtungen wieder auf, was zu Rechtsstreiten, Demonstrationen und Streiks führt.)

Trotz dem Fairness-Faktor hat das System aber auch seine Nachteile. So werden die meisten Prüfungen im Multiple-Choice-Verfahren durchgeführt, und zwar nach veralteten Prinzipien. Diego hat mir eine Frage vom Vorjahr gezeigt, welche in etwa so lautete: Wann wurde Gesetz xy verabschiedet? a) am 4. April 1978,  b) am 8. Mai 1978, etc.

Ein zweiter Nachteil des System ist, dass fast jeder Politiker “opositor” gewesen ist. Das heißt, dass Spanien von Männern und Frauen geführt wird, welche sich nach dem Universitätsabschluss zwei oder drei Jahre lang auf eine Multiple-Choice-Prüfung vorbereitet haben. Die meisten Spanier haben vor einer solchen Leistung allerdings viel Hochachtung; eine opsición zu bestehen gilt als hoher Fähigkeitsausweis. Firmengründer hingegen werden eher als Kapitalistenschweine gesehen. – Natürlich übertreibe ich: Es gibt es auch hier viele Menschen, die nicht mehr so denken, z.B. dieser Wirtschaftsprofessor, welcher dieses hervorragende Buch geschrieben hat.

Trotzdem ist aber eine plaza nach wie vor der Traum (fast) jeden Spaniers.

Für Diegos Prüfung – es geht um eine juristischen Position beim Gericht – bewerben sich allein in Madrid 20’000 Hoffnungsvolle für 194 Stellen.

Es bleibt die Frage, was die 19’806 mit dem Gelernten anstellen werden, wenn ihr Traum vom Beamtenleben platzt.

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