Gespräch beim Perser

C. ist am Samstag in einem Reflexologie-Kurs. Der Kleine und ich verbringen den Tag in Madrid. Der Himmel ist blau, die Luft ist kühl, aber die Sonne wärmt. Nach einem Besuch in der Casa de Campo und einer Stunde auf dem Spielplatz bei der Oper gehen wir in ein kleines Restaurant hinter der Plaza de España, wo es ein hervorragendes menu del día für zehn Euro gibt. Wir sind aber nicht die Einzigen, die davon wissen. Obwohl wir schon fast zu den Stammkunden gehören, gibt’s keinen Tisch mehr für uns. Wir spazieren hinüber nach Conde Duque und landen schließlich in bei einem Perser mit vielversprechenden Reviews auf Tripadvisor.

Das Essen ist wirklich sehr gut, wenn mit vierzig Euro auch etwas teuer. Die iranische Familie welche das Restaurant führt, ist sehr nett. Sie stören sich nicht daran, dass der Kleine die meiste Zeit auf den Teppichen herum rollt. Zwischendurch aber kommt er immer wieder an den Tisch, da ihm das Essen ebenfalls schmeckt: Süßes mit Zwetschgen gebackenes Poulet, ein Reis mit Trockenfrüchten, und Mirza-Ghasemi, ein Aubergine-Tomaten-Knoblauch und Eiergericht, welches mit Fladenbrot gegessen wird.

Während des Essens unterhalte ich mich dem Gast am Nebentisch; ein in Minneapolis wohnender Kanadier mit Wurzeln im Iran. Ein Ingenieur für Hörgeräte, welcher auf der ganzen Welt Mitarbeiterschulungen durchführt.

Ich verstehe mich sofort mit ihm. Kein Interpretieren, kein Abwägen, was er wohl meint, oder wie ich meinen Standpunkt verständlich machen soll, ist notwendig. Trotz allen Unterschieden in unserer geographischen Herkunft und Biographie, kommen wir beide aus ein und demselben Land: der Nation der global citizens, der neuen Klasse globalisierter, digital vernetzter Bürger, welche trotz unterschiedlicher Wurzeln die Welt recht ähnlich erfahren.

Sowohl im sehr spanischen Madrider Quartier in dem ich wohne, als auch im Schweizer Dorf aus dem ich stamme, würde ich mich bei vielen Menschen kaum verständlich machen, würde ich mein Sprechen nicht an ihre kulturellen und soziologischen Hintergründe anpassen (was mir natürlich problemlos gelingt, da ich sie und ihre Welt sehr gut kenne, aus ihr komme oder in ihr wohne). Mit dem im Iran geborenen und in den USA lebenden Kanadier aber, von dessen Geschäft, dessen Muttersprache, oder dessen Kindheit (aufgewachsen in Masshad, der zweitgrößten Stadt Irans) ich kaum etwas weiß, verstehe ich mich sofort und ohne mein Sprechen seinen Lebensumständen anpassen zu müssen.

Natürlich beginnt unser Gespräch auf der sicheren Plattform unseres gemeinsamen Referenzpunkts: dem Leben in der postmodernen, internationalen Mittelklasse. Dabei halten wir uns in diesem ersten (und letzten) Gespräch unbewusst auch an gewisse Kommunikationsregeln. Ich lasse ihm zum Beispiel die Wahl, ob er mir etwas über das Leben von Iranern in einem zunehmend islamskeptischen Amerika erzählen will (er tut es nicht; es ist aber klar, dass er die USA hundert Mal mehr wertschätzt, als den Iran, zu dem er aber gleichzeitig auch in tiefer Liebe verbunden ist).

Als zweites fällt mir auf, dass er als erfolgreicher US-Einwanderer keine Hemmungen davor hat, sein Gastland in Tönen zu loben, deren sich ein gebildeter, weißer Amerikaner schämen würde: In Amerika ist nur arm, wer arm sein will etc. Aus dem Mund meines Gesprächspartners hört sich diese alte Leider aber nicht gehässig an; sie basiert auf einer (seiner) ehrlichen Erfahrung seines Gastlandes.

Ich hätte ihn gerne gefragt, wenn er nächstes Jahr gerne im White House sehen würde, entscheide mich dann aber doch dagegen, nach nur dreißig Minuten das amerikanische Tabuthema Politik so direkt auf den Tisch zu bringen. Ich kann mir kaum vorstellen, dass er den guten Bernie unterstützt. Status-Quo Hillary, oder vielleicht (und trotz dessen Muslim-Kommentaren) sogar Donald.

Zum Schluss beeindruckt mich, wie der Mann (dessen Namen ich nicht erfahren habe) nach dem Essen seinen Tee trinkt. Er hat es dabei nicht eilig, lässt Minuten zwischen Schluck und Schluck vergehen und erklärt mir dabei das iranische Kunsthandwerk an den Wänden. Erst jetzt sehe ich zum ersten Mal den Perser, der die ersten fünfunddreißig Jahres seines Lebens im Iran verbracht hat, unter dem internationalen global citizen durchschimmern.

Als er sich nach herzlicher Verabschiedung auf den Weg macht, bestelle ich mir entgegen meiner Gewohnheit auch einen Tee und fühle mich, wie eine Figur in einem Kader-Abdohlah-Roman.

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