Albtraum

Ein Traum letzte Woche. Eine kurze Szene, die ich noch nicht vergessen habe, was bei Träumen eigentlich nie vorkommt: Ich war mit meinem Bub irgendwo in einer Traumlandschaft. Wir wohnten in einem Zelt, rundherum standen noch andere Zelte. Plötzlich sehen wir Kometen am Himmel. Zuerst freue ich mich, dann kommen sie uns näher, verglühen in der Atmosphäre und fallen in einiger Entfernung auf die Erde. Dann wird es unheimlich: Die nächsten Kometen tauchen auf, ein ganzer Kometenzug. Sie fliegen tief. Wie Bomben fallen sie auf uns. Ich erwache. Sofort denke ich an Syrien und Flüchtlinge.

Scharfsinn und Sinn

Das muss erreicht werden. Das detaillierte Wissen ist eher abträglich, zerstörend sogar. Scharfsinnige Gehirne haben eine Trasse gelegt, die den Geist bindet, ihn auf das ökonomische und technische Gerüst ablenkt und das Wissen schädigt, das höhere Absichten verfolgt. Ein Maler, ein Dichter, ein über den Wissensstoff erhabener Denker muss zugleich mehr und weniger, er muss mit anderen Augen sehen.

Ein Maler etwa, der eine Idee des Sumpfes geben möchte, muss das Detail vermeiden oder, wenn er es bringt, in seinem Sinn erfassen; das Geheimnis muss geahnt werden. Es gibt hier kleine und auch gewaltige Sackgassen. Friedrich Georg: “Je mehr der Scharfsinn wächst, desto mehr schwindet der Sinn.”

Notiert von Ernst Jünger, an Bord der “Hamburg”, vor der Küste Malaysias am 19. Juli 1965. (Veröffentlicht in “Siebzig Verweht I”, Jüngers Tagebuch, das er zu führen begann, als die Zeiten wieder gefährlich wurden. Dieses Mal nicht wegen Teilnahme an einem Weltkrieg, sondern wegen fortgeschrittenen Alters. Er sollte noch noch drei Jahrzehnte lang Tagebuch führen …)

Besuch in der Filmoteca

Die Filmoteca Española ist seit dem Jahre 2002 einer meiner Lieblingsorte auf dem Planeten. Leider habe ich, seit ein kleiner Bub bei uns wohnt, keine Zeit für regelmäßige Besuche mehr. Gestern aber habe ich es wieder einmal geschafft (zwecks Feldforschung für “Metropolis M50”):

Betritt man das Ciné Doré, gelangt  man zuerst in die Cafeteria. Sie besteht aus einem großen Raum, in dessen Mitte neun kleine, rechteckige Tischchen mit Marmorplatten und je zwei Stühlen stehen. Im ersten Stock zieht sich eine mit alten Filmplakaten bestückte Galerie rund um die Cafeteria. Darüber liegt ein auf allen vier Seiten abgeschrägtes Glasdach. Die Wände der Cafeteria sind im unteren Teil blau gekachelt. Überhaupt herrscht in den Räumen der Filmoteca die Farbe blau vor.

Am einen Ende des Raums liegt die Selbstbedienungstheke. Dort arbeitete gestern eine vielleicht fünfzig Jahre alte Dame mit blond gefärbten Haaren und einer Coiffeur-Frisur.  Wie es sich für eine Kellnerin aus Madrid gehört, war sie nicht um Freundlichkeit bemüht. Ich stelle mir vor, dass sie kein Englisch spricht; sicher schämt sie sich aber nicht dafür, sondern antwortet einem sprachunkundigen Ausländer, indem sie leicht genervt etwas lauter und schneller Spanisch spricht. Netterweise stellte sie mir zum Bier eine Tapa mit frittierter Speckschwarte dazu. – Neben der Theke geht die Treppe hinunter zu einem im Keller liegenden Kinosaal und den kurios-verwinkelten Toiletten.

Der Theke gegenüber liegt eine kleine Filmbuchhandlung; von der Cafeteria aus hat man durch zwei Fenster Blick auf die Büchergestelle. Neben diesen Fenstern ist auf zwei alten, in die Wand versenkten Fernsehkästen, das Kinoprogramm für heute und die nächsten Tage zu sehen.

Der vordere Teil des Raums, dort wo man die Cafeteria betritt, besteht aus einer großen aber blinden Fensterwand. Nur ein kleiner Streifen am Rande der Scheiben bleibt durchsichtig; wenn ein gefragter Film läuft, sieht man in diesem Streifen die Kinobesucher draußen vor dem Kassenfenster Schlange stehen. Unter den Fenstern stehen drei runde Tische, größer als die viereckigen Tische in der Mitte des Raums, mit je vier Stühlen. Drei ältere Herren diskutieren dort die Rolle des Romans in der Gesellschaft (und ähnliches).

Aus der Mitte des hinteren Teils der Cafeteria erhebt sich eine Treppe deren Setzstufen ebenfalls blau gekachelt sind.  Die Treppe führt auf eine Wand zu, wo ein Filmplakat aus vergangenen Zeiten hängt („Noche de Alborada“). Dort teilt sich die Treppe nach links und rechts. Beide führen hoch in die Galerie und zu den Balkonen. Von meinem Platz an einem der kleinen Tische aus, sehe ich, die folgenden, alten, gemalten und gerahmten Filmplakate: „Vividiana“, „The White Parade“, „Don Quijote de la Mancha“.

Hinten, rechts neben der Treppe, betritt man den großen Hauptkinosaal.

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Ich sitze im Film „The Devil is a Woman“ (1935) von Josef von Sternberg. Es ist 1920 Uhr, in zehn Minuten beginnt der Film. Der Vorhang vor der großen Leinwand ist noch zu. Über der Leinwand ein aus Holz gearbeitetes und mit Blumen bemaltes Ornament mit Blaustich. In der Mitte die Worte: „Cine Dore“. Rechts und links des Ornaments zwei große gerahmte Bilder, vermutlich auf Holz gemalt, natürlich sind auch sie bläulich. Auf dem rechten Bild eine Szene aus Kairo. Im Vordergrund eine Moschee mit Obelisk-artigem Minarett. Im Hintergrund die großen Pyramiden. Das Bild scheint eine Szene aus den Dreißiger Jahren zu sein, als eine Moschee für westliche Augen noch nach exotischen Abenteuern aussah. Auf dem Bild links ein Schiff, das in einer amerikanischen Stadt (vermutlich in New York; ist nicht das Empire State zu sehen?) vor Anker liegt. Es erinnert ebenfalls an eine vergangene Zeit.

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Der Vorhang öffnet sich aber unter dem ersten liegt noch ein zweiter Vorhang, der nicht ganz geöffnet ist, so dass die Leinwand nicht in ihrer ganzen Breite zu sehen ist, sondern nur im Format eines Films aus den Vorkriegsjahren, das mehr an das alte Fernsehformat erinnert.

„The Devil is a Woman“ ist die Geschichte zweier Männer, die von einer Frau an der Nase herumführt werden. Dem einen von ihnen saugt sie das Geld aus der Tasche und die Seele aus dem Körper, den anderen macht sie fast zum Mörder. Wie der Titel besagt, handelt es sich bei der Frau nicht wirklich um eine Frau, sondern um einen Dämonen – um die Versuchung selbst. Sie verkörpert die sexuelle Lust (die im Film natürlich nie offen gezeigt wird), welche stärker ist als der Verstand und der Wille. Die beiden Männer kreisen um diese schöne Dämonin wie Planeten um die Sonne; wenn sie sich ihr zu sehr annähern verbrennen sie; wenn sie sich von ihr entfernen erfrieren sie und treiben verloren durch das Universum dem Tod entgegen.

Aus heutiger Sicht wirkt der Film unrealistisch: Die Dietrich ist zwar eine schöne Frau, aber man empfindet ihre Kraft kaum mehr als dämonisch. Trotzdem ist es ein leichtes, sich im Film treiben zu lassen; der Bilder und der Stimmung wegen verzichtet man gerne auf Realismus und Glaubhaftigkeit. Interessant auch, dass der Film in Spanien spielt (obwohl die Schauspieler keine Spanier sind und Englisch gesprochen wird). Spanien wird als eine traumhafte Halb- oder Unterwelt dargestellt – genauso wie es mir oft vorkommt.

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Ich verlasse das Kino. Die Dämmerung hat erst gerade begonnen, man nimmt sie noch kaum war, einzig ein dünner, fast weißer Schleier liegt über der Plaza Antón Martín. Ein alter Mann spielt vor einer Apotheke Saxofon. Ich bleibe nicht stehen, da ich den Bub ins Bett bringen muss. Carolina hat bestimmt den ganzen Spätnachmittag und Abend mit ihm gespielt und wartet auf Ablösung. In den Gängen der Metro spielt eine ungefähr vierzigjährige Frau Gitarre und singt sehr laut und mit viel Leidenschaft und mit spanischem Akzent „I want to break free“. Sogar unten auf dem Bahnsteig höre ich sie noch. „I’m falling in love …“, singt sie, als ich in die hellblaue Linie einsteige.

Ruhe durch Routine

Ernst Jünger in einem Brief an Martin Heidegger:

Könnte ich mein Temperament dadurch ändern, dass ich mich in meine Kammer einschlösse? “Auch dort sind Götter” – ich ich wäre sogleich versucht, eine Reise “autour de ma chambre” zu beginnen, wie jener französische Vorgänger. Besser ists also, die geistige Ruhe zu gewinnen und in ihr zu verharren, während der Raum sich bewegt. So versuchte ich es zu halten und arbeite hier an Bord am gleichen Pensum weiter wie in Wilflingen.

Ruhe auch in der Bewegung findet Jünger durch das Einhalten eines Pensums, also durch Routine. Hier die Bewegung einer Schiffsreise (er schreibt dies auf dem Roten Meer), aber es könnten auch bewegte Zeiten sein (im Zeitgeschehen), oder ein bewegter Lebensabschnitt (persönlich).