22.03.2016

Morgens um halb sieben im Gym. Es läuft noch keine Musik. Man hört die Staubsauger der Putzequipe (eins meiner Lieblingsgeräusche überhaupt – eine Kindheitserinnerung), das typische Schlagen von Eisen auf Eisen, das Summen der Laufbänder; ab und zu ein paar leise geführte Unterhaltungen. Heute Morgen wähne ich mich plötzlich in einem Affenhaus. Zwei Homo Sapiens brüllen um die Wette. Sie fallen verbal über einen Dritten, einen Dicken mit Grease-Haaren, her, tun, als spornen sie ihn an, machen sich in aber offensichtlich über ihn lustig. Ich gehe um die Ecke, um zu schauen was los. Natürlich ist die junge Frau wieder hier, die am Morgen im Gym immer für ein lauteres Sprechen und ein paar Kilo mehr auf den Hanteln sorgt. Heute aber hat sie die Evolution um zehntausende von Jahren zurückgedreht. Einen Moment lang sah ich wirklich Schimpansen um sie herumtanzen. Darwin hätte seine helle Freude an der Szene gehabt.

*

Wieder zuhause. Noch bevor ich mit dem Schreiben beginne, sehe ich die Nachrichten aus Brüssel. Neun Tote. Dann stelle ich das Internet für drei Stunden ab um in aller Ruhe zu arbeiten. Als ich es wieder online, sind’s bereits dreiundzwanzig Tote. Leider keine Überraschung.

Auf Facebook erwähnt ein Freund die Islamphobie, das „Projekt Groß-Israel“. Ich klicke auf unfollow (nicht unfriend). Habe keine Geduld mehr für solches Gerede. Dave Rubin tweeted: „Once again, if you blame anyone other than the barbarians who comittited these acts in #Brussels you are part of the problem.” Dem kann ich mich nur anschließen.

Die Dschihadisten selbst nehme ich nicht weiter ernst, der Dschihadismus aber ist Symptom einer Krankheit, welche unsere (die westliche) Welt befallen hat, genauso der wie der totalitäre Rechtspopulismus (Polen, Ungarn, Trump) oder der apologetische  Linkspopulimus.

Noch bin ich mir nicht sicher, was genau die Krankheit ist, obwohl jedermann eine Erklärung zu haben scheint: Von rechts: der Islam ist halt so und so; aus der Mitte: man muss dafür sorgen, dass diese jungen Männer integriert werden; von links: der imperialistisch-kapitalitische Westen und Israel (natürlich Israel!) haben etc. … Sie alle haben in einem limitierten Sinne recht, doch glauben sie alle ein Problem rational erklären zu können, dessen tiefere Ursache noch niemand versteht.

2 thoughts on “22.03.2016

  1. Naja, die tiefere Ursache scheint so kompliziert nicht zu sein. Die Krankheit heisst wohl Inhalts- und Sinnesleere eines Daseins ohne Zweck und Ziel. Wer es schafft diese Leere zu füllen, indem er eine Bestimmung glaubhaft vermitteln kann, der schafft ein “Wir”, dessen Regeln alleingültig sind.

    Das funktionierte im Radikalen mit der NSDAP, den frühen Stalinisten und heute mit den Dschihadisten, wie auch im Kleinen mit den populisten Bewegungen. Auch die Anhänger populistischer Parteien verstehen sich als “Wir” und mehr als Bewegung in Abgrenzung zu den anderen, denn als politische Partei. Auch für sie steht der Zweck der eigenen Mission über jeglichen wir-fremden Normen. Die Mechanismen sind immer dieselben und beruhen auf Zusammengehörigkeit und gemeinsamem Ziel.

    Dagegen gibt es zwei Heilmittel:
    1. Das Schaffen von Inhalt und Sinn dank eines positiven “Wir”. Leider haben dies die grossen Religionen und Ideologien verbockt. Das Leben in einer erfahrbaren, solidarischen Gemeinschaft wäre keine Utopie. Was Grasshoff in “The Wave” gezeigt hat, hätte grundsätzlich auch gut enden können.
    2. Das Schaffen von Inhalt und Sinn dank Kontemplation. Zen-Buddhisten sprengen nur sehr wenige Flughäfen in die Luft.

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  2. Ich bin durchaus einverstanden damit, dass die wuchernde Sinnesleere im Leben vieler Menschen ein Teil des Problems ist, allerdings scheint mir dies kein Phänomen unseres Zeit zu sein – gehörte die Sinnesleere nicht vom Anfang an zum Menschsein? Schon Kain muss den Zweck seines Daseins in Frage gestellt haben, nachdem Gott seine Opfergabe geschmäht hatte. Als erster Terrorist erschlug er in der Folge seinen erfolgreicheren Bruder.

    Zugegebenermaßen gab es früher den Staat, die Religion und vielleicht noch den Berufsstand, welche für viele Menschen, das bisschen Sinnsuche, das sie in sich hatten, befriedigt hat.

    Heute sind diese alten sinnstiftenden “Dächer” verschwunden und außerdem hat man dank Freizeit und Sozialstaat Zeit, die Sinnesfrage zu stellen.

    Ist es aber nicht so, dass man heute mehr Möglichkeiten hat, nach Sinn zu suchen, als je vorher in der Menschheitsgeschichte? Zumindest hat man Zugang zu tausenden sinnstiftenden Gedankensystem. Du erwähnst zum Beispiel den Zen-Buddhismus. Ich könnte heute, ohne meine Wohnung zu verlassen, damit beginnen, diese Religion zu studieren, und zwar eingehend, instruiert von den besten Meistern (Youtube, Amazon, Kindle, etc.) Noch als ich ein Teenager war, musste ich für sein solches Unterfangen in die Stadt fahren und in der Buchhandlung unter den tadelnden Augen der Angestellten zwei Stunden lang im einzigen dazu erhältlichen Buch lesen.

    Die Kehrseite dieses Angebots ist natürlich, dass unter den unzähligen Sinnangeboten nicht nur Sinniges, sondern auch soviel Unsinniges zu finden ist, so dass Einige gezwungenermaßen beim Unsinnigen und beim Verrückten landen.

    Die von dir vorgeschlagenen Heilmittel sind meiner Meinung nach keine Heilmittel, weil es heute keine übergreifenden Sinnangebote mehr geben kann. Der Zen-Buddhismus wird immer eins von tausend von Angeboten sein, ebenso das Wir-Gefühl des Humanismus oder der Esoterik. So aber sind sie nur ein Tellerchen auf einem großen Büfett.

    Ist die Frage heute nicht immer viel mehr, wie man eine friedliche Gesellschaft schaffen kann, obwohl es für deren Mitglieder immer weniger einen einzigen, gemeinsamen Sinn geben kann?

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