Stefan Zweig: “Die Welt von Gestern”

Zweig wurde 1881 in Wien geboren. Er wuchs in der Welt von Gestern auf. Im Schoss einer wohlhabenden, jüdischen Familie, in den letzten Jahren der vermeintlich ewigen Habsburger Monarchie.

Alles hatte damals seinen Platz: die Menschen und die Klassen wussten, was sich gehörte und wohin sie gehörten. Der Staat wurde vom Adel und den alten Familien geführt, das Bürgertum hatte Geld, lebte nach strickten Regeln, aber frei im Geist: Theater und Literatur gehörten zum guten Ton. Und sogar für die Arbeiterklasse lagen die dunkelsten Jahre der industriellen Revolution in der Vergangenheit. Es war eine stabile Zeit: Die Eltern Zweigs, wie die Generationen davor, wuchsen in derselben Welt auf, in welcher sie alt wurden.

Der Erste Weltkrieg zerstörte diese Welt von Gestern abrupt. Zweig, in dessen Geist und Leben es keine Grenzen gab (tatsächlich reiste er vor dem Großen Krieg ohne Pass nach Indien und in die USA!) fiel in ein tiefes Loch, aus dem er sich nach dem Krieg erst langsam wieder heraus schrieb. Dabei wurde er immer erfolgreicher: In den Zwischenkriegsjahren gehörte er, der Literat, zu den meist übersetzten Schriftsteller der Welt. Er war auf Lesetour in ganz Europa und den USA.

Doch wir wissen, dass ein zweites Gewitter am Horizont lauerte. Zweig nimmt den Mann, welcher in Berchtesgaden, in Sichtweite von Zweigs Salzburger Haus, seinen Urlaub verbringt, früher wahr, als die meisten seiner Zeitgenossen. Der Weltschriftsteller emigriert bereits nach London, als seine jüdischen Freunde in Wien noch Frack tragen und die Sache auszusitzen gedenken. Doch auch auf der Insel ist ihm die Katastrophe noch zu nahe; er beschließt, den Ozean zu überqueren. Aber wohin Zweig auch geht, der Mann aus Berchtesgaden lässt ihn nicht los: Sogar in einem Bahnwagen in der texanischen Wüste, muss er sich anhören, wie ein Mitpassagier im Radio Welle Deutschland die Lautstärke hochschraubte, als Hilter zu toben beginnt.

Zweig treibt es schließlich nach Brasilien. Dort schreibt er sein letztes Buch. Alles ist ihm genommen; von seinem Leben bleiben ihm nur noch die Erinnerungen. Was er uns beschreibt, ist aber nicht sein Leben oder sein Leid; ob er Kinder hatte erfahren wir nicht; dass er beabsichtigte zu heiraten, teilt er uns nur im Nebensatz einer politischen Anekdote mit. Zweig beschreibt die schockierenden Gegensätze seines Lebens: Einerseits die Kultur und die Kulturen die er gelebt und erlebt hat; die Musik, die Literatur, die Kunst; aber auch die Völker und die Städte die er geliebt hat; anderseits erkennt er, dass es unter der Oberfläche jeder Gesellschaft und politischen Ordnung stets brodelt. Poltische Stabilität kann höchsten temporär aufrecht erhalten werden. Echter menschlicher Fortschritt ist eine Illusion.

Am Ende des Buches bleibt nur noch die Verzweiflung. Noch vor der Veröffentlichung des Buches beginnt Zweig mit einundsechzig Jahren Selbstmord.

Stefan Zweig

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