Im AVE von Atocha bis zur M50

Notizen für meinen Roman “M50” (am Bahnhof Atocha und während der Stadtausfahrt):

Ich sitze in einem Café in der oberen Etage des AVE Terminals. Der Kaffee (descafeinado) hat 2.30 Euro gekostet (medio, es gäbe auch zwei andere Größen: classico und grande). Es ist kein sehr guter Kaffee.

Ständig wird über die Lautsprecheranlage auf Spanisch und Englisch über Züge die bereit zum Einsteigen sind informiert.

Ein älterer Herr trägt spitze Schuhe, solche von denen ich dachte, dass man sie nicht mehr trägt. Er setzt sich in einen Sessel neben mir. Ihn näher anschauend fällt mir auf, dass er vielleicht gar nicht viel älter ist als ich. Vielleicht noch nicht einmal fünfzig. Mein erster Eindruck war aber, einen älteren Herrn zu sehen.

Eine beängstigende Polizeipatroullie: drei Polizisten, sich nach allen Seiten umsehend, als suchen sie etwas, gehen am Café vorbei. Einer der Polizisten, der mit seinem buschigen Bart einem amerikanischen Fernsehpolizisten aus den 80er Jahren gleicht, hat ein Maschinengewehr umgehängt. Obwohl es um seinen Hals hängt, hält er es mit beiden Händen fest, hebt es ein wenig an und vom Körper weg. Es macht den Eindruck, als schieben sie nicht Dienst nach Vorschrift, sondern erwarten wirklich bald einem Terroristen zu begegnen.

Beschreibung des Terminals: Der Terminal ist ein langer Raum, der sich der gesamten Breite aller Geleise entlang zieht. Insgesamt gibt es zwölf oder dreizehn Geleise. Der Raum ist, verglichen mit seiner Länge, recht schmal. Vorne besteht er aus Glas, durch das man auf die Gleise herunter sieht. Über jedem Gleis hat es eine automatische Schiebtüre und einen kleinen Schalter, wo man vor dem Einsteigen die Fahrkarte (ausgedruckt, im klassischen Papierformat oder auf dem Handy) herzeigen muss.

In der Mitte des Raum stehen Pfeiler, an denen vier Bildschirme hängen, von allen Seiten her einsehbar. Um die Pfeiler herum sind Sessel angebracht. Es handelt sich um individuelle Sessel mit einem kleinen Abstand dazwischen aber einer geteilten Armlehne. Es gibt auch ein paar Tischchen. Hinten im Terminal sind die Cafes, Restaurants, Läden und Toiletten. Die meisten Reisenden sitzen mit ihren Koffern in den Sesseln; einige stehen in Trauben vor den Bildschirmen in Erwartung der Ankündigung ihres Zuges. Das wäre nicht nötig, den alle zum Einsteigen bereiten Züge werden aufgerufen.

Das Einsteigen geht zügig vor sich. Mein Zug wurde aufgerufen und fünf Minuten später sitze ich bereits in meinem Sessel. Ich fahre in der Klasse „Turist Plus“, im Erstklasswagen (allerdings kriegen wir Turist-Plüsler kein Frühstück. Ein starker Duft von Damenparfüm liegt in der Luft. Die Dame in der Sitzreihe vor mir trägt es. Sie hat „Hola“ und „Diez Minutos“ gekauft, zwei Heftchen mit Geschichten und Bildern über Prominente. Viele Homestorys. Sie ist dick und hat eine merkwürdige Frisur, nicht wie eine normale Señora (blonde Haare die immer aussehen, als käme sie gerade vom Friseur) sondern rechte kurze Haare, die sie braun gefärbt hat, mit Ausnahme der Fransen auf der linken Seite, die weiß sind.

Der Wagen (ich sitze im Wagen Nummer 3) ist – was auch sonst? – ein langer Schlauch. Auf der einen Seite des Korridors gibt es zwei Sitze, auf der anderen einen. In der Touristenklasse sind es vier Sitze pro Reihe mit geteilter Armstütze; hier aber habe ich meine eigenen hoch- und runterklappbare Armstütze und es gibt ein winziges Tischchen zwischen den Sitzen. Die Sitze sind aus Leder (oder Kunstleder). Es ist 0917. Noch immer gehen draußen vor dem Fenster Passagiere auf dem Weg zu ihren Wagen vorbei. Mein Wagen ist ungefähr zu einem Drittel voll. Der Platz neben mir ist noch leer.

Der Boden besteht aus einem Spannteppich. Insgesamt ist es mir in diesem Zug sehr wohl. Ich lebe wirklich in einer Luxuswelt, einer Luxuszeit.

Jetzt fährt der Zug aus. Zuerst sehe ich zu meiner Linken einen großen Parkplatz, dahinter die großen Blöcke, aus denen die Wohnquartiere Madrids bestehen. Einer nach dem Anderen. Auch auf der anderen Seite sehe ich eine Blocklandschaft. Noch rollt der Zug langsam dahin. Ein anderer Zug, ebenfalls ein AVE, überholt uns. Der Bildschirm bleibt noch schwarz. Die Geschwindigkeitsanzeige ist auf 51kmh, steigt stetig langsam an. Jetzt sind wir etwas erhöht, sehen über ein Stadtquartier (Vallecas?) hinweg. Am Horizont immer noch die Blocklandschaft. Nun gewinnen wir an Geschwindigkeit: 96kmh. In den Kurven neigen wir uns leicht. Immer noch fahren wir durch breite Gleissysteme. 115kmh. Eine große spanische Fahne vor einem Fuhrpark von Muldenwagen.

Nun unterqueren wir die M50.

Links die südlichen Vorstädte, rechts Hügel. Das Gleis frisst sich ins Gelände. Die Felder sind überwachsen mit niedrigen Büschen, durchzogen von Wegen. 212 kmh. Wir sind nun auf dem Land. Die Stadt liegt hinter uns. Weitere Vorstädte. Neue Blöcke. Exurbs, nicht mehr direkt mit der Metropolis verbunden. Am Horizont die schneebedeckten Berge der Sierra.

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