30.03.2016

Anstatt mich auf die Straße zu wagen, habe ich am frühen Morgen gelesen. “Brave New World” von Huxley.

Ich begann über Utopien und die bestmögliche Organisation der Gesellschaft nachzudenken. Ich glaube, dass wir in der westlichen Welt die optimale Gesellschaftsform beinahe erreicht haben. Auch mit wenig Geld ist das Leben in unseren Ländern utopisch, oder zumindest steht es jedem Bürger offen, ein solches anzustreben.

Es scheint aber zwei Hauptprobleme zu geben: Das erste ist psychologisch. Viele Menschen sind unfähig, im real existierenden Schlaraffenland ihr persönliches Glück zu finden. Zu essen ist praktisch gratis, also frisst man sich fett. Geld weht im Wind wie Blätter im Herbst, also läuft man ihm hinterher, ohne auf Anderes zu achten. Usw.

Das zweite Hauptproblem ist, dass das System langfristig seine Stabilität zu verlieren droht, was in erster Linie darin liegt, dass angesammeltes Kapitel (also vor allem multinationale Unternehmen) die freiheitlichen Grundregeln zu seinem Nutzen zu verändern beginnt (hauptsächlich, aber nicht ausschließlich, durch Lobbyarbeit) und so zum Einen dem System Geld entzieht (z.B. der militärisch-industrielle Komplex), anstatt solches beizusteuern (durch kreative Buchhaltung und Unternehmensstrukturen befreit das Kapital sich von der Steuerpflicht.) Zum Anderen bürdet das Kapitel dem System Kosten auf, welche es gemäß unseren Grundregeln selbst zu übernehmen hätte, entweder ganz direkt (bail-outs, too big to fail) oder über die Generationen hinweg (Umweltverschmutzung und -zerstörung).

Bei genauerem Hinsehen stellt sich auch das erste Hauptproblem, dass mit “gescheiterter Sinnsuche” umschrieben werden könnte, ebenfalls als Stabilitätsproblem heraus. Es verursacht im schlimmsten Fall Terrorismus und Kriminalität, was vor allem dank neuen Technologien die Stabilität des Systems erschüttern könnte (man stelle sich eine dirty nuke in den Händen nihilistischer Terroristen vor – früher oder später müssen wir damit rechnen). Außerdem – im Einzelfall weit weniger schlimm als der Terrorismus, dafür aber viel prävalenter und somit kumuliert die von Ersterem ausgehenden Gefahren um ein Weites übersteigend – existiert eine Armee von halbwegs Sinngescheiterten, welche das Großkapital durch sinnlosen Konsum stärken und somit das zweite Hauptproblem schüren.

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Ich denke auch über den Unterschied zwischen Tatsachen und Wahrheiten nach. Facts and truth. Sie sind nicht dasselbe. Weder das eine noch das andere ist absolut.

Facts sind nur solange wahr, bis sich die Beobachtungsmethoden ändern (verbessern). Sie ändern sich also im Laufe der Zeit.

Die Wahrheit ist diffus, oder zumindest nur diffus erfassbar (die Frage, ob eine absolute Wahrheit hinter den unterschiedlichen diffusen Wahrheiten existiert, scheint nicht beantwortbar). Verschiedene Wahrheiten, auch solche die sich widersprechen, können gleichzeitig nebeneinander existieren. (Im Gegensatz dazu können verschiedene Tatsachen nur zeitgetrennt nebeneinander existieren.)

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Bevor ich in der Bibliothek mit der Arbeit begann, las ich in Der Zeit einen Artikel über einen französischen Schriftsteller namens Emmanuel Carrère, der in Frankreich ein Literaturstar sein soll, von dem ich aber noch nie gehört hatte. Der Zeit-Journalist, der den Autoren in Paris besuchte, fiel vor diesem fast auf die Knie. Carrère soll Literatur, Reportage, Essay und Autobiographie meisterhaft miteinander verbinden. In seinem neusten Buch, auf Deutsch “Das Reich Gottes“, geht es in der Form von Biographien des Evangelisten Lukas und des Apostel Paulus um das Urchristentum und auch um die Suche des Autoren nach dem eigenen Glauben. Ich habe das Buch bereits bestellt und hoffe mit “Brave New World” fertig zu sein, bevor es eintrifft.

 

28.03.2016

Am Sonntag bestreite ich meinen ersten Halbmarathon und dank der Zeitumstellung laufe ich am Morgen wieder in der Dunkelheit.

In der Nacht hatte ich von Hunden geträumt. Ich weiß nicht mehr genau, was geschah, aber sie wollten mir nichts Gutes. Während meines Laufs am Morgen war ich dann wegen des Feiertages (Ostermontag) fast alleine unterwegs. Niemand strebte den monoton ratternden Metro-Rolltreppen entgegen, um unter dem Boden zu verschwinden; auch die Straßen waren leer. Dafür sah ich überall Hunde ohne Besitzer, oder Besitzer die im Hintergrund regungslos dastanden, als seien sie Bösewichte aus einem Film Noir. Es war eine merkwürdige Halbtraumwelt, die sich erst gegen Ende des Laufs in Normalität aufzulösen begann.

Semana Santa

Karfreitag:

Wir fahren in ein Dorf, in dem Freunde wohnen, nach Pedro Bernardo in der Sierra de Gredos. Die Ausfahrt aus Madrid ist kompliziert, man wechselt hundert Mal die Autobahn bis man endlich auf der CL-501 ist, welche direkt zur Südflanke der Sierra führt, der Grenze zwischen den Provinzen Toledo und Segovia entlang, am Anfang noch vierspurig, dann nur noch zweispurig mit Gegenverkehr. Wir durchqueren ein paar Dörfer wie z.B. Piedralaves, wo sich der Verkehr staut und sind in knapp zwei Stunden in Pedro Bernardo, welches am Berg liegt, etwa drei Kilometer über dem Tal.

Hier essen wir in der Finca des Glaskünstlers Javier Gomez zMittag. Fließendes Wasser, aber kein Strom.

El ronquillo: Wenn man sich von Berg zu Berg etwas zuruft, der eine Schafhirt dem anderen. Deshalb soll das Dorf so heißen: Einer namens Pedro soll oft per ronquillo mit einem anderen namens Bernardo kommuniziert haben.

Der Künstler hat uns diese Skulptur geschenkt. Sie gefällt mir, weil sie mich an Primaten und Außerirdische erinnert:

P.B. ist in den Hang hinein gebaut. Ein Straße liegt über der anderen. Betritt man das Haus von der oberen Straße im Erdgeschoss und steigt dann die Treppe in den Keller hinunter, ist man immer noch im Erdgeschoss, jetzt aber an der unteren Straße. Die Straßen sind durch Treppen und steile Gassen verbunden. Die Häuser sind dicht aneinander gebaut. In manche Gassen dringt kaum Sonnenlicht; sie sind mehr Tunnel als Straße. Wenn es am Berg über dem Dorf noch hell ist, herrscht in vielen Gassen bereits Nacht.

Samstag:

Am Samstagmorgen kurz nach acht sitze ich in einer Bar. Die Bar heißt El Tietar. Ich trinke meinen ersten Kaffee nach der Fastenzeit, meinen Osterkaffee. Ein schöner, dunkler Café con Leche aus dem Glas. In der Bar sitzen drei alte Männer und unterhalten sich in merkwürdigem Pueblo-Slang mit dem Wirt. Sie besprechen irgendetwas das “auf dem Berg” passiert ist. Wildschweine haben etwas gemacht, das sie nicht sollten. Vor der Bar stehen vier junge Männer, welche aussehen und sich verhalten, als hätten sie die Nacht lang durchgesoffen. Keine Teenager mehr, vielleicht schon in ihren Dreißigern. Sie grölen als ein Lieferwagen vorbeirast. Ich weiß nicht, ob sie im Dorf wohnen; wohl eher wohnen sie in Madrid, gehören aber zum Dorf, da ihre Eltern oder Großeltern von hier stammen.

Sonntag:

Wieder in Madrid. Mit J., P. und H. im Matadero. Ein Markt mit lokalen und Bioprodukten. Wie immer, wenn ich auf einem solchen Food Market bin, nimmt ein Dämon von mir Besitz, welcher sich noch in den frühen Jahren der menschlichen Evolution wähnt. Er zwingt mich dazu, die Chance zu essen, nicht ungenutzt vorbeiziehen zu lassen. Ich kaufe an jedem Stand etwas. Dazu kommt, dass P. Bier und Wermut kauft.

Dann gehen wir – wegen den beiden Kleinen Schneckentempo – dem Fluss entlang. Es ist Frühling. P. und H. plantschen am Wasser. Andere Eltern schauen uns an, als seien wir Rabeneltern, welche ihre Kinder im März barfuß herumrennen lassen. Zumal P. schon wieder Bier gekauft hat.

 

24.03.2016

Ich hatte das intensivste Kinoerlebnis seit Jahren: “Room” von Lenny Abrahamson. Seit “United 93” von Paul Greengrass habe ich keinen Film mehr gesehen, der mich auf diese Art berührt hat (“127 Hours” von Danny Boyle fällt, obwohl auf einem wahren Ereignis beruhend, bereits in eine andere, weniger realistische, Art von “intensiv”). Ich habe noch nie eine Film gesehen, dessen emotionale Kurve wie diejenige von “Room” verläuft: Der Film beginnt mit emotionaler Folter, dreht dann die Schrauben nochmals fester und beginnt sie ab der Mitte des Filmes langsam zu lockern, bis man sich erst ganz am Ende wieder auf sicherem Boden wähnt. Kein Happy End, sondern eine Befreiung.

Nachher war ich in La Central, wo ich mir einen neuen Roman kaufte. Beinahe hätte ich das erste Buch von Karl-Ove Knausgaards “My Struggle” gekauft (eine Buchserie, die süchtig machen soll) entschied mich dann aber doch für Zeitgeprüfteres: “Brave New World” von Aldous Huxley.

23.03.3016

Running am Morgen. Ich stand erst nach sechs Uhr auf, weshalb es zum ersten Mal dieses Jahr wieder hell genug war, im Park zu laufen. Mein Park liegt auf einem Stück offenem, aber von Wohnquartieren und Vorstädten eingeschlossenem Land. In der Ferne sieht man die Wolkenkratzer Madrids. Am Horizont die immer noch schneebedeckte Sierra.

morning run 1

Danach geschrieben, gearbeitet und schließlich zwei Stunden mit P. von Spielplatz zu Spielplatz gezogen. Eigentlich wollen wir wieder einmal zu Pablo, wo P. zur Caña (meiner Caña versteht sich) immer Lacón mit Patatas als Tapa erhält, aber das Café war zu. Semana Santa.