“Bekenntnisse eine Bürgers” von Sándor Márai

Bereits auf den ersten Seiten fesselte mich dieses Buch; ich liebe Bücher aus dem neunzehnten und dem frühen zwanzigsten Jahrhundert. Ich liebe es von der Welt zu erfahren, welche der Unseren voranging, auf welcher wir stehen.

Sándor Márai ist ein ungarischer Schriftsteller, welcher in den ersten Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts in einer ungarisch- und deutschsprachigen Stadt in der heutige Slowakei (im ehemaligen Österreich-Ungarn) aufwuchs. Im ersten Band erzählt er aus den ersten vierzehn Jahren seines Lebens, bis ein Bote in ein Familienfest hineinplatzt und ankündigt: “Der Kronprinz ist tot!”

Was danach folgt wissen wir. Márai nimmt den Faden erst 1923 wieder auf, als er frisch verheiratet von Berlin nach Paris übersiedelt. In Rückblicken erzählt er dann auch von seinen Studien- und Wanderjahren in Deutschland, aber was er im Krieg getrieben hat, erfahren wir nie genau – außer, dass er noch als Kanonenfutter rekrutiert wurde, ohne aber zum Einsatz zu kommen.

Es ist merkwürdig, wie Márai auf den über vierhundert Seiten nie vom Krieg spricht. Auch Politik interessiert ihn nicht. Sogar von Freunden und Bekannten schreibt er nur am Rande, beschreibt sie mehr als Kuriositäten, denn als wichtige Elemente seines Lebens. Er ist bereits auf dem Weg zurück nach Ungarn, als er uns in einem Satz noch schnell hinterherwirft, dass seine Frau in Paris zurückgeblieben sei.

Über viele Seiten hinweg, fast bis zum Ende, vermochte ich trotz der wortgewaltigen Sprache den Menschen Márai nur schwer zu erfassen. Was trieb ihn um? Oft blieben mir seine Aktionen unverständlich – und auch er selbst wusste manchmal nicht was er tat. Zum Beispiel, als er mit vierzehn ziellos aus der keineswegs schlechten, aber kulturell und sozial erstarrten Familie (welche dem niedrigen Adel angehörte) ausriß, durch die Dörfer zog, nur um bald aufgegriffen und in ein schreckliches Erziehungsinternat gesteckt zu werden.

Marai gehört zu den Künstlern, die nichts Bestimmtes zu suchen schienen, die aber besessen die Welt und die Menschen und das Leben beobachteten und sich selbstlos – sich weder um Geld noch um Ruhm und nicht einmal um angenehme Lebensumstände kümmernd – hineinstürzen, um alles in sich aufzusaugen. Rastlos zieht es ihn durch Westeuropa: Frankfurt, Weimar, Berlin, Paris, London, bis er schließlich zurück nach Budapest zieht.

Márai weiß schon als Kind, dass er einmal Schriftsteller werden will, aber er hat keinen Plan, feilt nicht eifrig an seiner Karriere (im Gegensatz Hemingway, der 1923 ebenfalls in Paris wohnte und sehr bewusst an sich als Schriftsteller arbeitete – Márai erwähnt ihn nicht). In den Jahren bevor er der ersten Roman in Angriff nimmt, schreibt er hunderte von Artikeln, aber es ist ihm eigentlich egal, was mit seinen Texten geschieht. Als er, der sich der deutschen Sprache nie ganz sicher war, im Feuilleton der “Frankfurter Zeitung” publiziert wird, kann er es selbst nicht glauben. Was damals für jeden angehenden Schriftsteller ein riesiger Karrieresprung gewesen wäre, erregt Márai nicht besonders. Oft kümmert er sich nicht einmal um sein Honorar.

Erst in den letzten Kapiteln beginnt alles Sinn zu machen – für uns und für ihn: Márai beginnt Bücher zu schreiben.

“Dann machte ich mir klar, dass es für mich kein Entkommen gibt, niemand für mein Schicksal verantwortlich ist und ich mich dem Werk ausliefern muss, mit Haut und Haaren, ohne Einschränkung: So werde ich leben, unter dem Hochdruck dieser fixen Idee, zweiteilig in verzweifelter Fluchtpanik und immer wieder in das andere Leben zurücksinkend, auf das Papier. Das Schreiben ist in erster Linie tatsächlich das , als was es sein großer Kenner und Analytiker Erno Osvát einmal bezeichnete: eine Lebensweise.”

Bekenntnisse eine Bürgers” ist ein wunderbares Buch. Erinnerungen eines Künstlers und Europäers als junger Mann.

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