Der unverzagte Wirt

Wer in Spanien von einer “bar” spricht, meint eine Mischung aus Café und Quartierkneipe, in welcher die meisten Gäste an der Theke stehen und je nach Tageszeit entweder einen Kaffee oder ein kleines Bier trinken. Man unterhält sich, liest eine der aufliegenden Zeitungen oder starrt zum unvermeidlichen Fernseher hoch, welcher plärrend unter der Decke klebt.

In unserer Straße gibt es eine solche Bar. Sie trägt einen merkwürdigen Namen und ist immer leer. Oder meistens leer. Ich trinke dort manchmal einen café solo; er schmeckt hervorragend.

Der Wirt, ein glatzköpfiger Mann, stets korrekt, aber nie freundlich, sperrt jeden Morgen pünktlich um sieben die Tür auf und stellt den Fernseher an. Zur Mittagszeit schleppt er dann eine Tafel auf die Straße, um potentielle Laufkundschaft auf das Mittagsmenü aufmerksam zu machen. Für 8.50€ kriegt man, so steht es auf der Tafel geschrieben, einen ersten und einen zweiten Gang, sowie ein Getränk und ein Dessert. Normalerweise gehört auf eine Tagesmenü-Tafel auch eine Liste der zur Auswahl stehenden Gerichte. Unser Wirt aber bemüht sich nie um dieses Detail. Ich sehe auch nie jemanden in seiner Kneipe essen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er tatsächlich jeden Tag verschiedene Gerichte vorbereitet. Was wohl passieren würde, wenn jemand sich tatsächlich einmal zum Mittagessen hinsetzen würde?

Eigentlich hätte der Wirt ein gutes Lokal: geräumig, nahe der Metrostation und mitten in einem Wohnquartier. Am fehlenden Arbeitswillen liegt es auch nicht: Immer wenn ich nach Hause komme, morgens wie abends, sehe ich den unverzagten Wirt bewegungslos hinter seiner Theke stehen. Er sponsert sogar einen lokalen Kinder-Fußballverein. Die kleinen Sportler und ihre Eltern treffen sich jeweils am Spieltag vor seiner Bar. Selten sehe ich sie mit einem Getränk in der Hand.

Vermutlich hat all dieser Misserfolg den Wirt abgestumpft. Oder vielleicht geht niemand in seine Bar, weil er immer ein dumpfes Gesicht macht und resigniert hinter der Theke steht. Auf alle Fälle sind er und seine Bar mir ein Rätsel. Wegen des starken Espressos freue ich mich trotzdem jedes Mal auf einen Besuch.

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