Bye Tarantino

Gestern habe ich mich von Tarantino getrennt und das obwohl ich gar nicht mit ihm verabredet war. Naja, nicht endgültig. Ich werde ihn immer mögen, um der alten Zeiten Willen.

Ich war am Abend im Kino. Eigentlich wollte ich mir den hochgelobten “The Revenant” anschauen, zog aber nicht in Betracht, dass mein Lichtspieltheater seit einiger Zeit die Parole “am Mittwoch ins Kino!” ausgibt und nur 4.50€ für die Vorstellung verlangt. Als ich um fünf vor sieben vor an der Plaza de los Cubos aufkreuzte, war die Schlange für die sieben Uhr Vorstellung zu lang. Ich ging ins nahe Starbucks. Eigentlich bevorzuge ich ja spanische Cafés und spanischen Kaffee, aber ich wollte die drei Stunden bis zur zehn Uhr Vorstellung mit einem Buch überbrücken und dafür eignen sich die Starbucks-Sessel hervorragend.

Ich las in Sándor Márais “Bekenntnisse eines Bürgers”. Wie ich schon in früheren Blogposts bemerkte, gefällt mir das Buch sehr gut. Ich liebe Literatur aus dem neunzehnten und dem frühen zwanzigsten Jahrhundert – am liebsten ist mir vermutlich Gottfried Keller, nicht zuletzt weil er das Land, in dem ich aufgewachsen bin, vor dem Einbruch der großen und immer schneller vor sich gehenden Veränderungen schildert. Márai beschreibt seine Kindheit im Osten des in den letzten Zügen liegenden Österreichisch-Ungarischen Kaiserreichs und springt dann unerwartet vom Jahre 1914 (“der Kronzprinz wurde ermordet”) ins Jahr 1923, als er, dreiundzwanzigjährig, mit seiner Frischvermählten von Berlin nach Paris zog. Ob wir noch erfahren werden, was dazwischen geschah, bleibt abzuwarten.

Nach zwei Stunden Lektüre ging ich – immer noch eine Stunde vor der zehn Uhr Vorstellung – wieder zum Kino um meine Eintrittskarte zu kaufen, musste aber feststellen, dass die Abendvorstellung von “The Revenant” bereits wieder ausverkauft war. Zähneknirschend entschied ich mich für “The Hateful Eight” von Quentin Tarantino. Eigentlich wollte ich mir diesen Film ja gar nicht anschauen, aber er war die einzige Option und da ich mich früher einmal als “Tarantino-Fan” bezeichnet hätte, war ich trotz allem natürlich doch neugierig auf den Film. Ich kaufte mir eine Karte.

Trotz allem? Was ist eigentlich passiert? Dazu komme ich gleich.

Zunächst blieb mir noch eine knappe Stunde für einen Spaziergang durchs nächtliche Madrid. Ich hörte mir dabei die Tim Ferriss Show an. Zu Gast war Seth Godin – ein äußerste inspirierender Mann, nicht nur für Menschen die Interessen an Marketing und Startup-Unternehmen haben. Seth Godin ist ein wahrer Guru für alle, die es dazu drängt, etwas zu kreieren (siehe dazu auch mein gestriges Post). Hier ein Zitat aus dem Podcast, das ich mir aufgeschrieben habe:

“To be good at it means to clear the deck so that all that’s left is you and your muse, you and the fear, you and the change you want to make in the world.”

Seth Godin sagt, dass man alles Störende aus seinem Leben, oder zumindest aus seinem Arbeitsleben, entfernen soll. Alles, das nichts mit der “Mission” zu tun. Solange bis man nur noch der Angst gegenübersteht. Der Angst davor, etwas zu schaffen. Der Angst davor, das Geschaffene jemandem zu zeigen. Das mag sich für manche Ohren immer noch abstrakt anhören. Für mich macht es profunden Sinn.

Einer der seine Mission ernst nimmt ist Quentin Tarantino. “The Hateful Eight” ist sein achter Film. Hier eine kurze Rekapitulation der vorangegangenen sieben (Kill Bill ist eigentlich ein Film, obwohl er als zwei Filme in die Kinos kam):

“Reservoir Dogs”: gesehen zum ersten Mal auf Videokassette in St. Gallen ~1995, richtig gesehen erst ~2003 auf der Zehn-Jahres-Jubiläums-DVD. Ich liebe diesen Film, weil er das perfekte Beispiel dafür ist, wie ein junger Filmemacher ein Genre (heist movie – also einen Film über einen Raubüberfall) nimmt und es, um diesen Klischeesausdruck zu gebrauchen, neu erfindet. Der junge Tarantino beginnt “Reservoir Dogs” nicht wie üblich mit der Planung des Verbrechens, sondern direkt nach dem missglückten Überfall. Mit der Ausnahme einiger Rückblicke in die Plannungsphase spielt beinahe der ganze Film in einer Lagerhalle. Tarantino hatte das Drehbuch absichtlich so geschrieben, dass er es mit seinem eigenen (durch den Verkauf des Drehbuchs “True Romance” verdienten) Geld hätte Finanzieren können. Das Drehbuch fiel aber in die Hände von Harvey Keitel. Der Rest ist Geschichte.

“Pulp Fiction”: gesehen 1995 in einem Programmkino in Zürich, wo der Film seit mehr als einem Jahr im Nachtprogramm lief. Als ich das Kino verließ, fühlte ich mich, als gehe ich selbst durch die Filmwelt, die ich gerade verlassen hatte. Ich kaufe mir eine Coca Cola, was ich eigentlich nie tue, und trank sie auf die Art und Weise, wie im Film getrunken wurde. Dieses Nachwirken der Filmwelt in meine eigene Wirklichkeit kommt bei mir nur ganz selten vor. “Pulp Fiction” ist einer meiner Lieblingsfilme.

“Jackie Brown”: gesehen 1998 in Miami, auf einer recht problematischen, weil “unterfinanzierten” USA-Reise. Das Geld reichte nicht aus und wir – mein alter Reisekumpan und bester Freund aus Kantonsschulzeiten, Urs, und ich – übernachteten in oft zweifelhaften Motels. Das erste was wir auf unserem ersten abendlichen Gang vom Hotel in die Bar in New Orleans fanden, war eine Patronenhülse. Wir beschlossen auf dem Rückweg ein Taxi zu nehmen, waren dann aber natürlich betrunken und spazierten mitten in der Nacht fröhlich durchs Ghetto. Ich mag “Jackie Brown”. Es ist meiner Ansicht nach Tarantinos zweitbester Film. Ich wünschte er würde noch einen Film machen, der in der realen Welt und der Gegenwart spielt.

“Kill Bill I”: gesehen 2001 in Wien, als ich dort als Unternehmensberater für ein Telekomunternehmen arbeitete. Wie gestern “The Hateful Eight”, sah ich auch “Kill Bill I” spät abends, in einem kleinen Kino neben meinem Hotel. Ich war sehr müde und der Film enttäuschte mich. Er war unterhaltsam, spielte aber in einem Film-Universum, dass mich wenig interessierte.

“Kill Bill II”: Ich weiß nicht mehr, wo ich Kill Bill II gesehen hatte, vermutlich aber in London, wo ich 2004 bereits wohnte. Er gefielt mir recht gut, aber außer der finalen Szene, welche sehr emotional war, habe ich kaum Erinnerungen daran.

“Death Proof”: gesehen 2007 in London in Anwesenheit des Regisseurs. Ein trauriger Film. Die Figuren sprechen, als hätte jemand versucht Tarantino-Dialog zu schreiben. Die Hälfte oder mehr des Filmes besteht aus einer Autoverfolgungsjagd.

“Inglorious Basterds”: gesehen in den Weihnachtsferien 2009 in St. Gallen. Ich finde dieses komödienhafte Zweiter-Weltkriegsdrama recht gelungen.

“Django Unchained”: gesehen 2013 in Madrid. Ein Sklaven-Drama aus den amerikanischen Südstaaten vor dem Bürgerkrieg. In Interviews hatte Tarantino zu verstehen gegeben, dass er seinen Film als wichtigen Beitrag zur Verarbeitung der eigenen (amerikanischen) Geschichte sehe. Ich fand’s einen Kinderfilm, der aber wegen der Gewalt nicht für Kinder geeignet war. Mein Vater sah in aus Versehen und fand in “saublöd”. 2013 hatte ich noch genug Geduld für diesen Film, heute aber würde ich ihn nicht mehr sehen wollen. Es war übrigens Pauls erster Film – Carolina war im sechsten oder sieben Monat schwanger.

Es überrascht mich selbst zu sehen, dass mir eigentlich nur die ersten drei Filme von Tarantino gefallen haben und dass der letzte dieser drei achtzehn Jahren in den Kinos lief! Weshalb aber hätte ich mich noch bis vor kurzem als “Fan” bezeichnet?

Das liegt vermutlich daran, dass Tarantino einer der wenigen “öffentlichen Regisseur ist”. Ich weiß wie er spricht. Ich glaube ihn zu kennen. Seine Geschichte ist eine Eindrückliche: Ein Schulabbrecher, der sich als Angestellter in einem Videoladen ein beeindruckendes Filmwissen ansieht und beginnt selbst Drehbücher zu schreiben. Bereits mit seinem ersten Film zeigt er sein ganz außerordentliches Talent. Dann kommt “Pulp Fiction”. Natürlich respektiere ich Tarantino immer noch. Er ist ein echter Auteur, der genau die Filme macht, die er machen will. Es ist einfach so, dass sie mich nicht mehr interessieren.

Vielleicht ist er das Beispiel für einen Menschen, der sehr früh Erfolg hatte und sich danach nicht mehr weiterentwickelte, weil er mit niemandem mehr zu kämpfen hatte. Hätte man nicht von diesem jungen Tarantino erwartet, dass er einmal zu einem ganz wichtigen Regisseur werden würde?

Über “The Hateful Eight” habe ich jetzt gar nichts geschrieben. Das überlasse ich Mark Kermode:

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s