Mach etwas und zeig es her!

Als ich heute Morgen auf dem Weg zum Gym durch die Dunkelheit lief, kam mir plötzlich ein altes Buch in den Sinn. Eine gute Stunde später hielt ich es in der Hand – zum Glück, den ein Großteil meiner Büchersammlung wartet in der Schweiz schon seit Jahren auf den Transport nach Spanien.

Das Buch heißt “Moviemakers’ Master Class“. Auf der ersten Seite steht handgeschrieben, dass ich es 2004 in London gekauft und 2007 ein zweites Mal gelesen hatte. Es ist ein unscheinbares Buch: kein überschwängliches Zitat schreit vom dezenten Buchdeckel und trotz zweiundvierzig Rezensionen im Amerikanischen Amazon-Shop wird es von ähnlichen aber aggressiver um Aufmerksamkeit heischenden Büchern in die zweite oder dritte Reihe verdrängt. Das hängt wohl damit zusammen, dass das Buch 2002 erschien, noch bevor (vorwiegend englischsprachige) Sach- und Genrebücher mit der Hilfe von Growth Hacking gelauncht und vermarktet wurden. Der Autor, damals “ein junger Mann”, heute ein Regisseur der Filme macht (im Gegensatz zu: – Und was machst du so? – Ich bin Regisseur. – Hab ich etwas von dir gesehen? – Nein, ich arbeite gerade an meinem ersten Film) … der Autor also, heute arbeitender Regisseur, hat keine Webseite: alte Schule.

Nichtsdestotrotz: ein großartiges Buch mit sehr lehrreichen Text für Menschen mit kreativem Schaffensdrang.

Etwas zu machen und es der Welt zu zeigen, ist heute einfacher den je. Mein Blog lege Zeugnis dafür ab. Ob die Welt hinsieht, ist natürlich eine andere Frage (und ob es sich überhaupt lohnen würde, hinzusehen, steht nochmals auf einem anderen Blatt Papier geschrieben). Dennoch: wenn dem Macher etwas im Wege steht, sind es heute weder die Produktionsmittel noch die Publikationskanäle, sondern die Angst vor dem Machen und dem Herzeigen.

In “Moviemakers’ Master Class” erzählen einundzwanzig Regisseure von ihren Anfängen. Der Autor fasst sie in fünf Gruppen zusammen: Die Wegbereiter, die Revisionisten, die Fantasten (Dream Weavers), die Großen Kaliber (Big Guns), und der Nachwuchs. Nur einer steht in einer Kategorie für sich selbst: Jean-Luc Godard. Wie er das verdient hat, ist mir ein Rätsel – ich bin alles andere als ein Godard-Fan, aber seine in diesem Buch erteilten Ratschläge habe ich nie vergessen [Übersetzung von mir – AE]:

… wenn ein aufstrebender Regisseur zu mir kommt, gebe ich ihm immer denselben Tipp: “Nimm eine Kamera, filme etwas, und zeig es jemandem. Irgendjemandem. … Zeige deinem Publikum was du gedreht hast und beobachte ihre Reaktion. Wenn sie sich interessiert zeigen, dreh noch etwas. Mach zum Beispiel einen Film über einen typischen Tag in deinem Leben. Aber finde eine interessante Art, es zu tun. Wenn die Beschreibung deines Tages so lautet: ‘Ich stand auf, rasierte mich, trank einen Kaffee, rief jemanden an …’ und wir auf dem Bildschirm tatsächlich sehen wie du aufstehst, dich rasierst, Kaffee trinkst und jemanden anrufst, wirst du schnell merken, dass dies nicht interessant ist … Wenn du einen Film über deine Freundin machen willst, mach einen Film über deine Freundin. Aber mache ihn richtig: Geh in Museen und schau dir an, wie die großen Meister die Frau, die sie liebten, malten. Lies Bücher und schaue, wie Schriftsteller über die Frauen, die sie liebten, schrieben. Dann mache einen Film über deine Freundin.

Noch weiß ich nicht, was aus diesem Blog werden wird, aber ich weiß, dass täglich einen kleinen Teil meiner Perspektive mit der Welt teilen möchte.

Ausgespuckt vom Universum und alsbald wieder verschluckt von demselben, ist meine Perspektive das Einzige, was ich habe. Wenn ich etwas mache und in die Welt hinausstelle, erfülle ich meinen Sinn – den wieso sonst hätte das Universum mich mit einer kaum wahrnehmbaren Zuckung in die Welt hinausgeschossen?

 

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