Ernst Jünger und die Kolonisation der Inneren Welt

Mein iPhone vibrierte um Viertel nach fünf und riss mich schroff aus der inneren in die äußere Welt, wo ein winterlich-kalter Montagmorgen auf mich wartete. Ich lag neben Paul. Er hatte nachts gehustet und gerufen und ich hatte das Bett gewechselt.

Ich schlüpfte in meine bereitliegende Running-Kleidung, wärmte Kaffee vom Vortag und las ein paar Kapitel in Sándor Márais “Bekenntnisse eines Bürgers“. Als es gerade so richtig spannend wurde: der vierzehnjährige Sándor riss aus dem gutbürgerlichen aber intellektuell erstarrten Zuhause aus, blickte ich auf die Uhr und erkannte, dass es auch für mich höchste Zeit war, aus dem Hause zu treten.

Minuten später, um zwanzig vor sieben, stand ich auf der Straße. Bei acht Grad, welche sich wegen des Windes aber kälter anfühlten, lief ich durchs Stadtrandquartier, bis mich die äußerste der drei Madrider Ringautobahnen nach rechts zwang, wo ich ihr in einiger Entfernung folgte. Die durch die Dunkelheit rauschende Lichterkarawane macht jeden Morgen einen übernatürlichen Eindruck auf mich: Egal was passiert auf der Welt – außer vielleicht ihr Ende komme auf einen Schlag – werden diese Lichter über die Autobahnen rasen wie durch Blutadern. Sie erinnern mich daran, dass der große Lauf der Dinge sich um nichts und niemanden kümmert.

Ich lief weiter, vergaß das Ende der Welt wieder und dachte an Ernst Jünger, von dem ich noch keine Zeile gelesen habe, der mich aber immer mehr zu interessieren beginnt. Gestern Abend hatte ich mich aus unbekannten Gründen, aber ursprünglich ausgelöst von der Lektüre dieser Rezension, daran erinnert, dass ich 1995, am Vorabend von Jüngers hundertstem Geburtstag, im ZDF einen beeindruckenden Dokumentarfilm über den alten Insektensammler gesehen hatte. Da ich am Sonntagabend zwei Stunden Zeit für mich selbst hatte, aber zu müde zum Lesen war, hatte ich mir den “Ein abenteuerliches Herz” auf Youtube nochmals angeschaut.

Einundzwanzig Jahre verweht. Einundzwanzig Jahre, in denen ich nicht ein einziges Mal an Jünger gedacht hatte. Ich weiß kaum etwas über ihn, nur sein schlechter Ruf – “In Stahlgewittern” … wer schreibt den sowas? – eilt ihm voran. Aber je mehr ich von ihm erfahre, desto mehr beginnt sein Leben und Schreiben mich zu interessieren: Träume, Tagebücher, Kampf, Waldspaziergänge, Rausch … Mit großem Interesse las ich auch, dass Jünger mit LSD experimentierte – zusammen mit Albert Hoffmann, dem Schweizer Erfinder (oder Entdecker?) desselben. Ich habe selbst noch nie psychedelische Drogen probiert (und habe es auch nicht ernsthaft vor), lese aber gerne Erfahrungsberichte von Benutzern. In der Welt der “Pflanzenlehrer” (plant teachers), sollen geheimnisvolle Wesen leben! Psychedelische Abenteurer wie Graham Hancock glauben sogar, dass wir noch keinen Kontakt mit Außerirdischen haben, weil wir auf der falschen Seite unseres Bewusstseins suchen. Höhere Wesen entwickeln sich nach Innen, nicht nach außen. Sie lassen das Materielle zurück.

Das hört sich wie die Hirngespinste eines Verrückten an – noch verrückter als einer, der poetisch über Bombenhagel schreibt – aber die Idee, dass die Evolution sich (hier oder anderswo im Universum) nicht materiell und nach außen entwickelt, sondern digital und geistig (im Reiche der künstlichen Intelligenz beginnen die Unterschiede zwischen diesen beiden Begriffen zu verschwimmen) und ab einem bestimmten Stadium “im Innern” weitergeht, wird auch von ernsthaften Wissenschaftlern vertreten.

In seinem hervorragenden und erschreckenden Buch “A Rough Ride to The Future” schreibt der angesehene, unterdessen sechsundneunzigjährige Wissenschaftler James Lovelock, dass künstliche Intelligenz die nächste Stufe der Evolution sei: auf einem zunehmend unbewohnbaren Planeten sichert sich das Leben sein Fortbestehen, indem es das Materielle auf das Nötigste beschränkt und das Leben “nach Innen” oder eben digital weiterentwickelt. Artificial Intelligence (AI), nicht als Roboter mit mechanischer Stimme, sondern als denkfähiges und fühlendes (?) Computerprogramm. Die vernetzte Intelligenz braucht nur noch eine einzige Energiequelle, zum Beispiel die Sonne.

Und, so dachte ich, als ich die Allee hoch wieder unserer gemütlich-warmen Wohnung entgegenlief und meine Gedanken von Ernst Jünger zu außerirdischem Leben sprangen, dass die Zukunft vielleicht tatsächlich “im Innern” liege – so esoterisch sich das anhören mag.

Eine der wichtigsten Zukunftsforschungsinstitutionen – die Singularity University (welche von Google unterstützt wird, der Firma die schon seit längerem im großen Stile in AI investiert; Google’s AI-Chef Ray Kurzweil hofft tatsächlich, er lebe ewigno joke!) – schreibt Folgendes [meine Hervorhebungen – AE]:

… futurist John Smart proposes the fascinating “transcension hypothesis” theorizing that evolutionary processes in our universe might lead all advanced civilizations towards the same ultimate destination; one in which we transcend out of our current space-time dimension into virtual worlds of our own design.

According to Smart, as a species moves into its technologically advanced stage of progress, it develops virtual environments that exist on computers infinitely smaller than the ones we use today. Advanced species don’t colonize outer space — an idea they’d find archaic — but instead colonize inner space.

Genauso wie Ernst Jünger, beginnt mich AI jeden Tag mehr zu interessieren!

Ist das nicht ein faszinierender Gedanke, ging es mir durch den Kopf, als ich Carolina und Paul weckte: Diejenigen von uns die noch ein paar Jahrzehnte Leben vor sich haben (und hoffentlich gehören wir alle drei zu den Glücklichen!), werden die Ankunft einer höheren Lebensform auf Erden erleben: Eine dem Menschen tausendfach überlege künstliche Intelligenz. Vielleicht werden wir tatsächlich erst im Netzwerk dieser Intelligenz zum ersten Mal Kontakt mit Außerirdischen aufnehmen.

 

 

 

 

 

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